
- Cover Einführung in die moderne Archivarbeit - WBG
Sabine Brenner- Wilczek, Gertrude Cepel- Kaufmann und Max Plessmann bieten eine Einführung in die Archivarbeit, die sich an Studenten der Geschichts- und Kulturwissenschaften wendet, aber auch allen anderen Interessierten zu empfehlen ist. Mit einem ausführlichen Kapitel über Recherchestrategien und einem Glossar mit wichtigen Begriffserläuterungen ist das Buch auf Einsteiger ohne Archiverfahrung zugeschnitten. Für Fortgeschrittene bietet es dagegen wenig Neues.
Entstehung der deutschen Archivlandschaft
Eingangs bieten die Autoren einen kurzen Abriss über die Geschichte des deutschen Archivwesens. Als Voraussetzung für die Entstehung von Archiven kann die Schriftlichkeit der Verwaltung gelten, wie sie sich in der Erstellung behördlicher Aktenbestände seit dem 14. Jahrhundert abgezeichnet hat. Während Archive zunächst ausschließlich der Rechtssicherung dienten, trat seit dem 19. Jahrhundert zunehmend die historische Forschung in den Mittelpunkt. Die Expansion der Archivlandschaft ging mit dem Ausbau moderner Staatlichkeit und Bürokratisierung einher und entspricht in ihrer Struktur dem deutschen Föderalismus. Dabei ist zu bedenken, dass aufgrund von Mediatisierung, Säkularisierung und territorialer Veränderungen in Deutschland erhebliche Mengen an Archivgut von nicht mehr existierenden politischen Einheiten in neue staatliche Strukturen übergegangen sind. Von den staatlichen sind nicht- öffentliche Archive zu unterscheiden, die von Kirchen, Unternehmen, Parteien, Verbänden und Stiftungen zumeist ähnlich professionell betrieben werden wie die staatlichen. Ihre Nutzungebedingungen können allerdings von den öffentlichen Archiven abweichen und für ihre Sammelgebiete besteht zumeist keine Ablieferungspflicht.
Leitfaden für Archivarbeit
Der Hauptteil des Buches bietet einen Leitfaden zur Vorbereitung und Durchführung von Archivbesuchen und veranschaulicht Recherchestrategien an vier Epochenbeispielen. Ein Patentrezept ergibt sich daraus allerdings nicht. Als Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Recherche erweisen sich verfassungsgeschichtliche Kenntnisse bezüglich der Entwicklung von Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen, um einschätzen zu können, wo sich Bestände zu einem Themenbereich befinden müssten. Schwieriger wird es bei privaten Archiven. Zum einen weil sie überwiegend Quellen sammeln, die keiner Ablieferungspflicht unterliegen oder über Deposita doch noch in öffentlichen Archiven und Bibliotheken landen können. Zum anderen weil, von Ausnahmen abgesehen, keine regionale Verteilung von Zuständigkeiten über Achivsprengel besteht. Zur groben Vororientierung empfiehlt sich in jedem Fall ein Blick in Quellenverzeichnisse älterer Veröffentlichungen zum jeweiligen Themenbereich, in Archivhandbücher und -verzeichnisse sowie vor allem in einschlägige Onlinedatenbanken und Suchmaschinen. Zudem sollte die Eingrenzung des Themas über konkrete Fragestellungen der Archivarbeit vorausgehen. Die Autoren hätten allerdings darauf hinweisen sollen, dass die verfügbaren Bestände eine Modifizierung der Fragestellung nötig machen können. Das „Vetorecht der Quellen“ (Reinhart Koselleck) schränkt nicht nur die Quantität legitimer Aussagen über die Geschichte ein, sondern bestimmt auch, welche Fragen an die Geschichte überhaupt seriös beantwortbar sind.
Hemmnisse für Archivarbeit
Der größte Teil der Bestände staatlicher Archive umfasst serielle Quellen, die vorwiegend für politik-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen relevant sind. Die kulturalistische Wende seit den 1980er Jahren hat jedoch eben diese Teilbereiche der Geschichtswissenschaft erheblich geschwächt. Das Philosophieren über Archive als Erinnerungsorte hilft wenig, wenn im Zeitalter des postmodernen „linguistic turn“ Recherchen zum historischen und autorenbiographischen Kontext als positivistisch und überholt gelten. In einem Kapitel wendet sich das Buch daher speziell an Literatur- und Kulturwissenschaftler, um ihr Interesse an Archivarbeit, insbesondere was Nachlässe betrifft, zu wecken. Bislang können die kulturwissenschaftlichen Disziplinen, vorsichtig ausgedrückt, leider nicht gerade als Förderer archivgestützter Grundlagenforschung gelten. Die beklagenswert schlechte finanzielle Ausstattung vieler kommunaler Archive sowie die Verschärfung von Zeitdruck und Arbeitsbelastung in akademischen Karrieren stellen zusätzliche Hemmnisse dar. Die bittere Wahrheit ist, dass sich umfassende Archivarbeit nur noch für jene Studenten und Doktoranden lohnt, die das Archiv als Berufsfeld ins Visier nehmen wollen. Für Leser, auf die das zutrifft, hält das Buch Informationen über universitäre und postgraduale Ausbildungsgänge bereit.
Kuriosität
Abschließend sei noch auf eine kleine Kuriosität verwiesen. In einem etwas saloppen Nebensatz heißt es, das Kölner Stadtarchiv sei, „wie eine Trutzburg, schießschartenbewehrt, mit fast fensterloser Fassade“. (S. 100) Angesichts der Ereignisse vom 3. März 2009 entbehrt diese Aussage nicht einer unfreiwilligen Komik.
