Sämtliche Orgelwerke Robert Schumanns mit Rudolf Innig

Rudolf Innig spielt sämtliche Orgelwerke Schumanns - Musikproduktion Dabringhaus und Grimm
Rudolf Innig spielt sämtliche Orgelwerke Schumanns - Musikproduktion Dabringhaus und Grimm
Der Coesfelder Organist Rudolf Innig macht seinem Namen mit der vorliegenden Einspielung alle Ehre. Eine gelungene Referenz an den Jubilar Robert Schumann!

Robert Schumanns Orgelwerke, allesamt 1845 komponiert, stellen zweifelsohne eine Besonderheit auf dem weiten Feld der Orgelliteratur dar. Sind sie doch – abgesehen von den "Sechs Fugen über B-A-C-H" op. 60 – vornehmlich für den Pedalflügel konzipiert, ein Klavier also, das neben den allgemein üblichen Manualtasten auch noch ein untergebautes Pedal enthält. Dennoch wurde es bereits zu Schumanns Lebzeiten Usus, diese Kleinodien auch – und heute eigentlich nur noch – auf der Orgel wiederzugeben. Gewiss hat der Meister, dessen 200. Geburtstag die Musikwelt 2010 begeht, die deutsche romantische Orgel eines Walcker oder Ladegast noch nicht gekannt, ähnlich also wie sein Kollege und Freund Felix Mendelssohn Bartholdy. Und dennoch, oder gerade wegen ihrer pianistischen Anlage, welche ja mit zahlreichen feinsinnigen dynamischen Schattierungen rechnet, nehmen sich nicht nur oben erwähnte Fugen, sondern auch die sechs "Studien für den Pedalflügel" op. 56 sowie die vier "Skizzen für den Pedalflügel" op. 58 auf einem romantisch-symphonischen Instrument ausgesprochen gut aus.

Frisches und Tiefgründiges an der Klais-Orgel St. Stephanus in Beckum

Deutlich hörbar wird diese Feststellung ohne Abstriche mit der Einspielung des gesamten Orgel- (Pedalflügel-)Werkes von Schumann durch den Coesfelder Organisten und Musikschulleiter Rudolf Innig an der 61-registrigen, dreimanualigen Klais-Orgel der Kirche St. Stephanus in Beckum, auf CD erschienen bei Dabringhaus und Grimm unter der Nummer MDG 317 0619-2.

"Mendelssohn war ein Naiver, Schumann hingegen ein Sentimentaler. Wer Mendelssohn gut spielt, wird Schumann unerträglich spielen und umgekehrt", so äußerte sich der seinerzeit große Klavierpädagoge Hans von Bülow einmal. Bei Rudolf Innig hingegen, der ja auch Mendelssohns Gesamtwerk eingespielt hat, finden ungekünstelte Frische sowie ein jegliche Tiefen der Kompositionen auslotender Ausdruck zu einem kongenialen Ganzen zusammen: ein inniger Innig eben! Nomen est omen...

Kanonische Stücke nach Dichterweise, abwechslungsreich interpretiert

Wie die Forschung schon längst klargestellt hat, war Robert Schumann ein glühender Bach-Verehrer, doch durften kontrapunktisch gearbeitete Stücke seiner Ansicht nach nicht nur "mit dem Kopf und nach dem Rezept gearbeitet sein", sondern mussten vielmehr "dem Geiste entsprungen und nach Dichterweise ausgeführt werden". Keine Lehr-, sondern romantische Charakterstücke also... Rudolf Innig interpretiert dementsprechend. Ja, er orchestriert die einzelnen Sätze geradezu, eben so, dass die ihnen zugrundeliegenden Kanons plastisch und klar hervortreten, doch nie zum Selbstzweck werden, stets eingebettet in harmonisch delikates, nie dickliches Klanggewand. Die Spielweise des Organisten ist immerzu rund und differenziert: durchsichtig in der ersten Studie, vokal-gesanglich in der zweiten und vierten, humoristisch-konzertant in der dritten. Angemessene Abrundung erfährt dieser erste Zyklus als fast schon zünftig gespielter Marsch und schließlich als verinnerlichter Choral.

Ausgelassene Koketterie, reichhaltig registriert

Was in op. 56 Introversion, bedeutet in den vier Skizzen op. 58 Extroversion. Statt intimer Kontrapunktik herrschen nun kompakte Akkordblöcke in den Außenteilen vor, während die Mittelteile kontrastierend eine Aufspaltung in Oberstimme und Begleitung erfahren. Rudolf Innig spielt dementsprechend exaltiert und schöpft wie immer die reichen Möglichkeiten der verfügbaren Registerpalette voll und ganz aus. So gerät der Binnensatz der ersten Skizze c-Moll geradezu unterhaltungsmusikalisch-pittoresk, allerdings in positivem Sinne, artikuliert der Maitre doch diffizil und doch pointiert, übrigens eine regelrechte Kunst auf einem pneumatischen Instrument ... Gleiches gilt für die abschließende Nummer vier in Des-Dur, zärtlich-neckisch in den Rahmenteilen, welche sich ranken um ein regelrecht chansonhaft zum Klingen gebrachtes Mittelstück. Furios dagegen Skizze 3 in f-Moll, deren dramatisch-rhythmische Wucht die Monumentalität der letztendlich folgenden Fugen über B-A-C-H bereits erahnen lassen.

Sechs unterschiedliche und doch Einheit schaffende Beleuchtungen eines unsterblichen Namens

Der Name des Thomaskantors bildet gewissermaßen das Motto, aus welchem Schumann höchst unterschiedliche Fugenthemen schafft: gravitätisch-vokal in den Fugen 1 und 4, pathetisch-motorisch in der zweiten, zurückgenommen innehaltend in der dritten. Die fünfte Fuge in F-Dur gemahnt an ein in der Romantik zur Blüte gekommenes Scherzo, braucht aber auch den Vergleich mit der barocken Gigue nicht zu scheuen. Das große Finale stellt schließlich die alles beschließende sechste (Doppel-) Fuge dar, deren Konfliktrhythmik sich zusammen mit der Koppelung beider Themen in eine akkordisch-feuerwerksartige Coda ergießt und zu einem schier apotheotischen Schluss führt. Mit Rudolf Innig an der Orgel wird es auch hier keinem jemals langweilig. Mal vergrübelt, mal heiter gelöst vermag der mehrfache Wettbewerbs-Preisträger den musikalischen Spannungsbogen stets zu halten, das Beste sich zum Schluss aufhebend. Und wiederum sticht die hoch zu preisende Registrier- wie Artikulationskunst ins Ohr!

Letzter Schliff: natürliche Aufnahmetechnik und informatives, aufwändiges Booklet

Ein wahrer Genuss also, diese CD. Und nicht nur das: auch Cover und Booklet sind überaus ansprechend gestaltet in gut lesbarer Druckqualität, dreisprachig, fachlich fundiert und dennoch leicht verständlich (deutsch, englisch, französisch), mit Fotos von Komponist wie Interpret. Natürlich fehlen auch die Disposition des monumental zu nennenden Instruments wie der Lebenslauf Innigs nicht; das Nonplusultra allerdings stellt die genaue Auflistung der für die einzelnen Werke jeweils verwendeten Registrierungen dar, inklusive aller Zuzüge und Abstoßungen sowie Verwendungen des Jalousieschwellers. Hervorragende Aufnahmetechniken in natürlicher Akustik ohne klangverändernde Manipulation krönen dieses meisterlich zu nennende Opus.

Fazit: Rudolf Innigs Gesamteinspielung als Vorbild für Liebhaber wie Berufsmusiker

Obgleich bereits im 1995 produziert, stellt vorliegende CD gerade im heurigen Jubiläumsjahr eine abstrichlos gelungende Reverenz an das Genie Robert Schumann und sein Pedalflügel- bzw. Orgelschaffen dar, welches den Vergleich mit Liszt, Reger und Karg-Elert keineswegs zu scheuen braucht. Rundum gekonntes Bemühen um die den Noten innewohnende Musik in puncto Agogik, Artikulation und Registrierung geht Hand in Hand mit sorgfältig ausgeführter Aufnahmequalität und wertvollen Zusatzinformationen. Allen Liebhabern und Studierenden dieser Musiken sei Rudolf Innigs Interpretation daher beispielhaft und wärmstens empfohlen!

Herbert Weß, Herbert Weß

Herbert Wess - 1974 in Passau als ältester Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau geboren, verbrachte ich meine Kindheit und Jugend im ...

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