Ekkehard Kuhn: Reisen nach Schlesien

Ekkehard Kuhn - Reisen nach Schlesien - Christa Kaddar
Ekkehard Kuhn - Reisen nach Schlesien - Christa Kaddar
In "Reisen nach Schlesien - Reportagen aus einem Brückenland" schreibt der frühere ZDF-Journalist Ekkehard Kuhn über seine Reisen von 2001 bis 2009.

Ekkehard Kuhn hat seine Wahlheimat im Rheingau gefunden, doch die schlesische Heimat trägt er für immer im Herzen. So oft er kann, reist er nach Görlitz, wo er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Und er schwärmt von Breslau, der in neuem Glanz erstrahlten Hauptstadt im polnischen Schlesien. Die Reisen von 2001 bis 2009 hat er in seinem jüngsten Buch lebendig beschrieben und mit zahlreichen Fotos illustriert.

"Schlesien war jahrzehntelang tabu"

„Das große, reiche und schöne Schlesien ist im öffentlichen deutschen Bewusstsein nicht mehr präsent“, schreibt Ekkehard Kuhn im Vorwort. Es ärgerte ihn seit Jahrzehnten, dass Schlesien in der früheren DDR offiziell tabu war und es in der Bundesrepublik als nicht zeitgemäß erachtet wurde, noch über Schlesien zu sprechen. „Sein Name wurde sogar als Synonym für Revanchismus missbraucht“, kritisiert er. Seit 1996 hat er einiges dazu beigetragen, das Interesse an Schlesien zu wecken. Sein zweiteiliger Film „Schlesien – Brücke in Europa“ erreichte bei der Erstausstrahlung im ZDF fünf Millionen Zuschauer. Sein Zweiteiler „Schlesische Reise – 1000 Jahre Breslau“ fand ebenfalls große Anerkennung. Zu beiden Filmen hat Ekkehard Kuhn gleichnamige Begleitbücher geschrieben, die sich großer Beliebtheit erfreuten und in mehreren Auflagen erschienen. Viel hat sich getan in den letzten Jahren, doch Ekkehard Kuhn bedauert, dass Schlesien als Reiseland noch immer zu wenig beachtet wird. Seine Bücher richten sich an die aus ihrer Heimat vertriebenen Schlesier und deren Nachkommen genauso wie an Touristen, die bisher noch keinen Bezug zu Schlesien haben.

„Kein Land hat unter Deutschland so gelitten wie Polen und dennoch verstehen sich die polnischen Schlesier sehr gut mit den Deutschen“, berichtet er. „Die Schlesier tendieren stärker zu Europa und der EU als viele Polen anderer Regionen.“ Der überwiegende Teil Schlesiens liegt in Polen; ein Restzipfel mit Görlitz ist deutsch geblieben. Ein kleiner Teil liegt in der Tschechischen Republik.

800 Jahre Via Regia

Für die Bedeutung Schlesiens als Brückenland in Europa führt Kuhn auch den Verlauf der Via Regia an. 2005 wurde diese historische, 4.500 Kilometer lange Handelsstraße vom Europarat zur Europäischen Kulturstraße erhoben. Von Santiago de Compostela in Spanien führt sie durch Frankreich, Deutschland und Polen bis in die ukrainische Hauptstadt Kiew. Sie verläuft quer durch Schlesien und verbindet von Görlitz über Breslau bis Beuthen wichtige Städte und Landstriche. Derzeit ist in Görlitz eine große Ausstellung zur Via Regia unter dem Motto „800 Jahre Bewegung und Begegnung“ zu sehen. Die ehemalige Kanonenbastei „Kaisertrutz“ wurde eigens für diese Ausstellung instandgesetzt.

Ein Buch über Geschichte, Kultur und Politik - nicht ohne persönliche Gefühle

In seinem Buch schreibt Kuhn nicht nur über die Geschichte und Kultur Schlesiens, über neue Entwicklungen oder Sehenswürdigkeiten, sondern es ist auch ein persönliches und emotionales Buch, in dem Erinnerungen und Begegnungen eine große Rolle spielen und auch Gespräche mit seiner Frau Barbara einfließen. Leserinnen und Leser fühlen sich von seinem Stil angesprochen wie dies auch bei den früheren Büchern und Fernsehfilmen der Fall war.

In dem neuen Buch erzählt Kuhn eine Episode aus dem Jahr 2006. Eine Hamburger Reiseveranstalterin bat ihn, die Reiseleitung zu übernehmen, weil sie vom Inhalt und von der Einfühlsamkeit seiner Schlesien-Reportagen angetan war. Als Fernsehredakteur war er oft Reiseführer für die Teamkollegen, nun ließ er sich auf den Vorschlag ein, eine fremde Gruppe durch Schlesien zu begleiten, was schließlich alle Beteiligten als gelungenes Experiment empfanden. Erste Station war Görlitz, und bei der Verabredung mit dem Stadtarchivar wartete auch überraschend der damals neu gewählte Oberbürgermeister Joachim Paulick auf ihn. Er wollte Kuhn persönlich kennenlernen, weil er durch seine Filme und Bücher so viel für die Stadt getan habe.

Der Autor als Reiseführer: Von Görlitz nach Breslau

Kuhns geliebtes Görlitz war im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen fast völlig verschont geblieben. Mit 3.500 inzwischen zum großen Teil restaurierten Baudenkmälern weist es eines der besterhaltenen historischen Stadtbilder in Deutschland auf und bildet damit das größte zusammenhängende nationale Flächendenkmal. Kuhn erzählt, wie fasziniert die Hamburger Reisenden von der Größe und Ausstrahlung der Peterskirche waren, wie auch er bei jedem neuen Besuch vom Zusammenklang der Säulen und Sterngewölbe in dem fünfschiffigen Bau beeindruckt ist.

Der Weg nach Breslau führte die Hamburger Gruppe durch malerische Landschaften und Städte. Viele Schlösser stellte Kuhn ihnen unterwegs vor, beispielsweise Schloss Joachimstein, Schloss Lomnitz und Schloss Schildau im Hirschberger Tal und zum Abschluss Schloss Fürstenstein, das größte Schloss Schlesiens.

Nachdem Kuhn die Reisleitung beendet hatte, kehrte er nach Görlitz zurück, um an der Eröffnung des Schlesischen Museums teilzunehmen. Von der umfassenden Darstellung der gesamtschlesischen Geschichte zeigt er sich beeindruckt. Ausführlich schreibt er auch über seine Aufenthalte in Breslau, der Hauptstadt Schlesiens, die gern als „die Blume Europas“ bezeichnet wird.

Die Einigung Europas sieht Ekkehard Kuhn als die Krönung seines Lebens

Ekkehard Kuhn ist 1938 in Zodel, im Kreis Görlitz in Schlesien geboren. Nach dem Abitur in Görlitz ging er nach Berlin; 1959 flüchtete er aus Angst vor einer drohenden Verhaftung aus politischen Gründen aus der DDR in die Bundesrepublik und studierte in München. Nach einem Volontariat beim ZDF wurde er als Redakteur eingestellt. Seine erste Leidenschaft galt der Umweltpolitik. In den 1980er Jahren rückte seine zweite Leidenschaft in den Mittelpunkt der Fernseh-Arbeit: Die deutsche Einheit und die Überwindung der Spaltung Europas. Er hat zehn Bücher geschrieben und war Autor erfolgreicher ZDF-Filme und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

In seinem beruflichen Leben begegnete Ekkehard Kuhn vielen prominenten Politikern. Einer, der ihn besonders beeindruckte war Michail Gorbatschow, mit dem er 1993 zum ersten Mal zusammentraf. Bei der zweiten Begegnung 1994 in Moskau überreichte er Gorbatschow sein Buch „Gorbatschow und die deutsche Einheit“ – ein Werk, das in der Geschichtsschreibung großen Widerhall fand. Eine dritte Begegnung mit Gorbatschow folgte später in Wiesbaden. Ihre Gespräche führten die beiden Männer auf Russisch. Die Wiedervereinigung Deutschlands und die Einigung Europas sieht Kuhn als die „Krönung“ seines Lebens und seines Strebens.

Ekkehard Kuhn: Reisen nach Schlesien – Reportagen aus einem Brückenland. BOD-Verlag 2010. Hardcover, 420 Seiten. Euro 39,90.

Christa Kaddar, Christa Kaddar

Christa Kaddar - Christa Kaddar ist freie Journalistin und Fotoreporterin. Als freie Mitarbeiterin der Redaktion des Rheingau Echos und der Gesellschaft ...

rss