Heiner Müller, für den Shakespeare zeitlebens eine Obsession war, hatte schon lange den Gedanken mit sich getragen, eine eigene Fassung des shakespeareschen Hamlet zu verfassen, als der Regisseur Benno Besson in den späten siebziger Jahren mit eben jener Bitte an ihn herantrat.
Von der Übersetzung zum eigenständigen Stück
Besson hielt Müller an, eine Neuübersetzung des Stückes für eine Inszenierung an der Volksbühne Berlin anzufertigen. Auch wenn Müller aus Zeitgründen lediglich Änderungen an einer vorhandenen Übersetzung gelangen, veränderte sich dadurch sein ursprünglicher Blick auf den Stoff und er nahm Abstand von seinem Plan, die Handlung in einen konkreten, aktuellen Rahmen zu verlegen: So hatte er eigentlich vorgehabt, die Geschichte in einem Ostblockstaat spielen zu lassen. Hamlet sollte als Sohn eines Opfers von innerparteilicher Säuberung dargestellt werden. Im Arbeitsprozess wurde es Müller jedoch unmöglich, dialogisch, also dramatisch, zu schreiben. Im real existierenden Sozialismus, in den er das Stück übertragen wollte, sei es nicht mehr möglich gewesen mit dem Stoff zu Dialogen zu kommen. Spätestens seit der Biermann-Ausbürgerung 1976 hatte der Glaube an die Zukunftsfähigkeit der sozialistischen Gesellschaft bei vielen Intellektuellen abgenommen und zu Resignation geführt – so auch bei Müller.
Die Autorität des Wortes
Müllers Schreiben über Hamlet wurde somit zu einem lediglich neunseitigen Text, versetzt mit zahlreichen Zitaten und Selbstzitaten in monologischen Blöcken, die von Hamlet/ Hamletdarsteller und Ophelia gesprochen werden. Hier zeigt sich ein Verständnis von Sprache, die nicht mehr einzig als Transportmittel für Informationen dient, sondern vielmehr als eigenständiges Material. Da Müller in die konventionellen Strukturen eines Textes die gesellschaftlichen Machtstrukturen eingeschrieben sah, mahnte er, dass man sich der „Autorität des Wortes“ nicht unterwerfen dürfe. Da Worte lediglich als Zeichen für einen arbiträr ausgewählten Inhalt fungieren, sei ein Text traditionell immer an seine Mitteilung gebunden und stehe in ihrem Dienste. Müller forderte jedoch Eigenständigkeit von Texten, indem sie ihre Bedeutung über Melodie und Rhythmus weitergeben sollen, anstatt über die Information.
Als Beispiel soll eine Passage aus dem Abschnitt „Das Europa der Frau“ aus Hamletmaschine dienen: „Ich bin Ophelia. Die der Fluß nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. AUF DEN LIPPEN SCHNEE. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Gestern habe ich aufgehört mich zu töten.“
„Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht…“
Müller thematisiert in Hamletmaschine die Rolle des Intellektuellen in einer Zeit des Stillstands, in der die Hoffnung auf gesellschaftliche Entwicklung erloschen ist. Auch wenn der Wunsch nach politischem Eingreifen noch besteht, steht er im Konflikt mit der Möglichkeit des Rückzugs ins Private, in die Resignation. Während der stagnierende Staat, durch Hamlet, also den Mann, repräsentiert wird, bildet Ophelia, die Frau, einen Gegensatz dazu: Es gelingt ihr, sich in einem gewaltvollen Akt aus ihrem patriarchalen Gefängnis selbst zu befreien. Am Ende wird aber auch sie nicht zur revolutionären, vorantreibenden Kraft, da sie im Namen aller Unterdrückten einen Aufstand fordert, der den Tod bedeutet. So spricht sie: „Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Haß, die Verachtung, der Aufstand, der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Sie proklamiert zwar Rebellion, aber nur eine, die den Tod bringt.
Durch Anspielungen auf politische Führungspersonen und Aufstände im sozialistischen Lager bekommt Hamletmaschine eine politische Dimension, während Hinweise auf frühere Arbeiten Müllers, und besonders die Verarbeitung des Selbstmordes seiner Frau, dem Stück eine starke persönliche Note geben.
Literatur:
Müller, Heiner: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen, Köln 1994.
Hauschild, Jan-Christoph: Heiner Müller, Hamburg 2000.
