Entspannungstechniken für pflegende Angehörige

Sehr wirksam: Autogenes Training und progressive Muskelentspannung

Entspannung für pflegende Angehörige - Rainer Sturm
Entspannung für pflegende Angehörige - Rainer Sturm
Wer einen Angehörigen pflegt, kann selten ausspannen, ist körperlich und seelisch belastet. Gelingt es nicht, vom Stress ganz abzuschalten, dann wird man auf Dauer krank.

Die Gesundheit von pflegenden Angehörigen ist ein ganz besonderes Gut: Werden sie krank, dann ändert sich die Lebenssituation für die von ihnen versorgten pflegebedürftigen Menschen plötzlich und nicht selten ganz dramatisch – oft bleibt nur die Entscheidung für einen vorübergehenden oder dauerhaften Aufenthalt in einem Pflegeheim.

An der Verantwortung, dass die eigene Gesundheit Voraussetzung dafür ist, um ein pflegebedürftiges Familienmitglied zu Hause zu versorgen, daran tragen pflegende Angehörige oft sehr schwer. So oft wie möglich sollten sie deshalb auch Gelegenheit bekommen, bewusst „Auszeiten“ zu nehmen, in denen sie sich von Verwandten, Freunden, Nachbarn oder Mitarbeitern eines Pflegedienstes stundenweise vertreten lassen oder Tagespflege-Angebote nutzen. Die „Vollzeitpflegenden“ müssen einfach ganz besonders darauf achten, dass sie ihre körperlichen und seelischen Kräfte erhalten und stärken.

Denn wer dauerhaft stark belastet ist, aber nicht abschalten kann, wer Körper und Geist keine richtige Erholung gönnt, dessen Gesundheit ist nachweislich gefährdet. Die Folgen sind Erschöpfungszustände, die zum so genannten Burnout-Syndrom führen. Die Betroffenen leiden unter Hoffnungs- und Hilflosigkeit, Depressionen, Schlaflosigkeit, sind ungeduldig, gereizt, aggressiv. Aber nicht nur die Psyche leidet, auch der Körper reagiert auf Dauerstress oft massiv – beispielsweise mit Asthma, Rücken-, Muskel- und Kopfschmerzen, Migräne, Verdauungs- und Hautproblemen.

Das bewirkt der Dauerstress im Körper

Auf plötzlichen Stress antwortet der Körper mit einem genetisch festgelegten Angriffs- oder Fluchtprogramm, wofür er blitzschnell eine Unmenge an Energie produziert. Bei ständig wiederkehrendem Stress wird diese Energie nur pausenlos aufgebaut, aber nie aufgebraucht. Der krankmachende Druck steigt an, wenn man nicht ein Ventil findet (zum Beispiel Sport) oder lernt, die Reaktionen auf den durch Stress erzeugten Reiz bewusst abzuschalten. Das gelingt durch Entspannungstechniken. Ideal eignen sich dafür bewährte Methoden wie Autogenes Training und progressive Muskelentspannung.

Autogenes Training

Nur wenige Minuten am Tag genügen schon, um wirksam abschalten zu können. Die Übungen entwickelte vor über 70 Jahren der Psychiater Johannes Heinrich Schultz. Sie sind eine weltweit anerkannte Methode der Autosuggestion (Selbstbeeinflussung), um Stress und psychosomatische Störungen zu behandeln. Krankenkassen, Therapeuten, Gesundheitszentren und Volkshochschulen bieten meist Kurse mit einem Umfang von 8 bis 10 Unterrichtsstunden an.

Etwas anspruchsvoller: Die Entspannungsübungen – diszipliniert und regelmäßig durchgeführt – können auch zu Hause erlernt werden, zum Beispiel mit „Autogenes Training - Einführung in die Grundstufe nach J.H. Schultz“, von Antonia Arboleda-Hahnemann, Arps-Verlag, CD und Begleitheft, ISBN-10: 3939306029 , etwa 15 Euro)

Progressive Muskelentspannung

Durch bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen wird ein tiefer Entspannungszustand des Körpers erreicht, die wichtige Körperwahrnehmung verbessert, und nach einiger Übungszeit verringern sich damit auch mögliche Schmerzzustände. Die Methode des amerikanischen Arzt Edmund Jacobsen ist in Deutschland seit rund 20 Jahren bekannt. Auch sie kann zu Hause geübt werden, zum Beispiel mit “Progressive Muskelentspannung nach Jacobson mit CD. Lust zum Üben“ von Friedrich Hainbuch, Ilona Daiker, Dominik Parzinger, Gräfe & Unzer, ISBN-10: 3774261466, ca. 17 Euro).

Diese Technik, manchmal auch progressive Muskelrelaxation genannt, lässt sich auch ohne weiteres mit autogenem Training kombinieren. Gerade Ungeübten fällt es oft leichter, einzelne Muskelgruppen vollkommen zu entspannen, wenn sie sie zuvor durch Anspannung besonders erspüren und wahrnehmen konnten. Auch für die Kombination beider Techniken werden Kurse angeboten und ebenfalls eine Übungs-CD („Autogenes Training und progressive Muskelentspannung: Doppelt stark gegen Stress - beide Methoden nutzen und das Beste kombinieren“ von Claus Derra, Trias Verlag, ISBN-10: 3830433751, etwa 15 Euro).

Ein Appell an die Menschen im Umfeld von Pflegebedürftigen

Tagespflege, Alltagshilfen aller Art oder Kurzzeitpflege sind wichtige Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige. Sie sollten aber nicht erst in Anspruch genommen werden, wenn die Betroffenen bereits gesundheitlich angegriffen oder schon schwer angeschlagen sind. Weil jedoch diejenigen, die sich - wie etwa bei Demenzkranken - Tag und Nacht um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmern, erfahrungsgemäß eigene Bedürfnisse, Wünsche, Beschwerden und Leiden oft zu lange zurückstellen, sind andere aufgerufen – Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn – für Entlastung zu sorgen, Unterstützung zu organisieren!

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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