
- Florian Thunemann mit Franziska Werner - Staatstheater Wiesbaden
"Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert." Mit diesem Schlüsselsatz endet das Trauerspiel "Emilia Galotti" beinahe, nur noch gefolgt von einem klagenden Aufschrei des Prinzen, des Verführers der jungen Rose. Im Staatstheater Wiesbaden wird diese Schlusspassage zum Prolog verwandelt und an den Anfang gestellt, zugleich sieht man die sterbende Emilia im blutgetränkten Brautkleid. Die fantasievolle Regisseurin und exzellente Bühnenbildnerin Ricarda Beilharz setzt die Handlung somit als bekannt voraus und zäumt das Pferd von hinten auf, wodurch sie dem Spannungsbogen die Spitze nimmt und die Aufmerksamkeit auf Wichtigeres lenkt. Ein sehr guter Schachzug! Jedoch sei die Frage gestattet: Was hat dieses Trauerspiel mit uns, mit der deutschen Wirklichkeit der Jahre ab 2010 zu tun? Wann ist ein Stück noch zeitgemäß?
Was bringt es, sich das Theaterstück "Emilie Galotti" anzusehen?
Im März 1772 wurde das Trauerspiel "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing durch die Döbbelinsche Truppe erstmals aufgeführt, in Braunschweig anlässlich des Geburtstages der Herzogin Philippe Charlotte. Die meisten Kritiker jener Zeit feierten das Theaterstück des Aufklärers Lessing, das bald darauf schon in Berlin gezeigt wurde. Warum? Das Berlinische Literarische Wochenblatt erklärte die Begeisterung folgendermaßen:
Lessing vereinigt Aristoteles und Shakespeare
"Diese 'Emilia Galotti' war uns bei ihrer Erscheinung um so willkommener, zu einer Zeit, da jene ätherisch französisch aufgestutzten deklamierenden Trauerspiele und die liebe tändelnde Oper allen wahren und reellen dramatischen Geschmack aus Deutschland zu verjagen drohten." Und weiter: "Sehet hier die edle Simplizität der Griechen, den Geist des Aristoteles und den Herzenskündiger Shakespeare - alles in Lessing vereinigt." Kurz übersetzt: Das neu aufkommende bürgerliche Trauerspiel wurde als unterhaltsamer wahrgenommen als die französischen Tragödienform mit ihren starren Vorschriften, die man lange Zeit für die deutsche Theaterliteratur übernommen hatte.
Goethes Gedanken über "Emilia Galotti"
Richtig interessant wird es, liest man nach, was Goethe über die "Emilia Galotti" sagt. Er äußerte sich mindestens zweimal. Im März 1812, also bereits 30 Jahre nach Entstehung des Stücks, schreibt er in einem Brief, zu jeder Zeit müsse das Stück als neu erscheinen. Überhaupt stecke es "voller Verstand, voller Weisheit, voller Blicke in die Welt". 18 Jahre später, im März 1830 dagegen ändert er seine Meinung offenbar, er schreibt ebenfalls in einem Brief: "Zu seiner Zeit... ermutigten wir jungen Leute uns daran und wurden deshalb Lessing viel schuldig. Auf dem jetzigen Grade der Kultur kann es nicht mehr wirksam sein. Untersuchen wir's genau, so haben wir davor Respekt wie vor einer Mumie..."
Deutsches Theater Berlin tourte mit "Emilia Galotti" acht Jahre
Die Frage, ob dieses Theaterstück heute - 200 Jahre nach Goethe - noch aktuell ist, wurde im 21. Jahrhundert bereits nachdrücklich von Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin beantwortet, der mit seiner Truppe acht Jahre lang bis 2009 mit einem strikt gekürzten und innovativ inszenierten Trauerspiel in 18 Städten 173 Aufführungen stemmte. Auch die Kultuslehrpläne und die Deutschlehrer votieren immer neu für Lessings Avantgardestück, leider gönnen sie ihren Oberstufenschülern oft nur die Reclam-Lektüre und ermöglichen kein Theatererlebnis, was durch geschickt koordinierte Zeitplanung meist durchaus möglich wäre.
Ricarda Beilharz inszeniert Lessing am Hessischen Staatstheater Wiesbaden
Immerhin haben die Schüler in Wiesbaden und im Rhein-Main-Gebiet derzeit Gelegenheit, sich mit oder ohne Lehrer die Inszenierung von Ricarda Beilharz im Staatstheater anzusehen. Es lohnt sich. Ricarda Beilharz führte nicht nur Regie, sondern schuf auch ein ausdrucksstarkes Bühnenbild, das weder konservativ überladen, noch modernistisch leer ist. Es gelang ihr und dem Profiteam der Hessischen Staatsschauspieler, den Grundkonflikt des Dramas so überdeutlich herauszuarbeiten, dass sowohl unbelesene Theatergänger als auch germanistisch vorgebildete Zuschauer auf ihre Kosten kommen können. Wahrlich, eine großartige Leistung!
"Emilia Galotti" - ein politisches Theaterstück?
"Emilia Galotti" könnte als politisches Stück betrachtet werden: Klassenkonflikt Bürgertum versus Adel, christliche Moral des sozialen Mittelstandes versus hemmungslose Unmoral der Herrschenden. Prinz verführt, ja nötigt ein unschuldiges Mädchen, noch dazu an ihrem Hochzeitstag. Vater hasst Prinz ohnehin aus Standesgründen und verteidigt die Ehre seiner Tochter, ersticht diese schließlich, um die Ehre zu retten. Eine Ehrenmordgeschichte analog aktueller Kriminalfälle im Kontext verletzter Familienehre im Migrationsmilieu? Nein, das wäre zu einfach. Bereits Lessing konzentrierte sich ganz bewusst auf einen privaten Konflikt, ein individuelles Schicksal.
Franziska Werner zwischen Jürg Wisbach und Florian Thunemann
Ricarda Beilharz äußert in einem Interview der Wiesbadener Dramaturgin Dagmar Borrmann mit ihr, sie habe "die aktive Seite der Emilia stärken" wollen, sie sei ein Opfer mit Würde. Denn Emilia (Franziska Werner, zart und stark), ist kein Gewaltopfer im wörtlichen Sinne, sie fühlt ihre Ehre durch ihre eigenen Gefühle verletzt, und daran lässt der Text Lessings keinen Zweifel. Emilias Sinne wurden durch die eindeutigen Avancen des Prinzen von Guastalla (Jürg Wisbach, stattlich und männlich) verwirrt und gereizt, heute würde man sagen: Auch sie will mit ihm zusammen sein und Sex mit ihm haben, sie findet ihn attraktiv, erotisch anziehend, im wörtlichen Sinne umwerfend. Und das, obwohl sie ihren Verlobten, den Grafen Appiani (Florian Thunemann, lieb und freundlich) ehrlich zu lieben glaubt. Hier dokumentiert sich der alte Widerspruch, der sich seit der Kantschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts im Bürgertum festklammert: Körper gegen Seele, Sinnlichkeit gegen Vernunft, Erotik gegen Konvention und Moral.
Uwe Kraus mit Monika Kroll gegen Michael von Burg und Doreen Nixdorf
Sogar der Prinz, der herrschsüchtige Aristokrat, klagt bei Lessing ein Recht auf individuelle Menschlichkeit für Fürsten ein: "Ist es, zum Unglück so mancher, nicht genug, dass Fürsten Menschen sind...". Der Vater Odoardo (Uwe Kraus, respekteinflößend und tragisch), die Mutter Claudia (Monika Kroll, besorgt und ein bisschen dumm) blicken fassungslos auf die Ereignisse rundum. Nur Marinelli (Michael von Burg, ölig glatt), der verschlagene Lakai, Speichellecker und Opportunist, bleibt von Anfang bis Ende derselbe gefühl- und skrupellose Bösewicht, der lachend über Leichen steigt, das widert sogar den fürstlichen Profiteur schließlich an, während die Verlobte, Gräfin Orsina (Doreen Nixdorf, beleidigt, bitter und rachsüchtig) neben all diesen "echten" Menschen und dem abgefeimten Höfling keine richtige Entfaltungschance findet.
Emilia Galotti will sterben
Letzte Frage: Warum will Emilia denn sterben? Weil erotische Leidenschaft in der Entstehungszeit des Stücks und noch lange danach, vielleicht bis heute, als fremde Macht, als Beherrschung, als eine Form von Gewalteinbruch in die Selbstbestimmung angesehen wurde. Deshalb möchte sie lieber sterben, und insofern entzieht sie sich aktiv der Opferrolle.
