
- Botanischer Garten Berlin - Prärielandschaft - Judith Czakert
Botanische Gärten sind aus der europäischen Kultur- und Wissenschaftslandschaft nicht mehr wegzudenken. Fast jede größere Stadt kann einen Botanischen Garten aufweisen. Alleine in Deutschland gibt es fast 100 Botanische Gärten. Sie sind Teil des Stadtbildes und bieten als solcher die Möglichkeit exotische Pflanzenwelt kennen zu lernen, sich mit der heimischen Flora vertraut zu machen, Erholung zu finden im Kulturraum Garten und sich weiterzubilden im Bereich Umwelt, Botanik und praktischer Pflanzenkunde.
Gärten der Antike
Die Entwicklung der Botanischen Gärten lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Damals gab es den vereinzelten Wissenschaftszweig der Botanik noch nicht. Ein weitaus komplexeres Bildungsideal strebte umfassenderes, universelleres Wissen an. Pflanzenkunde war Teil der Philosophie und eng verknüpft mit der Medizin und der Astronomie. Der Naturforscher und Philosoph Theophrastos von Eresos (371-286 v. Chr.) führte – wahrscheinlich angeregt durch die in der Antike übliche enge Verknüpfung von Philosophie und Gärten – Unterricht in Gartenanlagen ein und verknüpfte erstmalig Wissensvermittlung mit dem Ort Garten. Er legte damit den Grundstein für die Entstehung der Botanischen Gärten der Gegenwart.
In der Antike entstanden erstmals exakte Natur- und Pflanzenbeschreibungen. Natur galt als Ausdruck der harmonischen Weltordnung in die sich der Mensch einzufügen hatte. Die Erforschung der Natur war Bestandteil des Bildungsideals dieser Zeit.
Der Hortus Medicus im Mittelalter
Im Mittelalter wandelte sich die Auffassung von Natur. Sie galt als Symbol Gottes und als Hort der Sünde. Dem Menschen oblag es, sich die Natur Untertan zu machen und Nutzen aus ihr zu ziehen. Pflanzen vermochten diesen Drang nach Nutzwert zu befriedigen; unter anderem durch ihre Heilkräfte: Im Mittelalter entstanden die so genannten Horti Medicii, die Medizingärten. Mittelalterliche Kräuter- und Klostergärten sind noch heute Vorbild für die Gestaltung vieler Parkanlagen. Eine der bekanntesten Namen dieser Zeit ist sicherlich Hildegard von Bingen, die mit ihren exakten und detaillierten Pflanzenbeschreibungen das Wissen ihrer Zeit für die Nachfolgegenerationen konservierte. Albertus Magnus, Theologe, Jurist, Philosoph und Naturforscher, versuchte erstmalig die mitteleuropäische Flora und Fauna schriftlich zusammenzufassen. Er beschrieb in seinem Werk über 400 Bäume und Kräuter. Mittelalterliche Vorstellungen von Pflanzen, Heilung, Natur und Gott konnten auf solche Weise in die Kultur eingebracht und weiter getragen werden.
Die Botanik war bis ins 18. Jahrhundert kein eigener Wissenschaftsbereich, sondern Teil der Medizin. Die Horti medicii können daher nicht als Botanische Gärten nach modernem Verständnis bezeichnet werden. Einige Medizingärten jedoch entwickelten sich zu Botanischen Gärten, die noch heute existieren. Meist sind diese Gärten Teil von Universitäten und dienen der Ausbildung, Forschung und Wissenschaft. Der erste Botanische Garten Deutschlands erblickte das Licht der Welt in Leipzig als Hortus Medicus der Medizinischen Fakultät Ende des 16. Jahrhunderts.
Renaissancegärten – Forschungsreisen, Handel, Buchdruck
In der Renaissance erblühte intensives Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung der Pflanzenwelt. Die Orientierung an antiken Vorbildern führte zum Studium der griechischen Literatur, so auch zum Studium der botanischen Schriften. Die Entdeckung neuer Kontinente und der sich daraus ergebene Zugriff auf exotische und unbekannte Pflanzenmaterialien steigerte das erwachte Interesse an der Natur noch und sorgte für einen florierenden Handel mit Samen, Pflanzen und Herbarien.
Neue Erkenntnisse konnten dank der Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert schnell und weitläufig in Europa verbreitet werden – die Experimentierfreude boomte und Gärten zur Kultivierung und Beobachtung von Pflanzen schossen aus dem Boden. Reiche Kaufleute entsendeten Forscher und vereinzelt auch Forscherinnen in fremde Länder, um an exotische Blüten und Früchte zu gelangen. Der Besitz unbekannter Pflanzen galt als Statussymbol. Mit der Einführung beheizter Gewächshäuser im 16. Jahrhundert begann die Kultivierung von Pflanzen gemäß ihrer jeweiligen Ansprüche. Dank dieser Entwicklung sind die exotischsten Pflanzen heutzutage der Allgemeinheit zugänglich.
Einige Botanische Gärten in Deutschland entstanden aus typischen Renaissance-Gärten, so der Botanische Garten in Bonn, der das malerische Poppelsdorfer Schloss umgibt.
Botanische Gärten in der Neuzeit – Begegnungsorte von Mensch, Natur, Pflanzen
Im Verlauf der Zeit entwickelten sich aus den Horti Medicii, aus den Renaissance-Gärten, den Privatgärten reicher Kaufleute oder exklusiven Gartenbetrieben und Baumschulen neue Zielrichtungen und damit auch der einheitliche Begriff „Botanischer Garten“.
Die Aufgaben der Botanischen Gärten belaufen sich heutzutage nicht mehr nur auf die Forschung, auf die Kultivierung von Medizinpflanzen, auf Repräsentationsfunktionen oder auf den Handel mit Pflanzen. Nein, die Aufgaben sind äußerst vielfältig und über botanisch Interessierte hinaus öffentlich wirksam. Botanische Gärten machen sich stark für die Erhaltung der biologischen Vielfalt der Welt, sie bemühen sich, die Öffentlichkeit für Umweltthemen zu interessieren und zu aktivieren, sie bieten die wertvolle Möglichkeit Pflanzen aus der ganzen Welt mit eigenen Augen zu betrachten, Zusammenhänge herzustellen und Informationen zu erhalten. Botanische Gärten sind Teil der Kultur einer Stadt oder einer Umgebung, sie wirken auf die Kultur und sind Kultur in der Darstellung der Natur.
Die Geschichte und die Geschichten einzelner Botanischer Gärten zeigt Gartenkultur durch die Zeiten hinweg. Eine umfassende Darstellung Botanischer Gärten in Deutschland liefert Loki Schmidt mit ihrem Buch „Die Botanischen Gärten in Deutschland“.
Seit 1992 existiert der „Verband Botanischer Gärten“, der einen nationalen und internationalen Wissens-, Erfahrungs- und Samenaustausch ermöglicht.
