„Jazz muss sein wie guter Kaffee: schwarz und heiß“ - dieses kleine Bonmot soll Sie auf die richtige Spur bringen. Doch wir beginnen nicht mit den Getränken. Damit Sie zu Hause die komplette Speisekarte musikalisch nachvollziehen können, werden Ihnen zu allen angebotenen Köstlichkeiten jeweils die Titel genannt. Guten Appetit.

Jazz zum Frühstück

„Frühstück ab 15.00 Uhr“ hat einmal ein witziger Gastronom auf seine Tafel geschrieben. Bei uns beginnt der Tag am frühen Vormittag mit einem „Breakfast Dance“, einem Ellington-Titel aus dem Jahr 1929. So ein „breakfast dance“, sozusagen eine Art von Oldtime-Aerobic, kam in den späten 20er-Jahren in Harlem in Mode. Bekannte Häuser wie „Small’s Paradise“ oder der „Lenox-Club“, den man auch „Breakfast Club“ nannte, boten dem Nachtschwärmer, der über genügend Ausdauer verfügte, bereits am Vormittag Musik, Tanz und Unterhaltung.

Die Getränkefrage zum Frühstück wird auch gleich geklärt. Damit wir einen klaren Kopf bekommen oder behalten, bereitet uns Art Tatum einen „Tea For Two“, oder, wie Schreibfaule auch notieren: „T42“. Bei diesem Titel verrät Tatum den Einfluss des alten Haudegen James P. Johnson, der gemeinsam mit Tatum und Fats Waller so manche Nacht auf dem „Great White Way“, dem Broadway, verbracht hat, nur sicherlich ohne Tee.

„Continental“ oder „English breakfast“?

Für den, der mehr zum „continental“ als zum „English breakfast“ neigt, steht, neben anderen Dingen, auch „Clarinet Marmalade“ auf dem Tisch, in zwei Geschmacksrichtungen. Für beide ist Fletcher Henderson verantwortlich. Zum einen mit einer Aufnahme von 1926, in der uns Buster Bailey diese instrumentale Spezialität serviert, zum anderen mit einer Einspielung von 1931, in der Russell Procope ihn ersetzt.

Eine mexikanische Spezialität, aber auch in Kalifornien und New Orleans bekannt, nennt man „tamale“. Diese Speise, bestehend aus Hackfleisch, gewürzt mit Chilipfeffer und eingerollt in Blätterteig, wird nicht nur auf offener Strasse, sondern auch auf offenem Feuer zubereitet. Händler, zumeist Mexikaner, verkaufen ihre „heiße“ Ware traditionsgemäß von weißgestrichenen Ziehkarren. Die „Hot Tamales“ werden also auf die gleiche Weise an den Mann gebracht wie die heißen Maroni auf dem Münchener Stachus oder die gerösteten Maiskolben auf dem Omonia-Platz in Athen. „Here Comes The Hot Tamale Man“ klingt es durch die Strassen von New Orleans, und so heißt auch der Titel von „Cook And His Dreamland Orchestra“.

Heiße Musik und scharfes Essen

Die reichhaltige Auswahl der Speisekarte erschwert uns die Entscheidung. Also Augen zu und auf’s Geradewohl auf ein „Pepper Steak“ getippt. Diese herzhafte Köstlichkeit bieten uns die „Washboard Rhythm Kings“, die einige renommierte Musiker in ihren Reihen hatten. Darunter Dave Page und Taft Jordan, Trompete; Ben Smith, Altsaxophon oder Teddy Bunn an der Gitarre. Der Titel „Pepper Steak“ ist eine Komposition von Jimmy Shine und hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem berühmten Titel „Everybody Loves My Baby“.

Sollte Ihnen das Essen nicht scharf genug gewürzt sein, wenden Sie sich bitte wieder an Fletcher Henderson und nehmen eine richtige Portion „Hot Mustard“ aus der Dezember-Produktion von 1926. Für die Schärfe sind vor allem Tommy Ladnier, Trompete; Buster Bailey, Klarinette und Coleman Hawkins, Tenorsaxophon, verantwortlich.

Sie vermissen die Beilage zum Steak? - hier ist sie, ein „Mixed Salad“, zubereitet von Johnny Dodds, Klarinette; George Mitchell, Kornett; Kid Ory, Posaune; Joe Clark, Altsaxophon; Lil Armstrong, Piano und Johnny St. Cyr, Banjo. Aufgenommen unter dem Pseudonym „The New Orleans Bootblacks“.

Würstchenbude statt Restaurant

Die Deutschen sind wirklich keine Restaurant-Muffel. Trotzdem sind die Würstchenbuden umlagert von Menschentrauben. Dass diese Einrichtung aber keine deutsche Erfindung ist, trotz der im Text genannten Hamburger, beweisen die „Chicago Rhythm Kings“ von 1936. „Little Sandwich Wagon“ heißt der Titel und die Musiker sind allesamt schwarze Künstler aus der South Side von Chicago.

Wir kehren zurück zu unserer musikalischen Speisekarte. „Fat Meat And Greens“ bietet uns Jelly-Roll Morton an. Vielleicht nicht jedermanns Sache, aber Mortons pianistisches Können, seine typischen Melodiebögen und locker hingeworfenen Noten bringen Sie sicher auf den Geschmack.

Louis Armstrong und die chinesische Spezialität

Eine andere Spezialität des Hauses ist chinesischen Ursprungs. Ein „Chop Suey“ besteht aus gegartem Hühner- und Schweinefleisch, Bambussprossen, Champignons, Glasnudeln und so weiter. Louis Armstrong hat sein „Cornet Chop Suey“ stark abgewandelt: Kornett, Posaune, Klarinette, Piano und Banjo. Aber „chop suey“ hat im Negro-Slang noch eine weitere Bedeutung, nämlich „herumtoben“, und das trifft auf Armstrongs Kornett tatsächlich zu.

Zum Nachtisch könnte es „Ice Cream“ geben, doch den Titel gab es damals noch nicht als Platte. Aber wie wäre es mit einem Verdauungsschnaps? Da wir bisher alkoholfrei getafelt haben, bleibt uns ein „Hop Head“, also ein Brummschädel, wie ihn Duke Ellington präsentierte, wohl erspart.

Wir beschließen diese musikalische Menükarte mit Armstrong, der seine Briefe häufig mit: „Red Beans and Ricely Yours...“ abschloss. Er bezog sich damit auf sein kreolisches Lieblingsessen.