
- Cover Geisenhanslüke, Einführung - WBG
Die mittlerweile in der vierten Auflage erschienene Einführung in die Literaturtheorie von Achim Geisenhanslüke ist ein zumindest im deutschsprachigen Raum konkurrenzloses Standardwerk. Während das Buch durch seine Übersichtlichkeit und Kompaktheit überzeugt, besitzt es drei eklatante Schwächen: 1. Die Betonung des Wandels gegenüber der Frage nach Kontinuitäten zwischen den literaturtheoretischen Schulen, 2. die einseitige Favorisierung der „neuen Literaturtheorien“ seit dem „linguistic turn“ und 3. die mangelnde wissenschaftsgeschichtliche Kontextualisierung der vorgestellten Literaturtheorien.
Literaturtheoretische Schulen und Paradigmenwechsel
Die Gliederung orientiert sich an der chronologischen Abfolge der literaturtheoretischen Schulen seit dem späten 18. Jahrhundert (Ästhetik, Hermeneutik, Strukturalismus, Dekonstruktion, Diskursanalyse), die an Hand ihrer namhaftesten Vertreter vorgestellt werden. Warum im Untertitel die Hermeneutik und nicht die Ästhetik an den Anfang gesetzt worden ist, bleibt wohl ein Geheimnis. Geisenhanslüke versteht die Abfolge der literaturtheoretischen Schulen als Paradigmenwechsel, was jedoch nicht in allen Fällen überzeugt. Die Ästhetik mag in ihrer Annahme eines genialen Autorensubjekts überholt sein. Doch auch heute vertreten die meisten Literaturwissenschaftler und –kritiker keinen empirischen Literaturbegriff, sondern implizieren immer noch einen Kanon klassischer Werke, der lediglich entlang des modernen und postmodernen Geschmacks erweitert worden ist. Geisenhanslüke schildert Strukturalismus und Poststrukturalismus übereinstimmend mit ihrem Selbstbild als antihermeneutische Ansätze. Das ist insofern zutreffend, als sie das Graben nach Autorenintentionen und Letztbedeutungen durch die Annahme einer (angeblichen) Selbstreferentialität von Sprache und Text ersetzt haben. Doch sogar das Bemühen des Dekonstruktivismus, die Möglichkeit sprachlicher Bedeutungszuweisungen zu widerlegen, ist technisch betrachtet eine hermeneutische Operation. Die Philologie ist auch heute noch die Grundkompetenz literaturwissenschaftlichen Arbeitens schlechthin, so dass es nicht glaubwürdig ist, wenn der Autor die Hermeneutik einfach für tot erklärt. Zwar betont Geisenhanslüke, dass keine Notwendigkeit bestehe, „Hermeneutik, Strukturalismus und Dekonstruktion von vornherein gegeneinander auszuspielen.“ (S. 142) Aber genau das tut er unentwegt.
Perspektiven der Literaturtheorie
In einem abschließenden Fazit spricht sich Geisenhanslüke gegen eine Renaissance der Philologie und gegen die Eingemeindung der Literaturwissenschaft in eine allgemeine Medien- und Kulturwissenschaft aus, weil er befürchtet, dass diese Ansätze hinter den „linguistic turn“ der 1960/70er Jahre zurückfallen werden. Er verschweigt allerdings, dass die „neuen Literaturtheorien“ dieses Szenario selbst herauf beschworen haben. Die postmodernen Literaturtheoretiker haben mit ihrer Fixierung auf die epistemologischen Grundfragen von Sprache, Text und Diskurs die Literaturwissenschaft in einen praxisfernen Avantgardismus hinein getrieben, aus dem wohl nur noch eine neohermeneutische Wende herausführen kann.
Wissenschaftsgeschichtlicher Background?
Leider ist es Geisenhanslüke nicht gelungen, seine Darstellung den didaktischen Erfordernissen einer Einführung anzupassen. Statt der gebotenen fachsprachlichen Abrüstung, unternimmt der Autor philosophische Gipfelwanderungen, bei denen seine (wohl zumeist studentischen) Leser nicht einmal das Basislager erreichen. Allzu viele philosophische Begriffe und Positionen werden ohne Erläuterung vorausgesetzt, so dass für den Einsteiger eine Lektüre ohne die Konsultation eines Lexikons für philosophische Grundbegriffe kaum ergiebig sein dürfte. Die einzelnen Kapitel reihen Theorie an Theorie und leisten leider kaum etwas für ihre wissenschaftsgeschichtliche Kontextualisierung. Man erfährt fast nichts über die Vita der einzelnen Literaturtheoretiker, und ebenso selten werden die historischen Umstände ihres Denkens thematisiert. Diese, in einer Einführung eigentlich zu erwartenden Informationen, muss sich der Leser zusätzlich aus biographischen Lexika beschaffen. Noch fataler für die praktische Arbeit mit Geisenhanslükes Einführung ist das Fehlen jeglicher Anwendungsbeispiele, die aufzeigen, wie die einzelnen Theorien für die Interpretation eines konkreten literarischen Texts fruchtbar gemacht werden können. Es steht zu befürchten, dass eine Einführung, die so wenig Bereitschaft zeigt, sich dem Level ihrer Leser anzunähern, entweder zu Theorieaversion führt oder zu name- dropping und zum Jonglieren mit unverstandenen Begrifflichkeiten verleitet.
Achim Geisenhanslüke: Einführung in die Literaturtheorie. Von der Hermeneutik zur Medienwissenschaft. Darmstadt: WBG (4. Aufl.) 2007. ISBN 9783534159055
