Entlarvt Emmerichs Anonymus Shakespeares wahre Identität ?

Statue von Shakespeare - Axel Hopfmann/pixelio.de
Statue von Shakespeare - Axel Hopfmann/pixelio.de
Der kontrovers diskutierte Film Anonymus von Roland Emmerich beantwortet die Frage nach der Autorschaft mit Edward de Vere, was zweifelhaft ist.

Bereits im Vorfeld sorgte Roland Emmerichs Film Anonymus für leidenschaftliche Reaktionen bei Shakespeare-Gelehrten und Enthusiasten zugleich. So überklebte der bekannte ‚Shakespeare Birthplace Trust’ den Namen des weltberühmten Barden auf mehreren Straßenschildern aus Protest gegen die Prämisse des Filmes. Diese Aktion ist beispielhaft für die zum Teil negative Stimmung gegen Emmerichs Werk, das sich anschickt, die Identität des wohl für England prägendsten Dramatikers bzw. Schreibers zu demontieren. Der Film etabliert nämlich Edward de Vere, der 17. Graf von Oxford, als eigentlichen Verfasser von allen Stücken und Sonetten Shakespeares. Ohnehin polarisiert diese These schon seit längerem die akademische Welt sowie Shakespeare-Liebhaber. Vereint in der ästhetischen Empfindung, es handelt sich schließlich um die bedeutendsten und wunderbarsten Werke der englischen Literaturgeschichte, und dennoch gespalten in zwei unerbittlich streitende Lager: die Oxfordians auf der einen und die Stratfordians auf der anderen Seite. Erstere unterstützen die These von Anonymus, während letztere Shakespeare aus Stratford verteidigen.

„Dein Nam’ ist nur mein Feind“ (Romeo und Julia 2. Akt, 2. Szene) – Proll trifft auf Genie

Anfangs wird der Zuschauer Zeuge einer wilden Verfolgungsjagd zwischen dem Renaissanceschreiber Ben Jonson und Soldaten der englischen Krone. Er flüchtet ins Globe Theater und versteckt, wie sich später herausstellt, das gesamte Oeuvre de Veres/Shakespeares in einer Truhe, um sie vor den nach ihnen suchenden Schergen zu bewahren. Rückblickend wird nun der Handlungsstrang aufgerollt. Der berüchtigte Graf von Oxford besucht eine Theateraufführung Ben Jonsons, die aufgrund des politischen Zündstoffs von Soldaten vorzeitig beendet wird, und ist sichtlich angetan von der Wirkung des Stücks auf den „Pöbel“, wie der adelige Graf zu sagen pflegt. Hiernach wird Jonson an Edward de Veres Hof zitiert und man trägt ihm auf, alle seine Stücke aufzuführen, da das Schreiben von Poesie und Theaterstücken von höfischen Kreisen mit Argwohn betrachtet wird. Im Laufe der Geschichte entpuppt sich der Graf als verkanntes Genie, der bereits als Neunjähriger Ein Mittsommernachtstraum verfasst und vor der begeisterten Elizabeth I. inszeniert hat.

Frei nach dem Motto, das Nichtvorhandensein von Beweisen für den Mann aus Stratford unterstütze die These Emmerichs, versucht der Film, die Person Shakespeare als potentiellen Kandidaten für die Autorschaft auszuschließen. Der trinkende, einfache und geldgierige William Shakespeare wird als klischeebehafteter Schauspieler dargestellt, der einen drastischen Gegenpol zu dem hoch gebildeten und distinguierten de Vere verkörpert. Zwar ist Shakespeare des Lesens mächtig, das Schreiben jedoch gehört überhaupt nicht zu seinen Fähigkeiten. Nur zufällig und aus narzisstischen Gründen fungiert er als Namensgeber für die überaus erfolgreichen Stücke. Darüber hinaus deutet Anonymus klar an, dass er selbst vor Erpressung und sogar Mord nicht zurückschreckt. Beispielsweise wird insinuiert, dass der proletenhafte ‚Will’ den ihm zu entlarven drohenden Konkurrenten Christopher Marlow umgebracht hat. Eindeutiger und polemischer kann eine Demontage des Barden nicht ausfallen.

Viel Lärm um Nichts ? – Zweifelhafte ‚Wahrheiten’

Auch wenn Emmerichs Werk sicherlich gut in Szene gesetzt ist und die schauspielerische Leistung aller beteiligten über weite Strecken überzeugt, so fehlt es dem Filmplot inhaltlich an einer historisch fundierten Basis. Marlow, zum Beispiel, wurde schon vor dem im Film gezeigten Zeitpunkt durch einen Agenten in einer Messerstecherei (1593) tödlich verletzt. Eine weitere der vielen historischen Ungenauigkeiten ist außerdem die Darstellung der versuchten Machtergreifung des Grafen von Essex. Obwohl 1601 tatsächlich eine Vorführung der Schauspielgruppe um Shakespeare gewünscht wurde, um einen Sturz der Königin zu inszenieren, und der besagte Graf deshalb hingerichtet wurde, macht Anonymus das Historiendrama um den buckeligenRichard III. verantwortlich für den Aufruhr. In Wirklichkeit wurde allerdings "Richard II." dargeboten. Diese Änderung fügt sich besser in den Filmplot ein, da der ebenfalls buckelige und kronloyale Antagonist, Robert Cecil, die Vorstellung als direkten Angriff auf seine Machenschaften sieht. In der Tat beabsichtigt Edward de Vere im Film eine solche Assoziation.

Die Geschichtsschreibung widerspricht dieser filmischen Interpretation. Während in Emmerichs Werk der Graf von Oxford genau zu diesem Anlass das Stück "Richard III." schreibt und die Inszenierung vorantreibt, war es, laut historischen Dokumenten, der Graf von Essex, der die Schauspieltruppe aufforderte, "Richard II." zu spielen. Das letztere erlaubt nämlich die Auslegung, dass die Untertanen einen schwach gewordenen Monarchen, entgegen der theokratischen Amtsauffassung, absetzen dürfen. Im Gegensatz dazu will der filmische de Vere lediglich den engsten Berater von Elisabeth I., Robert Cecil, zu Fall bringen. Ferner wirkt es geradezu abstrus, dass Edward de Vere "Richard III." genau zu diesen Zwecken verfasste. Dieses fügt sich aber nahtlos in das im Film anfangs vom Grafen von Oxford erwähnten Diktum, dass jede Kunst politisch motiviert sei, ein. Solch eine Aussage ist nichtsdestotrotz recht zweifelhaft, weil Shakespeares Werke, im historischen Kontext betrachtet, in erster Line der Unterhaltung und nicht zu allererst der politischen Aufklärung dienten.

Der Stoff aus dem die Träume sind – Die Grenze der Verschwörungstheorien

Problematisch an allen Annahmen konspirativer Handlungen, um die wahre Identität des Autors der Stücke geheim zu halten, ist das Fehlen eines plausiblen und unumstößlichen Erklärungsmodells. Mit Sicherheit ist es schwer, Dokumente (z.B. Orginalmanuskripte) hervorzubringen, die eindeutig für den Mann aus Stratford sprechen. Zudem werden die Rechte an seinen Stücken zu keinem Zeitpunkt in seinem umstrittenen Testament erwähnt. Deshalb behaupten unter anderem viele Oxfordians, dass William Shakespeare nicht der geistige Vater sein kann. Allerdings gehörten die Urheberrechte zu seiner Zeit den für die Schauspieler zuständigen Unternehmen. Außerdem bezweifeln mehrere Oxfordians die wirklich ungenauen Datierungen der Werke und datieren sie wiederum vor das Jahr 1604, dem Todesjahr des Graf von Oxford. Solch ein Unterfangen birgt abermals Risiken. So gibt es eine Vielzahl von Wissenschaftlern, die beispielsweise das Bühnenstück "Der Sturm" nach 1604 einordnen.

Als ein rein fiktionaler Film betrachtet, bietet Roland Emmerichs Anonymus einen guten Unterhaltungswert. Schlüssige und fundierte Argumente für eine Autorschaft Edward de Veres steuert der Film hingegen nicht bei. Zu sehr scheint sich der Film darauf zu besinnen, die Figur William Shakespeare plakativ zu dekonstruieren und im gleichen Zug den Graf von Oxford als tragisches Genie zu stilisieren. Eine andere, weniger schematische Darstellungsweise hätte wahrscheinlich für weniger Kontroversen gesorgt.

Literatur:

  • Dobson, Michael u. Stanley Wells (Hrsg.). The Oxford Campanion to Shakespeare. Oxford: Oxford University Press 2005.
  • Shapiro, James. Contested Will. Who Wrote Shakespeare ?. London: Faber and Faber 2010.
  • Vaughan, Alden T. William Strachey’s “True Reportory” and Shakespeare: A Closer Look at the Evidence. Shakespeare Quarterly 59 (2008), 245-73.

Der vorliegende Artikel wurde zusammen mit Marcel Fromme verfasst.

Nils Zumbansen, Zumbansen

Nils Zumbansen - Mein Heimatort ist Bielefeld, wo ich auch zur Schule gegangen bin und mein Abitur gemacht habe. Nach dem Masterstudium im Fachbereich ...

rss