Um etwa 1900 entwickelte sich in den USA der Modern Dance. Seine Grundlage besteht nicht in einem Technikprogramm, sondern vielmehr in einem neuen Tanzkonzept. Dieses Konzept beinhaltet die Vorstellung, den natürlichen Bewegungsapparat des menschlichen Körpers auszuschöpfen und der Spontanität Raum zu geben. Der Körper wird Ausdrucksmittel.
Modern Dance als Gegenbewegung zum klassischen Ballett
Noch im 19. Jahrhundert beherrschen die Ideale des romantischen Balletts die Bühnen. Seine Bewegungsprinzipien (ausgehende von den Grundpositionen der Arme und Beine), erteilen der Tänzerin strenge Vorgaben. Das Bewegungsrepertoir im Ballett sieht, im Gegensatz zum Modernen Tanz, nur die vertikale Körperhaltung vor. Auch Kopfhaltung und Blickrichtung werden kontrolliert. Im choreografischen Ablauf werden Grundsätze der Symmetrie sichtbar: Bewegungsabfolgen und Raumwege wiederholen sich.
Die Ballerina als Ideal
Im Mittelpunkt des romantischen Balletts steht die Ballerina. Sie dominiert über ihren Partner und über das Ensemble. Die Erfindung des Spitzentanzes verhalf der Tänzerin zusätzlich zu ihrer exponierten Stellung. Schon lange vor dem Aufkommen des Spitzenschuhs zeigen Darstellungen von Ballettszenen die Tänzerinnen geradezu als schwebend-überirdische Wesen. Mit der Entwicklung des entsprechenden Schuhwerks wurde das Sinnbild der schwebenden Tänzerin beinahe Wirklichkeit. Eine der ersten Spitzentänzerinnen war Maria Taglioni 1832 mit "La Sylphide". Sie wurde zum Inbegriff der romantischen Ballerina. Wenig später feierten auch Fanny Elßler (1810-1884) und die Carlotta Grisi (1819-1899) als Primaballerinen große Erfolge und wurden euphorische bejubelt.
Dynamik und Plastizität als Neuerungen des Modern Dance
Der starre Apparat des Balletts wird durch das dynamische Moment im Modern Dance abgelöst. Hier entstehen die Bewegungen durch einen Wechsel von Spannung und Spannungslösung. Energieeinsatz und Muskelentspannung treten in eine fruchtbare Wechselbeziehung. Aus der Endphase einer Bewegung entsteht bereits die neue: So ergibt sich ein rhythmisch-dynamischer Verlauf der Choregrafien. Zweites entscheidendes Merkmal ist die Wahrnehmung des Körpers im Raum. Während im Ballett nur radiale Drehungen um die vertikale Körperachse durchgeführt wurden, sind im Modern Dance durch Formveränderung des Körpers (Neigung, Verdrehung, Lösen usw.) auch „Off-Balance-Drehungen“ möglich, die mehrere Körperachsen einbeziehen.
Isadora Duncan und Ruth St. Denis als Pioniere des Modern Dance
Die amerikanischen Tänzerinnen und Choreografinnen Isadora Duncan (1877-1927) und Ruth St. Denis (1879-1968) gelten als Pioniere des Modern Dance. Ihre Tanzkonzepte sind noch stark von mythologischen Vorstellungen geprägt. Isadora Duncan orientierte sich am griechischen Schönheitsideal und belebte den Tanz der Antike neu. Erfolge feierte sie unter anderem in London, Paris, Berlin und Moskau. 1904 gründete sie mit ihrer Schwester Elizabeth Duncan (1871-1948) in Berlin eine Internatstanzschule. Ruth St. Denis gründete 1915 mit ihrem Ehemann Ted Shawn in Los Angeles die Denishawn Tanzschule. Ihre Choreografien erhielten Einzug in viele Hollywood-Filme dieser Zeit. Auch in Berlin und Wien feierte sie Erfolge.
Martha Gramham und Doris Humphrey
Martha Graham (1894-1991) war Schülerin der Denishawn Tanzschule. 1926 gründete sie in Manhattan ihre eigene Schule, die „Martha Graham School of Contemporary Dance“. Hier erarbeitet sie ihre „Martha-Graham-Technik“, die noch heute zum Standart des Modern Dance gehört. Trotzdem gab Graham der Emotion im Tanz immer den allerhöchsten Stellenwert. Auch Doris Humphrey (1895-1958) lernte in der Denishawn Tanzschule, wo sie später selbst unterrichtete. 1946, nach krankheitsbedingtem Abschied von der Bühne, übernahm sie unter anderem die künstlerische Leitung der José Limón Dance Company.
Alwin Nikolais: Radikale Abkehr von der „Ausdruckskunst“
In den 50er Jahren formiert sich eine neue Generation von Tänzern und Choreografen, die aus der Tradition des Modern Dance ausbricht. Sie versteht ihre Tanzkunst nicht mehr als „Ausdruckskunst“, sie will nicht länger Geschichten „erzählen“, sondern den Tanz seinem eigenen „erzählerischen Fluss“, seiner eigenen motorischen Logik überlassen. Nicht die Bedeutung einer Bewegung, sondern ihr bloßes Sein wurde in den Mittelpunkt gestellt. Diese oft sehr experimentelle Form des Tanzes wird heute häufig mit dem Begriff Postmoderner Tanz belegt. Maßgeblich wurde diese Gegenbewegung von Alwin Nikolais (1919-1993) bestimmt.
Die Begriffe Modern Dance, Ausdruckstanz, Zeitgenössischer Tanz
Der Begriff Ausdruckstanz hebt besonders die expressive Seite des Tanzes, das erzählerische Moment, hervor. Es wird auch gelegentlich von Expressionistischem Tanz gesprochen. Der Ausdruck Modern Dance wird gerne benutzt, um die Abgrenzung zum klassischen Ballett hervorzuheben. Unter dem Begriff Zeitgenössischer Tanz werden gemeinhin verschiedene Ausprägungen des gegenwärtige Bühnentanzes subsumiert. Angesichts der Vielfalt ist die Terminologie heutzutage schwer zu fixieren.
