Eine musikalische Jazzreise durch die USA

Von der Wiege des Jazz, New Orleans, bis nach Harlem in New York

Eine Jazzreise durch die USA, vom Delta im Süden bis nach Harlem/New York. Raddampfer und Eisenbahn waren die Verkehrsmittel der Zeit, natürlich auch für die Musiker.

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“ - eine Reise in Sachen Jazz sieht allerdings etwas anders aus, denn die an dieser Reise beteiligten Musiker, Texter und Komponisten haben nur in den wenigsten Fällen das Land oder die Stadt gesehen, das sie musikalisch, zumindest im Titel, beschreiben.

Jazzmusik auf dem Raddampfer

Besteigen wir also den Raddampfer am Mississippi, vielleicht im Delta am Golf von Mexiko und fahren über New Orleans nach Memphis, zu einer Zeit, als die Dampfer der Streckfus-Line noch das Flußbild beherrschten. Auf diesen Dampfern begann die Karriere vieler New Orleans Musiker, ob das nun Johnny Dodds oder Johnny St. Cyr, Louis Armstrong, Zutty Singleton oder Baby Dodds war. Sie alle spielten unter dem Bandleader Fate Marable, der selbst leider nur zwei Titel aufnahm. Jelly-Roll Morton beschreibt diese Zeit mit seinem „Steamboat Stomp“, selbst das Tuten der Nebelhörner ist zu hören.

Piron und Williams, von New Orleans nach New York

Nach Passieren des Missisippi-Delta fahren wir stromaufwärts und erreichen New Orleans, die sogenannte „Wiege“ des Jazz. Viele Kompositionen sind nach dieser Stadt benannt, z.B. der „New Orleans Wiggle“ von Armand J. Piron. Dieser gehörte mit Clarence Williams zur „high society“ des Jazz und des schwarzen Entertainments in New Orleans. Beide gründeten hier einen Musikverlag, doch als dieser sich nicht mehr rechnete, zog Williams nach nach New York, um dort sein Brot zu verdienen. Der Kreole Piron blieb in New Orleans und leitete dort eine der besten Society-Bands. Im Herbst des Jahres 1923 folgte er einer Einladung nach New York, machte dort eine ganze Reihe von Aufnahmen, ging allerdings nach etwas mehr als einem halben Jahr zurück. „Wiggle“ war ein Tanz mit zum Teil sehr stürmischen Bewegungen und deshalb nicht gern gesehen bei überfüllten Tanzsälen. Häufig stand auf großen, nicht zu übersehenden Schildern „DON’T WIGGLE“.

Mit der Eisenbahn nach Chicago

Wir haben inzwischen das Verkehrsmittel gewechselt und befinden uns mit der Eisenbahn auf dem Weg nach Chicago, wichtigstes Jazz-Zentrum in den 20er Jahren, berühmt wegen der Gangster-Syndikate, des illegalen Alkoholhandels während der Prohibition und wegen seiner riesigen Schlachthöfe, die sogar Bertolt Brecht zu seinem Theaterstück „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ inspirierte. Südlich des Chicago River, unweit des Lake Michigan, an der so genannten „South Side“, schlug Chicagos schwarzes Herz. In den „Lincoln Gardens“ spielte Oliver, im „Apex Club“ Jimmie Noone, nicht weit entfernt, im „Grand Terrace“, spielte Earl Hines, und im „Savoy Ballroom“ feierte Armstrong Triumphe. Dieser Stadt ist der „Chicago Blues“ gewidmet, den der berühmte Harlem-Pianist James P. Johnson mit seiner Band im Jahr 1928 aufnahm.

Zwischenstation Baltimore

Baltimore, eine Großstadt an der Chesapeake-Bay, nordöstlich von Washington gelegen, ist die nächste Zwischenstation auf unserer Reise. Die bekannteste „Baltimore“-Aufnahme ist vom „Clarence Williams’ Blue Five Orchestra“, mit Gesang, und zwar von Katherine Henderson und nicht von Eva Taylor, wie es sonst meist der Fall war. Wenn Sie die Platte auflegen wollen und den Text hören, lassen Sie sich, bitte, nicht in die Irre führen. Es gab keinen Tanz dieses Namens.

Harlem und der "sugar hill"

Wir machen nun Halt in New York, genauer, in Harlem. Dieser Stadtbezirk ist zum größten Teil von Farbigen bewohnt. Arm und Reich wohnen hier dicht beieinander, Slums und großzügige Wohnanlagen in häufigem Wechsel. Von hier führt der berühmte „A-Train“ zu den von den Weißen bevorzugten Stadtteilen. Eines der beliebtesten Wohngebiete für die Privilegierten unter den Farbigen wie Ärzte, Anwälte oder Entertainer, hieß im Slang „Sugar Hill“, wobei „sugar“ ganz einfach „Geld“ bedeutet. Es lag also nahe, auch ein Musikstück danach zu nennen, und Henry „Red“ Allen tat es dann auch. Sein „Sugar Hill Function“ ist ein großartiges Beispiel für den Harlem-Jazz der späten 20er Jahre. Allens Orchester ist übrigens identisch mit der Band des Pianisten Luis Russell. Dieser hatte nur aus Vertragsgründen für seine VICTOR-Aufnahmen den Namen seines Trompeters gewählt, denn Russell war bei OKeh unter Vertrag.

Bernhard H. Behncke, Dorothea Behncke-Brahmer

Bernhard H. Behncke - Ich wurde 1935 in Pinneberg bei Hamburg geboren. Nach dem Gymnasium begann ich eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete ...

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