
- große Klappe - CM
Bei der Zusammenführung von Eisbären in Zoos besteht ein großes Problem darin, dass trotz langer Erfahrung von Zooseite die Sprache der Eisbären untereinander doch nicht so eindeutig zu lesen ist. Und in Gefahrenmomenten man nicht einfach dazwischen gehen kann, da der Eisbär dem Menschen um ein Vielfaches überlegen ist. Wie aber lesen Eisbären den Menschen? Gibt es darüber Erfahrungen?
Wie nehmen die Eisbären die Menschen wahr?
Eisbärengebärden contra Menschengebärden, Missverständnisse sind ähnlich den verschiedenen Verhaltensmustern von Hund und Katze, leicht möglich. Michaela Hofmann, die Pflegerin von Arktos und Nanuq (heute in Hannover gemeinsam mit Sprinter in der Yukon Bay), den beiden Eisbärenbuben aus dem Tiergarten Schönbrunn in Wien, erklärt:
"Wie die Eisbären die Pfleger wahrnehmen? Nicht als Gleichgesinnte, denn wir Menschen haben einen ganz anderen Bewegungsablauf und eine andere Mimik als sie. Wenn die Kleinen, die Eisbären Arktos und Nanuq, anfangs mit uns zusammen gekommen sind, hatten sie ein großes Problem mit unserer Mimik umzugehen. Wenn wir reden, haben wir einen gespitzten Mund, und das bedeutet unter Bären eine Bedrohung. Da muss man als Pfleger umlernen und Worte suchen, bei denen der Mund nicht so gespitzt ist. Ich darf zum Beispiel nicht „Puutzi“ sagen, sonst fühlt sich der Eisbär angegriffen. Außerdem haben wir eine aufrechte Haltung – auch das ist für die Tiere bedrohlich. Die Kleinen lernen aber rasch von ihrer Mutter, dass von uns Pflegern keine Gefahr ausgeht, und passen sich an.“ (aus Leben im Zoo)
Knut und seine Probleme mit Giovanna: eisbärisch lernen
Knut, der Berliner handaufgezogene Eisbär, allerdings lernte von seinem ersten Lebenstag an nicht eisbärisch, sondern "menschig". So gut er die Gebärden und Worte und den Tonfall seines Pflegevaters und seiner anderen Betreuer einzuordnen wusste, umso mehr musste er von dem Verhalten von Giovanna, einer echten, von der Mutter aufgezogenen Eisbärin, verwirrt sein. So darf es nicht weiter verwundern, dass er Wochen gebraucht hat um diese fremde Sprache mühsam zu erlernen.
Eisbärensprache
Wie kommunizieren Eisbären? Im Artikel "Eisbären: ihre Mimik, ihr Verhalten, ihre Wahrnehmung" wird ausführlich darauf eingegangen. Schnüffeln, Maul aufreißen nach dem Motto: "Wer hat die größere Klappe?", Brummen, Grollen, verschiedene Lautgebungen, die alle eine spezielle Bedeutung haben; Warnung, genauso wie Zustimmung.
Sozialkontakte, wie Beschnüffeln, Ablecken, aber auch eine Tapirlippe ziehen, unsicher den Rücken krumm machen, den Schwanz einziehen. Speicheln, Zittern, ein ganzes Repertoire an Signalen gibt es da zu deuten. Das Problem ist nur, dass wir Menschen die verschiedenen Äußerungen so schwer auseinander halten können.
Was hilft, wenn zwei sich nicht auf Anhieb verstehen - in Zoos, wie im menschlichen Leben?
Bei der Zusammenführung von Eisbären aus verschiedenen Zoos, ist es wie im realen menschlichen Zusammenleben: Wenn man sich aufgrund von sprachlichen Missverständnissen nicht auf Anhieb versteht, dann muss man sich zeitweise aus dem Weg gehen können. Wie aber bitte soll das ein Tier, das in seinen territorialen Räumen begrenzt ist?
Die Strategie lautet: Wenn ein Gehege mit einer hinreichend komplex gestalteten Raumstruktur ausgestattet ist, können Eisbären in Gefangenschaft dennoch so gehaltenen werden, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit kaum zu Agressionen kommt. Eisbären sind sehr wohl in der Lage im selben Raum mit einem geringen Risiko von Aggression zu leben. "Dafür muss aber das Gehege eine topographische Komplexität und verschiedene Wege durch das Gehege aufweisen, um soziales Vermeidungsverhalten zu erleichtern." (Studie: Behavioral Decisions for Managing Social Distance...) Man muss sich plakativ gesagt: aus den Augen und aus dem Weg gehen können.
Ein richtiges Design der Anlage und das angemessene Management des Verhaltens der Tiere kann einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung des Wohlergehens von Eisbären in Gefangenschaft ausmachen. Es gibt bereits genügend positive Beispiele an internationalen Zoos, die diesen Grundsatz umgesetzt haben oder daran arbeiten.
Studie: Behavioral Decisions for Managing Social Distance and Aggression in Captive Polar Bears (Ursus maritimus)
Fotos dankenswerterweise von CM; ElaNuernberg
Buchtipp: Leben im Zoo: Von Ameisenbär bis Zebrastreifen von Lukas Beck von Echomedia Buchverlag 2011
