Laut dem Autor, Dr. med. Herbert Renz-Polster, sind die Kinder dem Steinzeitalter in ihrer Anlage noch nicht entwachsen, was so viel bedeutet wie: Das evolutionäre Gepäck unserer Kinder hat einen signifikanten Einfluss auf deren Entwicklung.

Stillprobleme, Essensverweigerung und Trotzphase – alles Schuld der Evolution?

Warum mögen Kinder kein Gemüse? Ganz einfach, so der Autor: Hätten Kleinkinder in früheren Jahrhunderten auf der Wiese wahllos grüne Blätter in den Mund gesteckt, hätten sie nicht lange überlebt. Dass dieses Jahrtausend alte Erbe den Eltern heute Schwierigkeiten bereite, sei verständlich, aber dennoch darauf zurückzuführen, dass es ein Anhängsel aus längst vergangenen Tagen sei. Stillprobleme, Essensverweigerung und Trotzphase – alles die Schuld der Evolution? „Zum Glück“, werden sich viele Leser denken, die schon an sich und ihren Erziehungsmethoden gezweifelt haben.

Die Bedürfnisse der Kinder in Einklang mit dem modernen Leben bringen

Egal, wessen Schuld es auch sein mag: Tatsache ist, dass sich viele Eltern schon im Säuglingsalter ihres Nachwuchses mit diversen Erziehungsfragen konfrontiert sehen und daran auch die These von einem vermeintlichen evolutionären Gepäck nichts ändern kann. Doch, verspricht Dr. med. Herbert Renz-Polster. Er zieht in seinem Erziehungsratgeber alle Register und lehrt, wie man die Bedürfnisse des Sprösslings im Einklang mit den Notwendigkeiten des modernen Lebens bringen kann. Der sympathische Schreibstil des Autors trägt einen großen Teil dazu bei, dass die Lektüre relativ zügig durchgearbeitet ist. Hinzu kommen zahlreiche nützliche Informationen die, auch ohne Klärung der Schuldfrage, so manches Alltagsproblem gleich in einem anderen Licht erscheinen lassen. Es dürften aber vor allem die Tipps zum Umgang mit Erziehungsproblemen sein, die viele Leser dankend annehmen werden. Denn, wenn das Dauergebrüll der Kleinen einfach kein Ende zu nehmen scheint, dann wird jede Hilfe gerne angenommen.

Hilfe, mein Kind mag kein Gemüse

„Meins auch nicht!“, werden viele Eltern mit einer gewissen Erleichterung gedanklich hinzufügen – denn immerhin: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Hinzu kommt die wohltuende Sicherheit, dass es anderen ebenso ergeht wie einem selbst und das schafft neben Gemeinsamkeiten auch Sympathien und Vertrautheit. Gemeinsame Erziehungsprobleme lassen den Elefanten zu einer Fliege schrumpfen und zeigen nur allzu deutlich, dass sie ein Stück weit auch normal sind. Wie normal, dafür liefert „Kinder verstehen“ eine Vielzahl an „Beweisen“.

Kinder können lernen, Gemüse zu lieben

Warum bevorzugen Kinder „ungesunde“ Nahrungsmittel wie Schokolade und Pommes? Selbst an der Spaghetti-Soße (wenn es denn kein Ketchup ist) lassen sie kein gutes Haar und rümpfen ihr Näschen – doch warum? Geschmackliche Eskapaden seien von der Natur vorgesehen, so der der Kinderarzt, Dr. Herbert Renz-Polster, in „Kinder verstehen“. Trotzdem und gerade deswegen kann das Kind lernen, die geschmacklichen Vorzüge von Gemüse schätzen zu wissen. Der Elternratgeber geht bei seiner Hilfestellung in Sachen „Essensprobleme“ Schritt für Schritt vor und postuliert den Standpunkt, die von der Evolution vorgegebenen Regeln und Begrenzungen nicht als Last, sondern als Hilfe anzuerkennen.

Schlafprobleme, Trotzen, Fremdeln und Co.

Babies, die nicht schlafen wollen, Schreikinder, die ihre Stimmbänder allzu eifrig trainieren und Kleinkinder, die nur bei Mami sein wollen: Der Leitfaden „Kinder verstehen“ will seinen Lesern bei sämtlichen Fragen und Problemen rund um das Thema „Entwicklung des Kindes“ mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dr. med. Herbert Renz-Polster, selbst Vater von vier Kindern und federführender Autor des Bestsellers „Gesundheit für Kinder“, versteht die Probleme der Eltern von heute nur zu gut. Sympathisch und einfühlsam will er seinen Lesern helfen, die zahlreichen Schikanen der Kleinen als das zu sehen was sie sind – normal.

Kinder verstehen“ rückt den Erziehungsauftrag der Eltern ins rechte Licht

Die Lektüre ist nicht nur angenehm zu lesen, sie nimmt auch so manchem Sturm im Erziehungsalltag den Wind aus den Segeln und hilft damit, der Erziehung etwas unglaublich Positives abzugewinnen. Endlich wird der Erziehungsauftrag der Eltern mal wieder ins rechte Licht gerückt und endlich ist auch die Schuldfrage geklärt, weshalb Basti dauernd schreit, warum Lea einfach nicht schlafen will und warum Elke schon beim Frühstück nach Pommes verlangt. Und warum lügt Peter dauernd? Vielleicht, weil er gelernt hat, dass Notlügen den Popo schonen und er somit auch dem ein oder anderen Ärger aus dem Weg gehen kann. Vielleicht will er Mami und Papi aber auch nur zeigen, dass er schon ein Ich-Bewusstsein entwickelt hat und zudem die Fähigkeit besitzt, sich in andere Menschen hinein zu denken. Ganz nach dem Motto: „Ich lüge nicht, ich bin intelligent!"

Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen. Kösel Verlag 2009. Gebunden mit Schutzumschlag, 512 Seiten. Euro 19,95.