Was für ein Trip

»Sorry, wir sind grad noch im Öko-Supermarkt in Trotha und haben dich irgendwie vergessen.« sagt Richard via Handy an einem Julinachmittag zu mir. Dabei stehe ich gerade bei gefühlten vierzig Grad im Schatten im Garten der Attac-Villa in Könnern. Wir sind eigentlich jetzt verabredet – Achselzucken. »Mach dir keine Sorgen, wir sind spätestens in einer halben Stunde da« meint er leicht verlegen. »Sieh dich doch ruhig schon mal um.«

Okay, kein Problem, denke ich mir und die Zeit bis zum Eintreffen der Attacies verbringe ich nun damit, mir in Ruhe den Garten und das imposante Haus aus der Nähe anzusehen. Direkt an der Eingangstür kommt eine schnurrende Katze auf mich zu und vertritt Solveig und Richard gebührlich. Beachtlich hohe Räumlichkeiten und ein herrlich frisches Lüftchen schlagen mir entgegen, als ich die Villa auf eigene Faust betrete.

Zahlreiche Impressionen wirken auf mich ein und siehe da: Kurz danach sind Solveig und Richard schon zurück und wir machen es uns mit einem kühlen Bier im Säulenzimmer gemütlich.

Die Historie

Die im Jahr 1906 erbaute Jugendstilvilla mit 17 Zimmern ist auf einer Fläche von 700 m² generalrenoviert. Das riesige Anwesen befand sich einst im Besitz der einflussreichen Unternehmerfamilie Thorwest, die in Könnern eine Malzfabrik und eine Bank unterhielten. Nach dem Untergang von Hitlerdeutschland zogen vorübergehend amerikanische Truppen in das Haus ein. Mit der Gründung der DDR und dem Einzug des russischen Militärs ging das Gebäude an die Gemeindeverwaltung Könnern über. Das Anwesen wird heute von dem zwanzigköpfigen Verein »Freundeskreis attacVilla Könnern e.V.« getragen. Es steht saisonal als freie Begegnungsstätte zur Verfügung und im Durchschnitt sind zirka zwanzig Gruppen im Jahr zu Besuch.

Ein Rebell als Hausmeister

Richard ist Ende fünfzig und ein sprachgewaltiger Emporkömmling der Graswurzelbewegung. Der bekennende Anarchist lebt als Hausmeister mit zwei Katzen in der weltoffenen Attac-Villa. Seit Ostern 2003 kümmert sich der Sozialwissenschaftler um das mächtige Haus in der Bahnhofstraße.

Richard entstammt einfachen Verhältnissen aus der bayrischen Provinz. Gleich nach der Schule erlernte er den Beruf des Technischen Zeichners. Er war schon relativ früh in seinem Leben damit unzufrieden, wie die Menschen miteinander umgingen.

Bis Mitte dreißig war er bei den Jungdemokraten aktiv und kam dann Ende der 70er auf die Idee, Soziologie in Hamburg zu studieren, um den Menschen an sich besser verstehen zu können. 1999 kam er schließlich durch einen Freund bei den Grünen zu Attac nach Aachen.

Eines Tages entdeckte er in seinem E-Mail-Verteiler der Bundesgeschäftsstelle von Attac eine Mitteilung, dass in Sachsen-Anhalt eine Jugendstilvilla für fünf Jahre mietfrei angeboten wird. Zuerst zögerte er, doch schon kurze Zeit später ließ ihn dieses Angebot nicht mehr los und er sah sich das Haus in Könnern persönlich an. Er war begeistert. Doch diverse Mitglieder meinten offen zu ihm, man könne sich diese mietfreie Villa, die im Monat trotzdem ein paar Euros koste, nicht leisten (die Nebenkosten belaufen sich auf 600 bis 700 € monatlich). Aber Richard hielt an seinem Vorhaben fest, da man diese Chance nutzen müsste. Bei Attac erreichte er schließlich doch den Konsens für das leerstehende Bauwerk und der Fünf-Jahres-Vertrag wurde unterzeichnet.

Ein Ort des unkomplizierten Miteinanders

Solveig erzählt mir von damals: »Richard kam aus Aachen mit dem Ziel nach Halle, die Villa wieder aufzubauen. Bei der Attac-Gruppe Halle, bei der wir uns im Übrigen kennenlernten, bat er um Unterstützung für dieses Vorhaben. Er stieß auf großen Beistand und das Projekt wurde von Attac gefördert.«

Nach einer ziemlich lang andauernden Stagnation ist es heute wieder so, dass die Gemeinschaft wächst und sich auch andere Menschen für das Haus interessieren. »Das Schöne an dem Haus ist, das es ein offenes Haus ist und das es Weltverbesserern jeglicher Coleur die Möglichkeit bietet, sich zu treffen und Ideen auszuspinnen.« meint die Lehrerin authentisch. Hauptsächlich kommen politisch aktive Leute aus dem alternativen Spektrum, die auch direkt für einen Systemwandel arbeiten. Doch es waren auch schon Besucher aus Leipzig da, die in den Räumen der Villa Mediation betrieben haben. Ebenso waren schon Künstlergruppen, Chöre und Aktionskletterer zu Besuch.

Die Vorsehung im Bus

Solveig ist Anfang fünfzig und wurde in Sachsen-Anhalt geboren. In Leipzig hat sie Englisch und Deutsch auf Lehramt studiert. Sie war einmal verheiratet und hat zwei Söhne.

Sie ist seit ungefähr zehn Jahren bei Attac. Ein bunter Infostand auf dem halleschen Marktplatz und eine Sendung bei Radio Corax machten sie zu jener Zeit auf die neue Bewegung aufmerksam.

Recht emotional schildert mir Solveig sodann ihr »Bus-Erlebnis«:

Ihre Familie war in Fußball vernarrt und sie selbst bezeichnete sich damals als »richtige Fußballmutter«. Eine Tages ging es im Bus zu einem Spiel. Die Stimmung war prächtig und Fußballlieder wurden schallend gesungen. Genau in diesem Moment wurde Solveig klar, dass sie selbst am lautesten mitgrölte und sie fragte sich plötzlich: »Ey, was machst du denn hier eigentlich? Das bist doch gar nicht du!« Diese Erkenntnis war der subjektive Auslöser einer Wandlung, die nicht einfach für sie werden sollte.

Hauptausschlaggebend war für sie das Gefühl des »abgekapselt sein«, das Gucken nach den Nachbarn – so von wegen: »Hat der jetzt schon wieder ein neues Auto?« – vor allem aber die Falschheit untereinander. Solveig ertrug das alles nicht mehr und dachte sich, dass es doch auch noch etwas anderes geben muss. Sie fühlte sich in diesem System total unwohl und zog daher, vor knapp zwölf Jahren, aus ihrem idyllischen Landhäuschen zurück nach Halle, wo sie an einem Gymnasium arbeitet.

Dieser »lange und schmerzhafte Prozess« nahm all ihre Kräfte in Anspruch, insbesondere litt sie dabei sehr unter der Loslösung ihrer Familie. Wenn Solveig heute sinnierend zurückblickt, sagt sie selbstsicher, dass es der richtige Weg für sie war.

Nun, nach dem ersten Teil meines Interviews, der mit mannigfaltigen Informationen gesegnet ist, schlage ich eine Zigarettenpause vor. Das Bier und die lange Enthaltsamkeit haben meinen Appetit ziemlich angefacht. So sitzen Solveig und ich kurze Zeit später in der warmen Abendsonne im Garten und philosophieren etwas, während Richard drinnen noch ein Bier aus dem Eisfach besorgt und für mich ein paar interessante Artikel kopiert.

Fortsetzung unter:

http://suite101.de/article/eine-villa-im-geiste-der-autonomie-zweiter-teil-a136636