Industrienationen kämpfen seit sechzig Jahren gegen die Armut in der Dritten Welt. Doch trotz aller internationaler Bemühungen hat sich die wirtschaftliche und soziale Lage der „Entwicklungsländer“ im „Zeitalter der Armutsbekämpfung“ verschlechtert.
Am 20. Januar 1949 betritt der amerikanische Präsident Harry S. Truman die politische Weltbühne. Bei seinem Amtsantritt verkündet er jene Worte, auf die sich bis heute die internationale Entwicklungspolitik stützt. „Ich glaube, dass es die Politik der Vereinigten Staaten sein muss, freie Völker zu unterstützen, die versuchter Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch den Außendruck widerstehen“. Der amerikanische Außenminister Gorge C. Marshall fügte den Worten Trumans zwei Monate später den entscheidenden Satz hinzu: "Unsere Politik wird nicht gegen das Land oder die Doktrin, aber gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Verwirrung geleitet".
Dieses Bekenntnis sollte eine neue Ära der internationalen Politik einleiten. Zum ersten mal sprachen westliche Politiker von den Nöten der unterentwickelten Länder. Auch die Menschen der Südhalbkugel sollten von nun an am technischen und gesellschaftlichen Fortschritt der Industrienationen profitieren. Es war eine Kampfansage gegen die Armut.
Die Bilanz nach sechzig Jahren Entwicklungsarbeit fällt schlecht aus
Doch auch in sechzig Jahren intensiver Entwicklungsarbeit sind die Industrienationen ihrem hehren Ziel nicht näher gerückt. Trotz der astronomischen Summe von 2,3 Billionen US-Dollar Entwicklungsgelder vom OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), hat sich die wirtschaftliche und soziale Lage der meisten Dritte-Weltstaaten im Vergleich zu den 50er Jahren eher verschlechtert, als verbessert.
Optimistische Ziele der Millenniumskonferenz
Auf dem Millennium-Gipfel, der 55. Generalversammlung der UN, im September 2000 in New York, stellten die Teilnehmer der bisher größten Versammlung der Staats- und Regierungschefs die ernüchternde Bilanz zur allgemeinen Weltlage auf. Das Resultat viel ernüchternd aus. Demnach lebten weltweit immer noch über 1,2 Milliarden Menschen in absoluter Armut, also unter einem US-Dollar pro Tag, 700 Millionen Menschen hungerten oder waren unterernährt, über 115 Millionen Kinder im Volksschulalter hatten keinen Zugang zu öffentlichen Schulen, konnten also weder schreiben noch lesen. Über eine Milliarde Menschen hatten keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser und mehr als zwei Milliarden keine Möglichkeit Sanitäranlagen zu benutzen.
Mit einem umfassenden Katalog verpflichteten sich alle Gipfelteilnehmer bis zum Jahre 2015 folgende Ziele zur Bekämpfung der Armut zu erreichen.
Millenniumsziele bis zum Jahre 2015
- Bekämpfung von extremer Armut und Hunger (dabei soll der Anteil der in absoluter Armut lebender Menschen bis 2015 halbiert werden)
- vollständige Primarschulbildung für alle Jungen und Mädchen
- Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frauen
- Reduzierung der Kindersterblichkeit
- Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Müttern
- Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten
- Ökologische Nachhaltigkeit
- Aufbau einer globalen Entwicklungspartnerschaft
Der Millenniumkatalog stützt sich vor allem auf die Theorie des „Big Push“, derzufolge konzentrierte finanzielle Investitionen in eine Region, schnelleres Wirtschaftswachstum bewirken und sich so auch positiv auf den Lebensstandart der Bürger auswirken. Diese Strategie erforderte noch höhere Hilfszahlungen als bisher; für den Ausbau der Infrastruktur, des Bildungswesens und die Errichtung neuer Wirtschaftszentren. Auf der G8 Konferenz im November 2005 in Peking einigten sich die führenden Industrienationen ihr Budget für Entwicklungsarbeit zu verdoppeln. Noch mehr Geld sollte in die Dritteweltregionen fließen.
Kritik am Millennium-Projekt
Doch das Millennium-Projekt hat viele Kritiker, wobei die meisten gerade die Geberpolitik der Industrienationen für die stagnierende Armut verantwortlich machen. William Easterly war 16 Jahre lang für die Weltbank tätig und kennt daher die Arbeit des OECD. In seinem Buch „Wir retten die Welt zu Tode kritisiert er die Entwicklungsarbeit der Geberländer. Nach Easterly betreiben die Industrienationen eine repressive Entwicklungspolitik. Auch das Millennium-Projekt sei nur ein weiteres Instrument, um den Dritteweltnationen den eigenen Willen aufzudrängen. Easterly fordert eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Geber- und Nehmerländern. Statt des finanziellen Tropfs sollten die armen Länder stärker an der eigenen Entwicklung mitwirken können. Das Millennium-Projekt, das Afrika mit einem mehrfachen Kapitaleinsatz aus der Massenarmut zu befreien versprach, kanzelte Easterly kurzerhand als „Legende vom Big Push“ ab.
Entwicklungshilfe nutzt mehr den Reichen als den Armen
Der amerikanische Friedensforscher Michael T. Klare lehrt Friedensforschung und Sicherheitspolitik am Hampshire College und an der Universität Massachusetts und gilt als ein führender Experte für Rohstoff-Konflikte. Nach seiner Ansicht liegt der wichtigste Grund für die Bemühungen der Industrienationen um Afrika in deren Rohstoffen. Während natürliche Rohstoffe wie Öl, Gas und Kupfer weltweit versiegen, weitet der „Westen“ seinen Einfluss in den Rohstoffreichen Ländern aus. Humanität wird dabei als Deckmantel für wirtschaftliche Interessen benutzt. Auch nichtstaatliche Organisationen wie die Weltbank oder der OECD verfolgen bei ihrer Hilfe politische Interessen. So mischte sich die Weltbank bei einem Pipelineprojekt zwischen dem Tschad und Kamerun ein, um mit einer Hilfszahlung deren Bau zu beschleunigen. Eine spätere Studie ergab, dass dieses Projekt keine positiven Auswirkungen für die Bewohner dieser Regionen hatte. "Sie begründete das mit entwicklungspolitischen Argumenten, doch in Wahrheit lag es auf der Hand, dass es um den Zugang reicher Länder zu diesen Rohstoffen ging", so Klare.
Entwicklungshilfe zerstört Jobs
Der Sprung aus der dritten Welt kann auch ohne internationale Hilfen gelingen. Das zeigt sich an Indien und China. Während viele afrikanische Staaten vor fünfzig Jahren reicher waren als Länder des asiatischen Raums schaffte es China und Indien, sich trotz Globalisierung auf den Weltmärkten zu behaupten. Heute betreibt China eigene Entwicklungspolitik in Afrika.
Die Autorin Dombisa Moyo sitzt sich mit ihrem Buch „Dead Aid“ für einen sofortigen Stopp der internationalen Zahlungen für Afrika ein. „Das fundamentale Problem ist, dass die Entwicklungshilfe keine Jobs geschaffen hat, sondern das Gegenteil bewirkte, sie zerstörte“, erklärte Moyo in einem Interview mit der Weltwoche. Mit ihrem Buch hat sich Moyo viele Feinde bei der NGO-Gemeinschaft (Nichtstaatliche Organisation) geschaffen. Manche NGO Mitglieder werfen Moyo vor, dass wegen dem, was sie in ihrem Buch schreibe, in Afrika Kinder sterben. „Viele Leute von der NGO wollen in Afrika den Status Quo beibehalten, weil sie ansonsten ihre Daseinsberechtigung verlieren“ so Moyo.
