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Eine psychisch kranke Zukunft? Aussortieren oder integrieren?

Angst vor der Stigmatisierung - Gerd Altmann / pixelio.de
Angst vor der Stigmatisierung - Gerd Altmann / pixelio.de
Der Unterschied zwischen einem „normalen" und einem psychisch Kranken ist besonders in der gesellschaftlichen Wahrnehmung deutlich. Das Problem ist alt.

In der Zukunft wird es immer mehr psychisch Kranke geben – prognostizieren die Sachkundigen. Dennoch fehlt es an Wissen und Verständnis für derartige Probleme. Ein Beispiel dafür liefert der Fall Robert Enke und seine Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung seiner psychischen Erkrankung, die Angst vor der Stigmatisierung.

Die eliminierende Gesellschaft – trennen, segregieren, aussortieren

Wie kann es aber anders sein – fragen sich inzwischen viele Kritiker – wenn man beinahe gleich nach der Geburt anfängt zu selektieren und segregieren: auf Behinderte und Nichtbehinderte, auf psychisch Kranke und nicht psychisch Kranke, auf Integrierte und Nichtintegrierte…

Was Hänschen nicht lernt… Vom Kindergarten über die Schule bis zum Arbeitsplatz fehlen meist Kontakte und Umgang mit den anderen – den Behinderten, den Nichtangepassten. Die homogenen abgeschottenen Gruppen vernichten Chancen auf eine selbstverständliche Gewöhnung, auf gemeinsame Erfahrungen, auf einen Alltag Seite an Seite. Stattdessen richtet man – wie eine überfürsorgliche Mutter, die jedes Hindernis aus dem Wege des Kindes räumt, getrennte Welten ein, um angeblich bessere Bedingungen für die Betroffenen zu schaffen. In Wirklichkeit aber leitet man sie in die Sackgassen.

So erhalten beispielsweise Schüler der Sonderschulen kein qualifiziertes Zertifikat. Hierzulande besuchen über 400.000 Schüler derartige Schulen. Ihre Eltern wissen meist nicht, dass jedes Kind „einen Anspruch darauf (hat), eine Regelschule zu besuchen“, wie der Völkerrechtsexperte Eibe Riedel in einem Interview im Spiegel-Online betonte. Dies garantiert UNO-Behindertenrechtskonvention, von Deutschland auch unterschrieben. Jene Konvention verzichtet auf jegliche Unterscheidungen zwischen verschiedenen Formen der Beeinträchtigung.

Die besondere Stellung der psychischen Krankheiten

Unter den Beeinträchtigungen nehmen jedoch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung die psychischen nach wie vor einen besonderen Platz ein. Ihre medizinische Behandlung weist keine lange Geschichte vor. Die Anfänge der Psychiatrie datiert man an das 18. Jahrhundert (In Frankreich zum Beispiel gilt die Zeit der Revolution als Datum des Beginns). Die Psychiatrie sollte von Anfang an nicht nur heilen, sondern auch die „ungeheilten Personen“ verwahren. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr Patienten in immer größeren Anstalten untergebracht. Um die sogenannte Anstaltpsychiatrie entbrannten Diskussionen und Kritik. Eine Reform kam erst in den 1970er Jahren. Krankenhäuser sollten sich auf die Akutbehandlung konzentrieren und „damit eine schnelle Wiedereingliederung der Betroffenen in ihr soziales Umfeld zu ermöglichen“ (S. 15)*. In Deutschland, anders als in Frankreich und England, schloss man die chronisch psychisch Kranken von den Erneuerungsmaßnahmen aus. Dafür strukturierte man Bezirks- und Landeskrankenhäuser in Heime um. Seit Jahren werden Rufe nach Alternativen zur Heimversorgung laut.

Diktaturen, Nazis und ihre unmenschliche Lösung

Die Diktaturen nutzten und nutzen bis heute die Psychiatrie zu ihren Zwecken. In den kommunistischen Ländern wurden oft die politischen Gegner in die psychiatrischen Anstalten weggesperrt und dann ohne medizinischer Notwendigkeit mit Medikamenten behandelt. Besonders grausam gingen mit psychisch Kranken die Nationalsozialisten um. Auf dem deutschen Boden begannen sie 1940 mit ihrer Ausrottung.

Im württembergischen Jagdschloss Grafeneck sammelten die Nazis geistig behinderte und psychisch kranke Menschen ein, um sie später in den Gaskammern zu ermorden. Der Organisator jene Morde, der SS-Oberführer Viktor Brack erläuterte die Gründe dafür folglich: „In den vielen Pflegeanstalten des Reichs sind viele unheilbar Kranke, die der Menschheit überhaupt nicht nützen. Sie nehmen nur anderen, gesunden Menschen die Nahrung weg. Diese Wesen müssen beseitigt werden“ (faz.net vom 27.01.09, „Nazi-Greuel in Grafeneck“).

Eine Generalprobe für die „Euthanasie“-Morde starteten die Nationalsozialisten nach dem Einmarsch in Polen. Schon im Herbst 1939 vergasten sie im Fort VII die Patienten von psychiatrischen Krankenhäusern in Posen und Owinsk (bei Posen), methodisch mordeten sie weiter alle psychisch Kranken und Bewohner der Pflegeheime, darunter auch Kinder. Dieses Kapitel der Geschichte scheint wenig bekannt zu sein. Wie kann man sich sonst erklären, dass Dr. Elisabeth Hecker im Jahre 1979 ein Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie wurde. Im Zweiten Weltkrieg überwachte sie im Krankenhaus in Lubliniec (früher Loben, Oberschlesien) bis 1944 die Ermordung von 221 Kindern mit Luminalspritzen.

* Salina Braun, Heilung mit Defekt. Vendenhoeck & Ruprecht. 2009 Göttingen. 514 Seiten.

Bildnachweis: Gerd Altmann / pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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