Es ist 22 Uhr. Bruder Johannes begibt sich nach dem allabendlichen Gemeinschafts-Gebet in seine Mönchszelle. Sie liegt an einem langen Gang auf der oberen Etage des zweistöckigen Klosters. 15 Quadratmeter Privatsphäre. Ein helles, klar strukturiertes Zimmer mit großem Fenster. Der Blick in die Natur. Heller Holzboden, keine Tapeten an den Wänden. Dennoch ist es einladend und warm. Auf seinem Nachttisch steht ein Familienfoto und daneben liegt sein Lieblingsbuch, eine Biografie von Bertold Brecht. Bruder Johannes musste sich bei seinem Einzug auf Kleinigkeiten beschränken.
Der Morgen im Kloster beginnt in aller Herrgottsfrühe
Der nächste Morgen beginnt für den 36jährigen Mönch in aller Frühe. Um 6 Uhr ertönt die Glocke. Er quält sich aus dem Bett, putzt sich die Zähne, wäscht das Gesicht und streift sich seinen Habit über Jeans und Hemd. Richtig wach ist er nach dem gemeinsamen Gebet beim Singen und beim anschließenden Frühstück. Die Zeitung wird aufgeschlagen und das Neueste aus aller Welt dringt für einige Momente in die abgeschottete Welt des Klosters.
Die Sehnsucht nach Gott zog Bruder Johannes in den Nütschauer Orden
Bruder Johannes wohnt seit acht Jahren im Benediktiner-Kloster im Schleswig-Holsteinischen Nütschau. Das Priorat St. Ansgar wurde 1951 gegründet und beherbergt insgesamt 17 Ordensbrüder. Für seinen Eintritt ins Kloster gab es kein einschneidendes Ereignis in seinem Leben. Keine gescheiterte Beziehung, kein Versagen im Beruf, kein Zerwürfnis in der Familie. Seine einzige Motivation: "Die Sehnsucht nach dem christlichen Leben und der Liebe zu Gott".
Zivildienst, Theologiestudium, Ordensleben
Nach seinem Zivildienst in einem Heim für geistig behinderte Kinder in Cloppenburg, verschlägt es Bruder Johannes, im vorklösterlichen Leben Manfred, zum Theologiestudium nach Wien und Münster.
Für den Orden verzichtet der Mönch auf eine eigene Familie
Verliebt war er und Freundinnen hatte er auch. Seine größte Liebe jedoch war und ist Gott. Als einziges von insgesamt sechs Kindern, davon drei Brüder, lebt er im Kloster. Vor einiger Zeit heiratete seine Schwester. Ein Anlass, über das eigene Leben nachzudenken. "Es ist keine leichte Entscheidung, selbst niemals zu heiraten und eine Familie zu gründen. Auch die körperliche Nähe zu einer Frau vermisse ich gelegentlich", gesteht der Mönch. Doch von diesen Zweifeln und Krisen wird er nur selten geschüttelt.
Trostspender, Kummerkasten und Berater für Jugendliche
Bruder Johannes betreut das Jugendhaus des Klosters. Ein Holzhaus mit kleinen Zimmern und "Stillem Bereich" zum Zurückziehen. Die Arbeit hat er sich selbst ausgesucht. Er ist Trostspender, Kummerkasten und Berater für die jungen Menschen, die sich für zwei Tage in die Einsamkeit hinter die Klostermauern zurückziehen.
Reparaturen, Gebete, gemeinsames Essen: der Alltag im Kloster
Eine Lampe im Obergeschoss ist kaputt, Bruder Johannes muss sie reparieren. Der Gong zum Mittagessen unterbricht ihn in seiner Arbeit. Das Gebet und anschließend gemeinsam Essen: ein festes Ritual im Kloster. "Gemeinschaft ist wichtig", betont der Mönch.
Auch Mönche fahren in die Ferien
Im Kloster gibt es nur die Gemeinschaftskasse. Geld erhalten die Mönche für ihre Arbeit nicht. "Wenn wir in Urlaub fahren, erhalten wir etwas aus der Kasse. Alles muss vorher mit dem Prior abgesprochen werden." Der Prior steht der Ordensgemeinschaft vor. Drei Wochen Urlaub stehen Bruder Johannes im Jahr zu. Er liebt das Wandern und die Berge. Seinen letzten Urlaub verbrachte er mit zwei Studienfreunden in einer Berghütte in Österreich. Sie gehört zu einem Benediktiner-Kloster.
Das Gebet bestimmt den Lebensrhytmus im Kloster
Die Lampe ist repariert. Jetzt bleibt dem Sechsunddreißigjährigen etwas Zeit für sich. Bruder Johannes ist heute zum Putzen eingeteilt und zur Gartenarbeit. Um halb sechs beginnt das fünfte Gebet. Eine Stunde dankt er Gott für alles, "was dieser Tag ihm gebracht hat". Er betet für seine Familie und für seine Freunde. Echte Freunde im Kloster? Eher die Ausnahme. "Selten vertiefen sich die Beziehungen zu den anderen Brüdern, da Alter und Mentalität oft zu unterschiedlich sind". Zu seinen Freunden außerhalb der Klostermauern hält er regen Kontakt: "Das ist für meine Entwicklung wichtig."
Die täglichen Nachrichten - Fenster zur Außenwelt
20 Uhr: Tagesschau. Für 15 Minuten schaut sich der Mönch an, was der Tag für die Menschen außerhalb des Klosters gebracht hat. Dann schaltet Bruder Leo das Gerät wieder aus. Bis 21 Uhr sitzen die 17 Brüder noch am Kaminfeuer zusammen. Bruder Johannes ist an diesem Abend sehr schweigsam. Er hört nur zu. Er ist froh, als das 9 Uhr-Gebet endet. Nach dem Gebet zieht er sich in seine Zelle zurück, streift sein Gewand ab, fällt ins Bett und schläft ein. Um sechs Uhr wird ihn der Gong für den neuen Tag wecken.
