Alle Welt beschäftigt sich mit Leben, nur mit dem Tod beschäftigen sich wenige. Dabei gehört der Tod zum Leben wie die Geburt, und er betrifft jeden von uns. Frau Kübler-Ross ist es in dem Buch gelungen das Thema Sterben und Tod, sowohl aus der Sicht des Patienten als auch der Angehörigen zu behandeln.
Verstehen, was Sterbende sagen wollen
Wenn ein naher Familienangehöriger eine unheilbare Krankheit hat und zum Sterben verurteilt ist, ist das eine sehr schwierige Situation für die Angehörigen. Es stellt sich oftmals die Frage, soll man dem Betroffenen von der Krankheit und dessen wahrscheinlichem Tod zu informieren. Wie wird er es aufnehmen, wie wird er reagieren. Das sind wichtige Fragen, für die das Umfeld des betroffenen Patineten eine Lösung finden muss. Besonders schwer wird die Beantwortung dieser Fragen, wenn der Patient ein Kind ist, aber auch wenn der Patient minderjährige Kinder hat.
Die Autorin hat sich durch ihre vielen Interviews mit Sterbenden und Angehörigen einen weltweiten Ruf erworben. Ihr Anliegen dabei ist es, dass die Betroffenen sich auf den Tod vorbereiten können.
Wenn man das Buch liest, lernt man das Sterben aus Sicht des Betroffenen kennen und verliert die Angst vor dem Tod. Sie erläutert in dem Buch ausführlich, warum es besser ist, den Patienten über die volle Situation seiner Krankheit und dem wahrscheinlichen Sterben zu informieren. Jeder Sterbende muss sich mit dem Thema auseinandersetzen können. Dabei durchläuft jeder Sterbende verschiedene Phasen. Die erste Phase besteht aus der Ablehnung der Krankheit, sie ist geprägt durch die Frage Warum gerade ich, oder bei der Diagnose muss ein Irrtum vorliegen. In der zweiten Phase beschäftigt sich der Sterbende damit, was er noch tun kann und erledigen muss. Dann wenn der Patient erkannt hat, dass der Tod unausweichlich ist, und er das Gefühl hat, dass er alles geregelt hat, akzeptiert er den Tod.
Dieser Sterbeprozeß kann nicht stattfinden, wenn der Patient keine Ahnung hat von seinem Krankeitsstand. Es fehlt die Auseinandersetzung mit dem Tod, das Sterben wird dadurch schwerer. Auch Kleinkindern unter 10 Jahren sollte man über den eintretenden Tod informieren, aber es sollte eine kindgerechte Sprache verwendet werden. Der Auseinandersetzungsprozeß mit dem Tod dürfte bei Kindern unter 10 Jahren in verbaler Sprache eher unwahrscheinlich sein. Ein Kind in diesem Alter kann sich besser nonverbal artikulieren, z. B. durch Anfertigen von Zeichnungen. Ältere Kinder bevorzugen die verbale Sprache, da sie sich somit besser ausdrücken können. Frau Kübler-Ross schildert in dem Buch an vielen Beispiel, wie wichtig es auch für Kinder ist über ihr Sterben zu reden und danach bereit sind für den Tod.
Besonders schwer ist es für Eltern, wenn sie erfahren, dass ihr Kind an einer unheilbaren Krankheit leidet und damit konfrontiert werden, dass es wahrscheinlich sterben wird. Eltern fühlen sich von Geburt an für ihre Kinder verantwortlich, so auch in dieser Situation. Sie erleben die Ohnmacht, der sie dann ausgesetzt sind. Die Eltern erleben ebenfalls alle Phasen vor dem Tod sehr intensiv. Dies ist auch sehr wichtig, denn sie müssen lernen zu akzeptieren, dass das Leben ihres geliebten Kindes zu Ende geht. In dem Buch beschreibt die Autorin diese Phasen einer Mutter in dem Gedicht, das die Mutter einer Leukemie kranken Tochter niedergeschrieben hat. Darin wird der Kampf zwischen Hoffnung, Rückfall und letztendlich dem Akzeptieren des Sterbens sehr deutlich ersichtlich. Eltern können auch leichter loslassen, wenn sie bewußt erleben, dass ihr Kind zum Sterben bereit ist, dass es keine unerledigten Dinge zurücklässt.
Zeichnungen, angefertigt in einer Lebenskrise
In diesem Kapitel widmet sich die Autorin mit dem Anfertigen und der Beurteilung von Bildern kranker Kinder. Die schwerkranken Kinder setzen sich auf diese Art und Weise mit ihrem Tod auseinander, die Bilder unterscheiden sich von Bildern gesunder Kinder. Dabei verwendet sie eine besondere Technik bei der Auseinandersetzung mit den Bildern. Sie unterteilt die Bilder in vier gleichgroße Quadrate und untersucht diese dann hinsichtlich besonderer Merkmale. Wenn man sich die Quadrate sehr genau ansieht, kann man erkennen, dass die Kinder, aber auch Erwachsene, ihre Lebenskrisen in das Bild einbauen. Das Malen hat den Vorteil, dass der Patient auf diese Weise ausdrücken kann, was er fühlt. Das hilft ihm sein Schicksal zu ertragen. Aber auch für den Betrachter wird ersichtlich, womit sich das Kind oder der Erwachsene beschäftigt. Wer diesen Ansatz bewußt einsetzt, kann bei der Therapie und der Sterbebegleitung wichtige Aspekte berücksichtigen, die für den Patient sehr wichtig sind.
Mutter-Kind-Station
In dem letzten Abschnitt beschreibt die Autorin sehr intensiv die Empfindungen einer Mutter, deren leukemiekrankes Kind auf eine Mutter-Kind-Station des Krankenhauses eingewiesen wurde. Der Unterschied zu einer normalen Station unterscheidet sich hier dadurch, dass hier die Mutter in die Pflege ihres schwerkranken Kindes voll einbezogen wurde und den Prozeß der Zustandsverschlechterung des Kindes sehr intensiv miterlebt. Dem Leser wird bewußt, wie die Eltern während dieser Zeit das Verhalten ihres Kindes erleben, bis hin zum Tod. Die Mutter schildert dabei in einem Gespräch mit ihrer Beraterin alle Stationen während des Aufenthaltes.
Frau Kübler-Ross beschäftigt sich in ihren Büchern mit dem Tabuthema Tod. Ihr Anliegen ist, dass man den Tod nicht verdrängen darf, sondern ihn annehmen muss, wie alles im Leben. Schon während des Lesens setzt man sich bewußt mit dem Thema "Tod" auseinander und ist dadurch gestärkt.
Elisabeth Kübler-Ross: Verstehen was Sterbende sagen wollen Einführung in ihre symbolische Sprache, Verlag Drömer/Knaur, Taschenbuchformat, ISBN 3-426-87367-2, Preis (D) 8,95 Euro
