
- Elfriede Jelinek. Ein Porträt - Verlag Rowohlt
"Hast Du eine Ahnung, wie die Leute sich hier für mich genieren?", schrieb Elfriede Jelinek dem ostdeutschen Regisseur Einar Schleef, den sie für die theatralische Umsetzung ihres Textes "Ein Sportstück" am Wiener Burgtheater ausgewählt hatte.
Es ist die Jelineksche Art, mit Wiener Schmäh und Verachtung zu spielen. Sich selbst schont sie dabei am wenigsten, lässt keine Gelegenheit aus, um den avantgardistischen Bürgerschreck zu geben. Aber die in ihrer österreichischen Heimat als "Nestbeschmutzerin" Gehandelte will "Beute für niemand" sein, nutzt die Ironie zur persönlichen Tarnung, schützt sich mit "Äußerungen, aus denen man über mich trotzdem nichts erfährt." Wiederum gibt sie offen zu: "Alles was ich erleide, versuche ich auf eine allgemeine Ebene zu bringen." Sprache ist alles für Elfriede Jelinek. Ausgangsmaterial ihres Schreibens sind zumeist Fremdtexte. Am liebsten stellt sie Triviales neben Tiefsinniges, verarbeitet mit Eifer alles Aktuelle und bezieht sich auf ihr bevorzugtes Medium, das Fernsehen.
Vortreffliches Porträt mit Bildern
Verena Mayer und Roland Koberg haben ein vortreffliches Porträt mit Bildern über Elfriede Jelinek zusammengestellt. Chronologisch zeichnen sie den Weg von der hart trainierenden Musikerin bis hin zur Literaturnobelpreisträgerin 2004. Leben und Werk sind gleichermaßen berücksichtigt worden wie Jelineks "Grenzgängertum, das nicht innen, das nicht außen". Sie will unnahbar bleiben, aber unterstützt die Biografen, wo sie nur kann. So durften Mayer und Koberg die Autorin zu Hause besuchen, waren dankbar überrascht über ihre Großzügigkeit, ausführliche Gespräche und ihre überwundene Scheu vor einem Projekt wie diesem. Denn anfangs hatte Jelinek angezweifelt, dass es möglich sei, "ein Leben biografisch zusammenfassen zu können", wie es im Vorwort heißt.
Entstanden ist ein Porträt, das die Schriftstellerin in all ihrer Ambivalenz, provozierenden Zeitbezogenheit und ihrem umfassenden Werk in seinen Grundzügen erschließt. Ob Jelineks Modetick und ihre Vorliebe, durch exotisches Äußeres aufzufallen, ihre freimütige Medienpräsenz oder der dazu im Gegensatz stehende Drang zur Zurückgezogenheit – die Autorin wird greifbar für den Leser.
Die ewige Tochter und ihre manische Energie der Sprache
Man folgt dem disziplinierten Mustermädchen "Elfie" in die Musikschule, wo sie sich auf Geheiß der Mutter jahrelang mit mehreren Instrumenten triezte. Mann darf im engen Muff der kleinen Wohnung am Wiener Stadtrand auf dem Sofa sitzen und Zeuge des väterlichen geistigen Verfalls werden. Und wenn sich Mutter und Tochter durch die Stadt bewegten, keine Einmischung duldend, darf man lauschen, wie Elfriede Jelinek insistiert wurde, "dass sie etwas Besonderes war und dies bei jeder Gelegenheit beweisen sollte". So vereinnahmt von der Mutter, kreist die Autorin der "Klavierspielerin", deren einziges Instrument die Sprache geworden ist, manisch um sich selber, schafft sich immer wieder selbst in ihren Texten und produziert täglich Neues.
Bekannt dafür, dass die Feministin bevorzugt Männer als ihre Gegner sieht und mit ihrer virtuos-grausamen Sprache provoziert , behandelt sie immer auch Motive wie Gesellschaft, Politik, Sex, Natur und Gewalt. Selbst Frauen wie Ingeborg Bachmann oder Sylvia Plath, die ihr literarische Vorbilder sind, nimmt sie aufs Korn.
Elfriede Jelinek gehört zu den Autorinnen, die mit Leidenschaft ihre eigenen Bücher erklären und neu verfasste Texte als "literarische Kuriosität" ankündigen können. Die manische Energie ihrer geschriebenen Worte brachte der Wienerin zahlreiche Auszeichnungen ein - unter anderem 1998 den Georg-Büchner-Preis als auch den Nobelpreis für Literatur 2004. Mit diesem Jahr und Jelineks Rede, die von der Stockholmer Videoleinwand flimmert, endet die großartig verfasste Biografie von Verena Mayer und Roland Koberg.
"Dass es endlich aus ist, dass ich den letzten Satz sehr viel lustvoller finde als den ersten", würde die Jelinek wohl an dieser Stelle schreiben.
Verena Mayer und Roland Koberg: Elfriede Jelinek. Ein Porträt. Rowohlt Verlag 2006. Hardcover, 302 Seiten. Euro 19,90. Seit September 2007 auch als Taschenbuch erhältlich.
