Eine Lesung mit Thomas Glavinic

„Das bin doch ich“ - Ein Buch über Angst und Einsamkeit und Liebe

Thomas Glavinic - Hanser Verlag
Thomas Glavinic - Hanser Verlag
Der Autor auf Lesereise mit seinem neuen Roman „Das bin doch ich" : Wer ist wer und wo ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion?

Wer den neuen Roman von Thomas Glavinic „Das bin doch ich“ gelesen hat, den treibt die Frage um, was darin wohl wahr und was erfunden ist. Das Bestreben, die eigene Ungewissheit zu beseitigen, rührt vor allem daher, dass der Autor seinen Ich-Erzähler Thomas Glavinic nennt. Außerdem bringt er auch noch andere authentische Namen aus dem aktuellen Literaturbetrieb ins Spiel. Ist das nun ein autobiografischer Text, eine Art unverschlüsselter Schlüsselroman?

Glavinic und der Ich-Erzähler: Zwischen Realität und Fiktion

Eine Lesung mit dem Autor, so hofft man, sollte da Aufschluss bringen. Am 17. April 2008 war Thomas Glavinic im Literarischen Zentrum Göttingen zu Gast. Jens Meyer, Leiter des Literarischen Salons Hannover, sprach mit ihm über sein neues Buch und sein Leben als Autor. Wie ist denn nun das Verhältnis zu seinem Protagonisten, wollte auch Meyer wissen, nicht direkt, sondern durch eher beiläufiges Nachfragen. Glavinic jonglierte genau wie im Buch auf der schillernden Grenze zwischen Realität und Fiktion und ließ sich auf die keine der beiden Seiten festlegen.

Der Roman sei "ein Produkt der Selbstzerfleischung"

Glavinic, 1972 in Graz geboren, lebt in Wien. 1998 veröffentlichte er seinen ersten Roman, dem fünf weitere folgten. Sie zeugen von seiner Vielseitigkeit und stilistischen Brillanz. Das Grundthema, darin sind sich Autor und Moderator einig, ist dabei immer das gleiche: Es geht um Angst, Einsamkeit und Liebe. „Die Arbeit der Nacht“ (2006) sieht der Autor als sein wichtigstes Buch an. Darin wacht ein Mann auf und stellt fest, dass er der letzte, einzige Mensch auf der Erde ist. Nach der Fertigstellung dieses Romans hat Glavinic „aus Notwehr“ das Buch „Das bin doch ich“ geschrieben, ein merkwürdiges Spiel mit Identitäten und einer hoch neurotischen Hauptfigur. Es habe ihn sehr verwundert, dass man das Buch als Satire auf den Literaturbetrieb aufgefasst hat. Es sei doch vor allen Dingen selbstironisch und „ein Produkt der Selbstzerfleischung – wozu ich neige“.

"Das bin doch ich" ist kein Schlüsselroman

Leser, die gekommen waren, um aus berufenem Munde zu erfahren, was nun Fakt und was Erfindung ist, wurden enttäuscht. Auch das Geheimnis, wer „der größte Starautor der westlichen Welt“ sei, wurde nicht gelüftet. Das sei doch egal. Der Glavinic im Buch, so der Autor, sei eine fiktive Gestalt. Aber er selbst habe sich in jener Phase genau so gefühlt wie der, so hilflos ängstlich, im Wartestand, kurz vorm Durchdrehen. Ihm gehe es da wie den meisten Menschen, er komme mit seinem Leben auch nicht klar. Der Roman ist also so etwas wie eine Art Nachgeburt nach der Vollendung von „Die Arbeit der Nacht“. Als Schlüsselroman war er nicht konzipiert. Die darin namentlich genannten realen Personen hätten sich nicht angegriffen oder bloßgestellt gefühlt. Im Gegenteil: Eher würden sich diejenigen beschweren, die nicht darin vorkommen.

Tragikomische Szenen

Glavinic las aus vier Kapiteln und hob dabei das Tragikomische hervor, was durch seinen österreichischen Tonfall noch verstärkt wurde. Das Unbehagen, das den technisch Unbedarften in der Autowerkstatt überkommt, seine Angst beim neuen Zahnarzt, sein Randdasein beim Zusammentreffen mit dem Starautor und das nervige Familientreffen in der Gastwirtschaft – in all diesen peinlichen Szenen konnten die Leser eigene unliebsame Erfahrungen ausmachen. Die Frage, wer wer ist, gab der Autor ans Publikum zurück. „Wer bin ich? Das fragen wir uns doch alle…“

Thomas Glavinic: Das bin doch ich. Hanser 2007. Gebunden, 238 Seiten. Euro 19,90.

Ruth Lisa Knapp, Ruth Lisa Knapp

Ruth Lisa Knapp - Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie war ich als Lehrerin im In- und Ausland tätig, später als ...

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