
- Winterkrimi aus Norwegen von Anne Holt - Piper Verlag
Wer in einer schneearmen Region wohnt, aber oft sehnsüchtig nach weißen Flocken aus dem Fenster oder zum Himmel schaut, kann sich passend zur offiziell winterlichen Jahreszeit wenigstens geistig in den eisigen Sturm und die Schneemassen eines norwegischen Januars entführen lassen.
Anne Holt – Der norwegische Gast
In dem Kriminalroman „Der norwegische Gast“ aus der Serie um die ehemalige Ermittlerin Hanne Wilhelmsen versetzt Anne Holt ihre kantige Heldin diesmal zusammen mit einigen Hundert anderen Menschen in ein von der Zivilisation abgeschnittenes sturmumtostes Berghotel, das im Verlauf der nächsten drei Tage schwer beschädigt und total eingeschneit wird. Die geradezu apokalyptische Situation der Geschichte, in deren Verlauf zwei Menschen ermordet werden und einige durch die widrigen Umstände ums Leben kommen, entstand durch einen Eisenbahnunfall vor einem vereisten Bergtunnel.
Hercule Poirot lässt grüßen
Mit diesem Szenario schuf die norwegische Bestsellerautorin einen geradezu lehrbuchhaften Plot, aus der klassischen Krimiliteratur entlehnt. Es scheint momentan etwas en vogue zu sein, sich an den alten Geschichten um Hercule Poroit, Sherlock Holmes oder Philippe Marlowe zu reiben, vielleicht als Herausforderung, ob das Genre noch taugt, ob die alten erfolgreichen Muster die Leser immer noch zu packen vermögen oder ausgedient haben. Offenbar hat dieses Kalkül eíne Berechtigung, wie das deutsche Pendant der Saison, der Allgäu-Krimi "Rauhnacht" von Volker Klüpfel und Michael Kobr beweist, der in kurzer Zeit zum Bestseller avancierte.
Anne Holt – Die Präsidentin
Anfangs ermüdet die Story den Leser aus diesem Grund etwas. Die Lust am Lesen wächst nur langsam, droht auf den ersten 50 Seiten mehrfach zu versiegen und wird nur durch die wie immer bei Anne Holt spannenden psychologischen Facetten und die gut ausgearbeiteten Charaktere, aber weniger durch die recht trocken konstruierte Mordgeschichte selbst aufrecht erhalten. Nach und nach kommt der Lektürefluss jedoch in Gang, aber der Roman gewinnt lange nicht die aufregende Qualität des davor erschienenen Buches „Die Präsidentin“, obwohl auch diesmal die große Weltpolitik einen düsteren Schein auf die harmoniegestörte Schneewelt wirft.
Hanne Wilhelmsen verändert sich
Entschädigt werden die Hanne Wilhelmsen-Fans für die relativ langweilige Mordgeschichte durch die eindrucksvoll entwickelte, allmählich einsetzende Veränderung der durch eine Schussverletzung querschnittsgelähmten Ex-Kommissarin selbst. Sie beginnt nach Jahren des resignativen Rückzugs ins Privatleben plötzlich wieder etwas Freude an menschlichen Beziehungen zu empfinden. Am Ende des Buches haben wir es mit einer sanft geläuterten Hanne zu tun, deren Gefühle aus der selbstverordneten Verbannung und Verhärtung hervorlugen. Insofern darf man bereits gespannt sein auf den nächsten Hanne-Wilhelmsen-Roman.
Anne Holt: Der norwegische Gast. Kriminalroman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Piper 2009. Taschenbuch. 320 Seiten. 9,95 Euro.
