Energiepflanzen: Wem gehört in Brasilien das Land?

Auf einem besetzten Stück Land bei Limeira - Gisela Dürselen
Auf einem besetzten Stück Land bei Limeira - Gisela Dürselen
Agro-Energie wird als Lösung gegen den Klimawandel und die Ölverknappung gepriesen. Das Beispiel Brasilien zeigt die andere Seite der Medaille.

Brasilien ist eines der Länder weltweit, in denen Landbesitz am ungleichsten verteilt ist: Etwa zehn Prozent der Bevölkerung gehören 80 Prozent des Landes; dagegen besitzen rund fünf Millionen brasilianische Bauern überhaupt kein Land. Aus diesem Grund haben Landbesetzungen in Brasilien eine lange Tradition: Landlose Bauern besetzen mit Hilfe der "Bewegung der Landarbeiter ohne Boden" (MST) ein Stück Land, das ihnen nach der Verfassung von 1988 zusteht.

Auch Lula und Dilma setzen auf Ethanol

Obwohl es in Brasilien eine eigene Behörde namens "Incra" für die Realisierung einer Landreform gibt, ist eine solche bisher ausgeblieben. Alle Bauern, die Land erhielten, mussten sich dieses Recht erstreiten. Zum Antritt von Luiz Ignácio Lula da Silva 2002 machten sich viele große Hoffnungen: Denn Lula war der erste aus der Arbeiterschaft heraus gewählte Präsident und stand mit seiner Arbeiterpartei PT für soziale Reformen. Doch zumindest für die Landlosenbewegung kam es anders: Die Macht der großen Landbesitzer im Kongress ist groß, und niemand macht sich Illusionen, dass sich dies unter der 2010 neu gewählten PT-Präsidentin Dilma Rousseff ändern würde. Denn seit der Ölkrise in den 1970er Jahren setzt Brasilien auf die Herstellung von Agrartreibstoffen, und gerade diese Politik erschwert die Umsetzung einer Landreform

Neue Allianzen und ausländische Investoren

Mit dem Boom der Agrartreibstoffe in Brasilien entstanden neue Allianzen: Ausländische Investoren kaufen sich bei Großgrundbesitzern ein; internationale Unternehmen aus den Branchen der Landwirtschaft und Biotechnologie, der Energie- und Automobilproduktion arbeiten Hand in Hand und treiben das Projekt "Monokultur" in Brasilien voran. Das erschwert den Landarbeitern den Kampf um ihr Recht. Das zieht aber auch eine ganze Reihe weiterer Gefahren nach sich: Unter anderem für die Umwelt, weil die Monokulturen im Zentrum des Landes die Viehzüchter immer weiter nach Norden verdrängen - und diese mit ihren Weiden den Regenwald im Amazonasgebiet gefährden.

Mehr Energie, weniger zum Essen

Seit 1990 wuchsen die Anbauflächen für Energiepflanzen wie Soja, Zuckerrohr und Eukalyptus kontinuierlich, während die Flächen für die Produktion von Grundnahrungsmitteln deutlich schrumpften. Die Folge waren drastische Preissteigerungen gerade für solche Lebensmittel wie Reis und Bohnen, die für Arme unersetzlich sind. Durch große Mengen von Pestiziden in den Monokulturen - darunter das hochgiftige Glühphospat - werden andere Gewässer verschmutzt. Monokulturen mit Pflanzen wie Eukalyptus graben den umliegenden kleinen Bauern buchstäblich das Wasser ab.

Wider das exportorientierte Wirtschaftsmodell

Soziale Bewegungen wie die MST und die Menschenrechtsorganisation "rede social di Justicia e direitos humanos" wenden sich nicht grundsätzlich gegen die Produktion von Bio-Treibstoffen. Sie sind aber gegen das brasilianische Wirtschaftsmodell, das sich ihrer Meinung nach seit der Kolonialisation nicht geändert hat und rein auf Export ausgerichtet ist. Heute wie damals beute Brasilien Land und Leute aus, um die reichen Länder des Nordens mit billigen Rohstoffen zu beliefern: damals mit Zucker und Kaffee, heute mit billiger Energie. Dagegen setzen die sozialen Bewegungen auf Diversität und Nachhaltigkeit: auf viele kleine Betriebe, die verschiedene Produkte erzeugen und diese auf regionalen Märkten vertreiben.

Gisela Dürselen Suite101-Autorin, (Foto: Christine Vincon)

Gisela Dürselen - Ausbildung und berufliche Meilensteine: Journalistin, Friedensfachkraft, Trainerin für emotionale und soziale KompetenzStudium ...

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