Emmanuel Bove: "Schuld" - Roman eines Außenseiters

Emmanul Bove: Schuld - © Lilienfeld Verlag
Emmanul Bove: Schuld - © Lilienfeld Verlag
Lange Zeit war Emmanuel Bove vergessen. Jetzt erfährt der Franzose endlich die Würdigung als moderner Klassiker. "Schuld" erscheint erstmals auf deutsch.

Der Franzose Emmanuel Bove (1898 – 1945) gehört zu den literarischen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Er veröffentlichte zwischen 1922 und 1945 zahlreiche Romane. Lediglich Ende der 20er Jahre erlebte er eine kurze Erfolgsphase, dann geriet er in Vergessenheit.

Peter Handke entdeckt Emmanuel Bove für Deutschland

Erst Ende der 70er Jahre wurde Bove wieder entdeckt. Peter Handke gebührt das Verdient den Franzosen in Deutschland mit der Übersetzung des Romans „Meine Freunde“ 1981 bekannt gemacht zu haben – zumindest in literarisch interessierten Kreisen. In den vergangenen knapp 30 Jahren sind nach und nach weitere Werke von Bove in Deutschland erschienen. Inzwischen hat der Autor eine kleine, aber begeisterte Fangemeinde.

In Boves Werken geht es stets um Außenseiter, Menschen, die aus gesellschaftlicher Sicht nicht funktionieren und mit ihrem Leben nicht richtig zurecht kommen. Oft sind sie arm und von materieller Not bedrängt. Pierre, der Protagonist in „Schuld“ ist auch so ein Fall. Ein junger Mann, der kein Geld hat und in einem schäbigen Zimmer lebt, träumt davon, aus seinem Leben noch etwas zu machen. „Ich bin ja schließlich keine Null“, sagt er anfangs.

In Boves Werken geht es um Außenseiter

Er hält sich für begabt, wenngleich nicht deutlich wird, worin die Begabung liegen soll. Er scheint auf jeden Fall über viel Phantasie und einen wachen Intellekt zu verfügen. Er macht sich viele Gedanken, die aber manchmal wahnhafte Züge annehmen.

Im Gegensatz zu ihm wird seine Freundin Violette als einfältig geschildert. Dafür spricht ihr Pierre aber Reinheit und Unschuld zu. Nachdem er sie zunächst als Dirne beschimpft und beleidigt, idealisiert er sie plötzlich: „In Wahrheit bist du ein Engel, du erfährst Leid und Gemeinheiten, aber dein Herz bleibt rein.“

"Man muss dem Glück entgegen gehen"

Der Roman spielt im winterlichen Paris. In Pierres karg eingerichteten Zimmer ist es kalt und trostlos. Um etwas zu verändern, strebt das Paar nach draußen – als "Ort" für Freiheit und neue vielfältige Möglichkeiten: „Aus dem Haus zu gehen bedeutete für sie stets Hoffnung, Vergnügen, unbekannte Dinge.“ Eine Illusion. Während andere Menschen von der Arbeit nach Hause gehen, ziehen sie ziellos durch die Straßen. Obwohl Pierre undichte Schuhe trägt und nasse Füsse bekommt, marschiert er immer weiter: „Man muss gehen, man muss dem Schicksal und dem Glück entgegengehen, da beides nun mal nicht zu uns kommt.“

Schließlich landen sie erschöpft in einem Cafe, wo Pierre Streit mit dem Lokalbesitzer bekommt. Sie werden rausgeworfen und von einem Mann verfolgt. Der ältere Herr erzählt ihnen seine Lebensgeschichte. Es ist die Geschichte vom Abstieg eines hoch angesehenen Politikers, der seine Frau tötet und danach gesellschaftlich abstürzt.

Ein Mann glaubt, ein Mörder zu sein

Von diesem Moment an glaubt Pierre ebenfalls einen Mord begangen zu haben. Er stellt sich der Polizei, der er gerade recht kommt. Der zuständige Kommissar sucht einen Mörder. Doch Pierre wird entlastet und muss wieder frei gelassen werden. Aber für ihn ist das keine Befreiung, er ist weiter von seiner Schuld besessen.

Boves Roman ist verstörend und bleibt Antworten schuldig. Es ist der Alptraum einer Winternacht, eine Reise in die Psyche eines von Wahnvorstellungen geplagten Mannes. Pierres hört sogar Gott zu sich sprechen.

Diese irreale Ebene kontrastiert mit der erzählten Wirklichkeit: dem Realismus der Polizei und zweier realer Verbrechen, die in dem Buch erzählt werden. So tauchen sogar Aspekte und Spannungselemente aus der Kriminalliteratur auf, wenngleich das Buch alles andere als ein Krimi ist.

Bove bezieht sich auf Dostojewskis "Schuld und Sühne"

Bove bezog sich mit seinem Roman, der im Original „Un Raskolnikoff“ heißt, direkt auf Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Es ist interessant, dass das Buch in Deutschland zufällig fast gleichzeitig mit Paul Austers „Unsichtbar“ erschienen ist. Ein ganz anderer Autor, ein ganz anderer Roman, eine ganz andere Zeit. Aber auch Auster behandelt das Thema Schuld und auch er ist von Dostojewski geprägt. Von daher lohnt es sich, die beiden ganz unterschiedlichen Werke zu lesen. Gegen die Lektüre des Altmeisters Dostojewski spricht natürlich auch nichts.

Boves Roman "Schuld" erschien in Frankreich Ende 1931. Er war zu der Zeit gerade sehr erfolgreich, hatte 1928 den Literaturpreis Prix Figuière erhalten und wurde von Colette, Samuel Beckett und Rainer Maria Rilke bewundert.

Rilke und Beckett bewunderte Emmanuel Bove

„Schuld“ ist ein Solitär im Gesamtwerk Boves, wie der Übersetzer Thomas Laux in seinem lesenswerten Nachwort schreibt. Er muss es wissen, denn er hat schon zahlreiche Werke Boves ins Deutsche übertragen.

Hier reduziert Bove die Erzählung und Beschreibungen auf das Notwendigste. Mit dem reduzierten Stil erschuf Bove eine düstere Atmosphäre in einer verdichteten Welt. Die meisten Figuren sind nur Schattenwesen, es dreht sich alles um Pierre und seine übersteigerte Wahrnehmung.

"Schuld" erscheint erstmals in deutscher Übersetzung

Dem kleinen Lilienfeld Verlag in Düsseldorf gebührt der Verdienst den Roman „Schuld“ zum ersten Mal in Deutschland zu veröffentlichen. Die Ausgabe ist sehr edel, mit Fadenheftung, Halbleinen, Lesebändchen und schöner Einbandgestaltung durch moderne Künstler.

Der Lilienfeld Verlag hat sich darauf spezialisiert vergessene und in Deutschland unbekannte klassische Werke ausländischer Autoren zu veröffentlichen. Da lässt sich so manches Juwel entdecken. Vielleicht gräbt der Verlag ja noch ein weiteres Bove-Werk aus. Literaturkenner wären dankbar.

Emmanuel Bove: „Schuld“. Roman aus dem Französischen von Thomas Laux. Lilienfeld Verlag, 128 Seiten, 17,90 Euro