Eine klassische Kurzgeschichte schreiben

Eisberg - Pia Helfferich
Eisberg - Pia Helfferich
Kurz ist nicht gleich kurz. Klassische Kurzgeschichten zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus, die hier vorgestellt werden.

Jeden Prosatext, der nicht sehr lang ist, kann man, wenn es beliebt, als Kurzgeschichte bezeichnen. Daneben gibt es jedoch auch noch den Typ der klassischen Kurzgeschichte, wobei es sich um einen Text handelt, der spezielle Merkmale aufweist, die über die Länge oder Kürze hinausgehen. Um sie soll es hier gehen.

Handlung einsträngig

Die klassische Kurzgeschichte zeigt einen bestimmten Moment, so wie ein Blitzlicht eine Szenerie erleuchtet. Was kann man wahrnehmen in einem dunklen Zimmer, das von einem Blitz erhellt wird? Nicht viel. Auch beim Schreiben der Kurzgeschichte muss man demzufolge mit wenigen Mitteln auskommen, Ökonomie ist das oberste Gebot. In dieser kurzen Zeitspanne des Blitzes kann nur ein Geschehnis im Mittelpunkt stehen, die Handlung verläuft einsträngig, es gibt keine Nebenhandlung. Klassischerweise handelt es sich dabei um eine konfliktreiche und emotional aufgeladene Situation.

Figuren mit einem ausgeprägten Charakterzug

Zu dieser sehr konzentrierten Textgattung gehört auch, dass sie mit so wenigen Figuren wie möglich auskommt. Diese werden jeweils mit einer Eigenschaft ausgezeichnet, die den Gang der Handlung beeinflusst. In einer Kurzgeschichte können auch viele Figuren auftauchen, doch dann bilden sie lediglich eine Masse, den belebten Hintergrund, und nur ein paar wenige werden sorgfältiger ausgestaltet und in Szene gesetzt. Als Beispiel dafür kann die Kurzgeschichte „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allan Poe dienen.

Einheit von Ort, Zeit und Stimmung

Um den Blitzlichtcharakter der Kurzgeschichte zu wahren, werden Ort, Zeit und Stimmung begrenzt. Die Geschichte spielt möglichst nur an einem Schauplatz, der erzählte Zeitausschnitt wird so kurz wie möglich bemessen, dazu steigt man am spätestmöglichen Zeitpunkt in die Geschichte ein. Während in einer längeren Erzählung die Atmosphäre von heiter bis schaurig hin und her wechseln kann, ist das auf dem knappen Raum der Kurzgeschichte nicht möglich. Wenn hier eine Geschichte mit trauriger oder unheimlicher Atmosphäre beginnt, muss diese bis zum Ende bestimmend bleiben. Ein altes, aber immer noch gutes Beispiel für die Einheit von Ort, Zeit und Stimmung ist die „Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg“ von Heinrich von Kleist.

Erzählperspektive

Der Ich-Erzähler ist eine für Kurzgeschichten beliebte Perspektive, sei es, dass er als Haupt- oder Nebenfigur der Handlung die Geschichte erzählt. Auch die personale Erzählperspektive ist gut geeignet. Weniger günstig ist der auktoriale Erzähler, denn die Distanz zwischen ihm und den Figuren ist groß und somit auch die Distanz zum Leser. Aber Kurzgeschichten sind ein idealer Ort für Experimente, alles kann funktionieren, wie man auch am Beispiel von Miranda Julys Kurzgeschichte „Irgendwer“ erkennen kann, in der der Protagonist eben einfach nur „irgendwer“ ist.

Aufbau

Der Anfang der klassischen Kurzgeschichte ist zwingenderweise: kurz. Er springt sofort in die Geschichte hinein, es macht nichts, wenn die Leser dadurch nicht alles sofort verstehen. "Tagsüber ahnt niemand was, nicht mal die Mütter tun es, wenn sie uns zärtlich aus ihren Autos schupsen, morgens vor dem Kindergarten, wo uns die Tanten in Empfang nehmen, uns die Augensterne und kleinen Juwelen." (Brigitte Kronauer: Dri Chinisin. In: Deutsche Kurzprosa der Gegenwart.) Dieser erste Satz teilt uns mit, wer die Protagonisten sind (Kindergartenkinder), weckt unsere Neugier (was ahnt niemand?) und führt durch die sanfte Ironie in die Atmosphäre der Geschichte ein. Perfekt.

In der Mitte soll das Problem oder der Konflikt immer weiter verschärft werden. Die Haupt-Charaktereigenschaft des Protagonisten soll dabei eng mit dem Konflikt verknüpft sein. Das Ende ist offen oder eine Pointe. Die Leser sollen ruhig noch einmal über die ganze Geschichte nachdenken müssen, bevor sie sich ihnen komplett erschließt.

Eisberg-Theorie

Die sogenannte Eisberg-Theorie geht auf Ernest Hemingway zurück. Ein Eisberg befindet sich bekanntlich zu zwei Dritteln unter Wasser, und so sollte es auch bei der klassischen Kurzgeschichte sein. Das bedeutet, dass nur ein Teil der Informationen und der Aussage des Textes direkt ausgesprochen werden, die Auslassung alles Unnötigen ist der Weg einen erzählerischen Eisberg zu errichten. Zu erkennen, was weggelassen werden kann und was nicht, macht dabei die Kunst aus. Der Rest der notwendigen Informationen wird durch Bilder, Symbole und durch den Subtext, also das, was zwischen den Zeilen steht, ausgedrückt.

Ein gutes Beispiel für die Eisberg-Theorie ist Hemingways Kurzgeschichte „Hügel wie weiße Elefanten“. Ein Paar sitzt in der spanischen Pampa, trinkt gemeinsam etwas und versichert einander, dass es ihnen gut geht. Mit keinem Wort wird direkt gesagt, dass die Frau ungewollt schwanger ist und ihr Freund sie zu einer Abtreibung drängt, trotzdem versteht man diesen Inhalt. Weiße Elefanten sind ein Symbol für ein unerwünschtes Geschenk. Das Wort Abtreibung fällt zwar nicht, aber sie wird umschrieben: „Es ist wirklich eine furchtbar einfache Operation, Jig“, sagte der Mann. „Es ist eigentlich gar keine Operation.“

Selbst der Name „Jig“ ist kein Zufall, denn für Zufälle ist in der klassischen Kurzgeschichte kein Platz, ein Jig ist auch ein fröhlicher Tanz und somit kann dieser Name das unbekümmerte Leben symbolisieren, dass die beiden bislang gelebt haben. Gleichzeitig bedeutet „Jig“ aber auch „alles ist aus“. Wozu soll es gut sein, die Kurzgeschichte auf diesem Weg strengstmöglich zu verknappen und zu verdichten? Die Leser sind gezwungen mitzudenken, sich vollkommen in die Geschichte einzufühlen, und gerade auf diese oberflächlich betrachtet sparsame Weise kann man komplexe Situationen besonders gut ausdrücken.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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