
- Einmal Canossa und zurück - Nersinger
Kann man 2000 Jahre Kirchengeschichte in ein einziges Buch packen? In ein einziges Buch, das dann auch noch schlappe 144 Seiten hat? "Geht nicht!" wird mancher vermeintlich kluge Kopf laut ausrufen. "Geht doch!" hat sich der Theologe und Publizist Ulrich Nersinger gesagt, und mit "Einmal Canossa und zurück" gleich auch den Beweis abgeliefert. In 21 kurzen Kapiteln liefert Nersinger anekdotische Feuerwerke ab, die Freude bereiten und dabei so manche Überraschung ans Licht befördern. Selbst eingefleischte Atheisten und gar hartnäckige Katholikenmobber können also dieses Buch genießen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen bekommen zu müssen.
Nersinger ist u.a. Autor für "L´Osservatore Romano" und das "Vatikan-Magazin"
Ulrich Nersinger ist ein vergnügter und vergnüglicher Zeitgenosse, einer der die Dinge des Lebens und seiner Zeitläufte zwar durchaus ernst nimmt, ihnen aber auch allzu gerne an den richtigen Stellen mit einem Augenzwinkern begegnet. Das macht die Persönlichkeit des 54-jährigen Theologen aus, eine unbeschwerte Haltung also dem Leben gegenüber, die er ganz bewusst in seine Texte einfließen lässt. Dabei ist das, was dann publizistisch herauskommt, niemals seicht oder gar beliebig. Somit bemerkt der Leser auch bei diesem Buch sehr schnell, dass Nersinger weiß, über was er schreibt, denn er hat Theologie und Philosophie studiert und ist Mitglied der "Pontificia Accademia Cultorum Martyrum." Er arbeitet unter anderem für den "L´Osservatore Romano", der offiziellen Vatikanzeitung also, für die Zeitschrift "Der Schweizergardist" sowie für das deutschsprachige "Vatican-Magazin". Seine Bücher geben unter anderem einen Basisüberblick über Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof oder berichten über das Wirken (humoriger) Päpste. Seine Schriften und Studien über Hildegard von Bingen gelten bei Experten als Standardwerke.
Luther und sein "Mönchsgezänk": Auch die Irrtümer der Katholischen Kirche fehlen nicht
Nun also hat der Autor sein neues Werk "Einmal Canossa und zurück - Anekdotisches aus der Kirchengeschichte" vorgelegt. Schon zu Beginn des Buches kann man lesen, welch großen und auch deftigen Humor die Kirchenmänner hatten, dies selbst im Angesicht des Todes: "Oh, ihr Dummköpfe, wenn ihr mich nicht bald dreht, werde ich nicht gar", soll der Heilige Laurentius seinen Henkern zugerufen haben, die ihn im Jahr 258 auf einem glühenden Rost marterten. Nersinger verweist auch auf die Irrtümer der Kirche, etwa im Kapitel "Päpstliche Geschenke und die Reformation". Hier beschreibt er, wie Papst Leo X. die Reformationsbemühungen eines Martin Luther quasi genervt als "Mönchsgezänk" abzutun versuchte. Weiter geht es in diesem Buch um den Status der Katholischen Kirche in der Französischen Revolution, ihre Rolle im Nationalsozialismus (im Kapitel "Pius XI. - ´Mit dem Teufel verhandeln´" klärt Nersinger darüber auf, dass der Papst und die Katholische Kirche sehr wohl gegen das Hitler-Regime aktiv waren) bis hin zu den Anfängen des Pontifikats des aktuellen Papstes Benedikt XVI.
Wie der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger 2005 zum Papst Benedikt XVI. wurde
Ulrich Nersinger beschreibt etwa die Überraschung der Kardinäle darüber, als nach dem Tod von Johannes Paul II. im Jahre 2005 der Dekan des Kardinalkollegiums, der Deutsche Joseph Ratzinger, seine in Rom zur Papstwahl versammelten Kollegen nicht nur mit Auslegungen der Bibel beglückte, sondern mit einem Klartext über die Zukunft der Katholischen Kirche. "Nach einer solchen Predigt wird man entweder aus dem Amt gejagt - oder zum Papst gewählt", urteilte damals ein Vatikanexperte. Es ist bekannt, was dann eintrat: Einen Tag später stand Joseph Kardinal Ratzinger als Papst Benedikt XVI. auf der äußeren Loggia des Petersdoms und erteilte den Gläubigen erstmals den Apostolischen Segen, dies "Fern jeder eitlen Selbstdarstellung - mit einem schwarzen Pullover, der unter den viel zu kurzen Ärmeln der Soutane hervorschaut, einem Gewand, das einen unordentlichen Eindruck macht (...)", wie Nersinger aufmerksam und augenzwinkernd zugleich bemerkt.
"Einmal Canossa und zurück". Ein vergnügliches Buch, das seine Leser gar klüger macht
Das Besondere an diesem Buch ist nicht nur der hohe Unterhaltungswert. Das Besondere ist der Unterhaltungswert gepaart mit wichtigen und fundierten Informationen über die Katholische Kirche und ihrer 2000-jährige Geschichte, etwa über die Aufgaben der Kardinäle als "Pars corporis Papae", dem Teil des päpstlichen Leibes. Ein vergnügliches Buch also mit einem pädagogischen Anspruch. Was, so fragt der Rezensent, will man mehr?
Ulrich Nersinger: "Einmal Canossa und zurück - Anekdotisches aus der Kirchengeschichte". 144 Seiten. 2011. Gebunden. 12,95 Euro. Sankt Ulrich Verlag. ISBN 978-3-86744-165-0
