Update am 19. März 2011: Knut ist tot - ein neuerliches "Happy Birthday" wird es nicht geben

Nach Angaben von Bärenkurator Heiner Klös brach das gut vierjährige Tier zusammen und schwamm tot im Wasser des Eisbärgeheges. Link zu: Knut, eine besondere Tierpersönlichkeit

Knuts vierter Geburtstag

Am 5. Dezember 2010 feiert der Eisbär Knut im Zoo Berlin seinen vierten Geburtstag. Der Berliner Zoo veranstaltet dafür am Sonntag, den 5. Dezember um 10.30 eine kleine Geburtstagsparty mit Torte und allem Pipapo. Ein Anlass, das vergangene Lebensjahr zu beleuchten und mit einem Leben abseits von Zoogrenzen, aber auch abseits von menschlicher Fürsorge zu vergleichen.

Ein junger Eisbär Januar bis Mai in der Arktis

Es werden sicher die letzten Wochen gemeinsam mit der Mutter sein, aber der junge Eisbär will es noch nicht wahrhaben. Er ist nun drei Jahre alt, Zeit sich auf die eigenen Füße zu stellen. Ab nun ist es für ein Eisbärkind mit dem Behütet-Sein vorbei. Länger als 3 Jahre verbleiben die Jungen nicht bei ihrer Mutter. Dann werden sie, sofern sie sich nicht von selbst auf ihre eigenen dicken Sohlen machen, von Mutter Eisbär schlicht verjagt.

Die Eisbärin ist wieder empfängnisbereit, April/Mai ist Paarungszeit. Bald werden sich ausgewachsene Männchen um sie scharen. Eine höchst gefährliche Situation für Jungtiere, deshalb müssen diese rechtzeitig vertrieben werden, um nicht deren Leben in Gefahr zu bringen.

Drei Jahre alt und zum ersten Mal allein. Der junge Bär hat Hunger, doch einem jungen Bären fehlt es oft noch an Erfahrung und Geduld für die Jagd. Wenn er schlau ist, heftet er sich in respektvollem Abstand an die Spur von erwachsenen Bären, von deren Beute fällt immer wieder mal etwas ab. Wenn er Glück hat, trifft er auf gleichaltrige Jungbären. Mit ein bisschen Verstand raufen sie sich zusammen und bleiben auch die nächsten Monate als Zweier- oder Dreiergruppe beisammen. Da fällt das Leben leichter; das Jagen genauso, wie das gemeinsame Hungern, das sich im Schnee Eingraben, wenn Eisstürme toben, wie das übermütige Tollen bei schönem Wetter. Gemeinsam ist man stärker.

Knut im Januar bis Mai 2010 im Zoo Berlin

Was hat Knut zu lernen? Eisbärisch statt Menschensprache. Keine Angst vor Drohgebärden haben. Verstehen, dass „das Maul aufreißen“ auf eisbärisch nicht pure Angabe ist, sondern Informationsaustausch, der sogar in Küsschen enden kann. Das Leben ist nicht nur mit Schneebällen spielen. Spielzeug teilen – überhaupt – etwas mit einem anderen Eisbären teilen. Knut und Giovanna finden immer besser zusammen.

Plötzlich beginnt sich Giovanna sonderbar zu benehmen. Knut versteht sie nicht mehr. Da wird schon wieder öfter die Schnute gezeigt. Diese Frauen und ihre Hormone. Noch melden sich die seinen nicht.

Ein junger Eisbär im arktischen Sommer

Die schwierigste Zeit des Jahres beginnt. Offenenes Packeis gehört zu den härtesten Standorten für jagende Bären. Das offene Wasser bedeutet lange Schwimmstrecken. Die jungen Bären müssen lernen, nicht zu weit ins offene Meer hinaus zu schwimmen. Auf der Speisekarte stehen im ersten Sommer sicher öfter Vogeleier, Seetang, Tundra-Beeren und Aas, als frischer Robbenspeck.

Knut im Sommer im Zoo Berlin

Ein relativ unbeschwerter Eisbärensommer für Knut und Giovanna, bis zum jähen Abschied. Am 30. Juli entschwindet Giovanna nach München. Das ist ein besonderer Abschnitt, denn zum letzten Mal genießt Knut seine wieder gewonnene Einsamkeit. Er spielt, so unbeschwert, wie vor Giovanna. Wie der junge Bär in der Arktis weiß er nichts von seiner Zukunft.

Ein junger Eisbär im Herbst in der Arktis

Nun beginnt die große Zeit des Hungerns. Im September sind die meisten Eisbären dünn; sie warten darauf , dass sich Meereis bildet, die feste Basis für ihre Jagd. Aber weil das Meer so salzig ist, braucht es lange bis es das Gewicht eines Eisbären trägt. Nun tritt ein Zeitabschnitt ein, der Eisbärenkenner immer wieder erstaunt. Viele Eisbären finden sich an den Orten zusammen, wo das Eis als Erstes gefrieren wird, wie etwa in Churchill, Manitoba in Kanada. Alle hungern, aber es geht überraschend friedlich zu. Überleben ist nun das Wichtigste, besonders für geschwächte Jungtiere. Nicht umsonst übersteht ein hoher Prozentsatz an Jungbären dieses erste Jahr ohne Mutter nicht.

Knut im Herbst im Zoo Berlin

Dieses Mal ist es Knut, der umgesiedelt wird. Das ist spannend, aber auch beängstigend. Die vielen Gerüche nach Eisbären, ein schönes großes Becken zum Schwimmen; alles fremd, aufregend. Nach einer Woche kommt eine Eisbärin dazu. „Ach, meine Mutter soll das sein? Keine Ahnung, was das bedeutet.“ Diese Begegnung verläuft jedoch sehr friedlich. Kaum hat er sich an Tosca gewöhnt, kommen die nächsten Eisbärinnen, Nancy und Katjuscha. Noch lautet das Motto: "Lasst mich in Ruhe, ich lasse euch auch in Frieden."

Es läuft alles ganz gut. Natürlich ist es nicht ohne Stress für den unerfahrenen Bären. Man kann es ihm zeitweise auch ansehen. Aber entspannte Passagen wechseln mit aufregenden immer wieder ab. Dann passiert dieser eine banale, aber gefilmte Plumps in den Wassergraben. Irgendwie peinlich. Plötzlich ist von Mobbing die Rede. Mobbing unter Eisbären? In den Medien wird es ordentlich hochgespielt. Gibt es wirklich Zoff bei den Eisbären?

„Gebt uns allen lieber ein bisschen mehr Material zum Beschäftigen - schöne dicke Knochen, mein Surfbrett, mein Gummihuhn, ein paar Bälle, oder meinen heiß geliebten abgelutschten Ochsenschwanz, dann wird uns schon nicht langweilig. Zumindest mir nicht.“ So könnte Knut gedacht haben.

Doch auch diese erste Krise wird gemeistert. Schön langsam rückt Knut den Damen mehr auf den Pelz. Stein für Stein, Insel für Insel will erobert werden. Alles im Knut-gemäßen Tempo.

Ein junger Eisbär im Dezember in der Arktis

Hier warten keine Geburstagstorten, aber die Robbenjagdgründe, auf die Eisbären. Bald kann mit etwas Geschick und Jagdglück der leere Bauch wieder gefüllt werden. Die trächtigen Weibchen ziehen sich nun in ihre Geburtshöhlen zurück. Eisbärmütter mit Jungen suchen Winterruheplätze. Die jungen Eisbären können nun zeigen, dass sie von ihren Müttern alles fürs Überleben gelernt haben. Dem Wetter trotzen, jagen, wandern, überleben, Eisbär sein.

Knut im Dezember im Zoo Berlin

Wo seine Brüder im Eis um ihr noch junges Leben hart kämpfen müssen, muss Knut Gemeinschaft lernen. Lernen, dass nicht jeder Eisbär ihm seinen Lachs vom Felsen streitig machen will. Verstehen, dass die Eisbärinnen Nähe dulden, ja sogar genießen. Was sind die Miniangriffe von Eisbärin Katjuscha schon gegen einen ausgewachsenen drei Meter und mehr als 600 Kilo schweren Eisbären da draußen, gegen den man wahrhaft um sein Leben kämpfen müsste? „Kokolores“, wie sein oberster Mietsherr sagen würde.

Happy Birthday Knut!

Genieße deine Geburtstagstorte mit gefrorenem Fisch und Breze, wie letztes Jahr. Vertraue deinem Instinkt. Er wird dir schon den Weg weisen in eine gute Zukunft im Zoo. Denn du lebst, weil du im Zoo geboren wurdest. Draußen am Polarkreis hättest du den ersten Tag deines Lebens nicht überlebt, das sollten wir nie vergessen. Danke an Thomas Dörflein und den Berliner Zoo, dass es dich gibt. Auf ein gutes neues Lebensjahr.

Noch einige Bilder vom Geburtstag aus der Presse, oder von der Bloggerin fruehlingsstern.

Quelle: Barry Lopez: Arktische Träume

Bildnachweis: Danke an Anne Kauth, V.Hinterleitner, Ed Bouvier, fruehlingsstern,CM