
- Alex Capus: Léon und Louise - Carl Hanser Verlag
Alex Capus erzählt eine hinreißende, rührende und ernsthafte Liebesgeschichte, die während, zwischen und nach den beiden Weltkriegen spielt. Es handelt sich um die Lebensgeschichte des Großvaters des Ich-Erzählers – vermutlich des Autors selbst. Der Enkel schlüpfte in die Rolle eines fiktionalen Dokumentaristen, das literarische Spezialgenre dieses Schriftstellers. Es gelang ihm ein zeitgeschichtlich spannenden Roman: Ständig changiert die erzählerische Perspektive zwischen Wahrheit und Hinzu-Dichtung von Gefühlen, Gedanken und Gegebenheiten, die vergessen, verschwiegen oder den Nachkommen niemals überliefert worden waren.
Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts
Die Begegnung des 17jährigen Léon Le Gall aus Cherbourg mit der jungen Louise Janvier im Frühling 1918, dem letzten Jahr des Ersten Weltkriegs im hart umkämpften Frontgebiet an der Marne, ihre lebenslange Liebe zueinander, ihr Doppelleben im Schatten einer großen Familie und einer klugen Ehefrau – das allein hätte genügend Material für einen epischen Roman geliefert. Alex Capus beschränkte sich jedoch nicht auf diesen Rohstoff für eine schöne Geschichte. Die Story wäre nur halb so interessant, hätte der Autor sie nicht in die turbulente Historie des 20. Jahrhunderts eingebettet.
Die deutsche Besatzung in Frankreich 1940-1944
Es ist eines der ersten Bücher in deutscher Sprache, keine Übersetzung wie zum Beispiel der Roman "Suite française" von Irène Némirovsky, in dem die deutsche Besatzungszeit in Frankreich von 1940 bis 1944 aus französischer Sicht geschildert wird. Capus, Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin, recherchiert die Fakten für seine Erzählungen und Romane sorgfältig, bevor er sie in eine fiktionale Ebene einbaut, man kann also davon ausgehen, dass seine Schilderungen historischer Ereignisse authentischen und zuverlässigen Quellen entspringen.
Mit dem Fahrrad von Cherbourg an die Marne über Caen, Honfleur, Deauville und Rouen
„Wir Le Galls sind großgewachsene, schwerblütige Leute normannischer Herkunft, die sich mit langen, bedächtigen Schritten fortbewegen,… wie viele Familien glauben wir fest daran, dass wir zwar nichts Besonderes, aber doch immerhin einzigartig sind.“ Léon Le Gall ist ein Spross dieser Familie, er verlässt sein Elternhaus in Cherbourg im Kriegsjahr 1918, um dem Gymnasium zu entfliehen und an der Marne freiwillig eine Arbeitsdienststelle als Bahnhofs-Morseassistent und Fahrkartenverkäufer anzutreten. Er schwingt sich also auf sein Fahrrad und trampelt über Caen, Houlgate, Honfleur, Deauville, Rouen seiner Zukunft entgegen. Diese begegnet ihm schon kurz vor dem Ziel in Gestalt eines etwa gleichaltrigen, sommersprossigen Mädchens in einer rotgepunkteten weißen Bluse auf einem rostigen, quietschenden Herrenrad: Louise. Wie sich herausstellt, arbeitet sie ihrerseits als Hilfsassistentin des Bürgermeisters, der ein bisschen in sie verliebt ist, gerade so viel, um zu einem späteren Zeitpunkt dem jungen Glück einen kleinen Stolperstein vor die Füße zu werfen, der große Wirkung zeigen und ihre Lebensbahnen für lange Zeit trennen sollte.
Doppelleben im Schatten der Konventionen
Dem Roman „Léon und Louise“ darf man einschränkungslos das Attribut Weisheit verleihen, denn das zeitweilige Dreiecksverhältnis (allerdings keine ménage à trois) zwischen Louise, Léon und Yvonne, der Mutter seiner fünf Kinder, hat etwas Altmodisches an sich, es gibt keine Geheimnisse, aber auch keine Freibriefe. Statt entwürdigender Eifersuchtsszenen beherrscht eine lakonische Stimmung die Gemüter, man wahrt äußere Formen, gibt sich aber keine übertriebene Mühe damit, Konventionen zu erfüllen. Alle Beteiligten wissen Bescheid, vermeiden aber offene Worte und damit auch unnötige Verletzungen.
Backpfeifen für Kollaborateure der deutschen Besatzer in Frankreich
Mit die interessantesten Passagen des Buches sind die Kapitel über die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Zweiteilung Frankreichs in eine von deutschem Militär besetzte und eine freie Zone. Es gelingt Capus, die verschwimmenden menschlichen Grauzonen zwischen den „Guten“ und den „Bösen“, den Franzosen und den Deutschen, differenziert herauszuarbeiten. Der deutsche Offizier, der in der Métro einem Juden mit gelbem Stern am Ärmel seinen Platz überlässt. Der gepflegte Clochard, der später ein führender Widerstandskämpfer der FFL (Forces Françaises Libres) unter Général Charles de Gaulle wird und seinem treuesten Münzenspender den lebensrettenden Tipp gibt, eine Weile aus Paris zu verschwinden, um den „Backpfeifen“ zu entgehen, die Kollaborateuren differenzierungslos verpasst werden.
Widerstand in der Pariser Ausländerbehörde
Der vermeintliche Kollaborateur nämlich – Léon Le Gall – hatte die Kaffeegeschenke des deutschen SS-Mannes, dem er zuarbeiten musste, auf dem Schwarzmarkt verkauft und mit dem Erlös vielen Elendsfamilien das Leben gerettet, ebenso wie er viele Karteikarten der Ausländerbehörde so verfälschte, dass die in Paris registrierten Juden, Kommunisten, Freimaurer und anderen verdächtigen Personen von den Nationalsozialisten nicht gefunden und verfolgt werden konnten. „Der Service des Étrangers in Büro 205, die Abteilung zur Kontrolle von Ausländern und Flüchtlingen, hatte weit über die Landesgrenzen hinaus Berühmtheit erlangt als Ministerium der Schande… Es gab Millionen rote Karteikarten für die Registrierung der ausländischen Population, Millionen graue Karteikarten für die Erfassung nach Nationalitäten, Millionen gelbe Karteikarten für politische Informationen“. Diese Kartei war für die SS Gold wert.
Das Gold der Banque de France
Um echtes Gold geht es übrigens in der Geschichtsschreibung von Alex Capus auch – Louise arbeitet nämlich als „Tippmamsell“ in der Banque de France und darf eine Sondermission in den Senegal begleiten, wo sie dann den ganzen Krieg über festsitzt. Noch so eine fantastische Story, die Capus aus den Archiven gegraben hat. Aber lesen Sie selbst!
Alex Capus: Léon und Louise. Roman. Carl Hanser Verlag 2011. Gebunden, 320 Seiten. 19,90 Euro
