
- Eifelhirsch einmal anderschild an der A 1 - Stefan Lieser
Der 21. September, vor Beginn einer klaren Vollmondnacht, schien ideal zu ein. Also auf nach Kopp. Kopp, das ist ein verschlafenes Straßendorf im Landkreis Vulkaneifel, etwa zehn Kilometer südwestlich von Gerolstein. Hier soll es Rotwild geben. Jede Menge sogar. Eine Touristenattraktion. Ein altgedientes Tonaufnahmegerät, Thermoskanne, Kamera dabei. Wanderklamotten in gedeckten Farben angezogen. So stellt man sich das eben vor. Und jetzt die Herren Hirsche nebst Damen und Beiprogramm.
Hirschbrunft-Musik: Röhren, orgeln, knarzen, trenzen
Das Auto an einer Feldeinfahrt hinter Sträuchern geparkt, Motor aus. Man hörte es sofort: Ein mal leises, mal lautes Röhren, kehlig, tief, lang gezogen, dazwischen ein nur angestoßener Ton, fast wie ein dumpfes Bellen. Es waren mindestens zwei Tiere in der Nähe, ein paar andere weiter entfernt, die röhrten, orgelten, trenzten und knörten. Das tiefere Organ gehörte wohl einem älteren Hirschen, es klang bedrohlich und machtvoll. Und es kam aus vielleicht 150 bis 200 Metern Entfernung aus dem geschlossenen Wald auf der anderen Seite unterhalb der Wiesen.
Unterhalb einiger Hecken wie an einer Schnur aufgereiht stehende Ansitze der Jägerschaft - und ein Reh, wie es im selben Moment den Kopf wendete und in den Wald fortsprang. Na Prima, schon vorbei. Stille Post! Wie kann man noch ungeschickter ein Wildrevier betreten als von vorne und gut sichtbar: Hallo, Herr Nachbar!
Doch Hirsche in der Brunft stört tapsiges Verhalten von Menschen wenig, so sie den instinktiven Sicherheitsabstand einhalten. Das Röhren und abgehackte dumpfe Bellen setzte wieder ein, entfernte sich mal unwesentlich nach links oder rechts. Man befand sich da unten offenbar auf einer kleinen Verfolgungsjagd.
Es war kurz nach Sonnenuntergang, und es wurde still, nur ab und zu ein Auto, ein Bussard, der seine Kreise über den Feldern zog, stieß ab und zu seinen spitzen Schrei aus. Immer wieder entferntes Röhren und von den beiden Kandidaten beim Einschüchterungs-Geplänkel unterhalb jetzt direkt von vorne. Der Wald schien in Aufruhr zu sein und friedlich zugleich. Dann krachte es. Als ob zwei dicke Holzstangen gegeneinander schlagen. Dort unten hatte die Thronschlacht begonnen. Ein zweites Mal hörte man Geweihknochen aufeinanderprallen. Dann ein lautes stolzes Röhren aus einem gewaltigen Rachen, ein leiseres, schwächeres, das sich entfernte.
Der Jäger auf Ansitz hat einen Tipp
Am 4. Oktober der zweite Versuch in Sachen Hirschbrunft-Watching. Wieder zu den Wiesen oberhalb des allgemein anerkannten Hirschstandortes Kopp, diesem verschlafenen Nest, das sich endlos die Kreisstraße hinaufschlängelt. Wieder deselbe Parkplatz - und keine 100 Meter vom Auto entfernt eine Hirschkuh, die über die Felder lief. Das fing ja gut an.
Der Standort dieses Mal: einer der Ansitze in der Nähe: Blick von Oben? Warum eigentlich nicht. Früher waren sie ab und zu unverschlossen, weil man es als Waidmann nicht so genau nahm, mit dem Verriegeln eines eigentlich nutzlosen verstaubten Raumes voller Fliegen- und Mückenkadaver auf den Fensterbänken unter den billigen in der Mitte klappbaren Scheiben in fünf Meter Höhe. Auch hier war offenbar der Riegel offen und kein Vorhangschloss in Sicht. Das sah für den weiteren Verlauf des Pirschabends doch vielversprechend aus.
Nun muss man zur Ehrenrettung des leicht perplexen Jägers im Häuschen sagen, der erschrocken aus dem Seitenfenster nach unten blickte, als sich der Hirschbrunft-Tourist über die Holzleiter nach oben annäherte, dass er mit dieser Art von Besuch nicht rechnen konnte. Man hörte ein Rumpeln von drinnen, dann öffnete er die Tür des Verschlags - und hatte sein Jagdgewehr inklusive Infrarot-Zielfernrohr zum Glück nicht im Anschlag.
Tonaufnahmen von der Hirschbrunft? Da solle man besser einmal unten im Ort den kurz hinter dem Abzweig nach Gerolstein an dem alten verlassenen Haus beginnenden Waldweg hoch gehen. "Da sind Sie viel näher dran am Geschehen. Nach 100 Metern links auf dem Hang steht Rotwild".
Es waren 100 Meter, links war ein Hang, man hörte das Röhren der Hirsche aus nur mittlerer Entfernung, doch zu sehen war: nichts. Es wurden 500, 1.000 Meter. Der Weg verengte sich erst, weitete sich dann, vorbei an Forellenzuchtteichen und einem neueren gemauerten Haus oberhalb davon. Und das Röhren wurde nicht lauter, und zu sehen war sowieso nichts. Es war nach Sonnenuntergang, und es nahte die "halbe Stunde vor Ende Büchsenlicht", und jetzt ereicht man hinter einer Rechtsbiegung links einen lang gezogenen steilen älteren Windwurfhang mit noch vereinzelten hohen Fichten, Totholz und kleineren Gruppen neu angepflanzter Tannen-Schonungen. Da passierte es.
Hirsche sind souverän
Er war im besten Alter. Das Brustfell schon schwarz, das Rückenfell dunkelbraun, das Geweih grau-schwarz, vielleicht ein Zehnender, gleichmäßig gewachsen, ohne Bruchkanten. Er sah den ungebtenen gast sofort, stutzte, dann drehte er sich um, stieg zügig den Hang hinauf, suchte Schutz hinter Baumstämmen und äugte hinüber. Um ihm keinen freien Blick zu geben und das Fluchtverhalten auszulösen schnell hinter ein paar Büsche. Er kam noch einmal kurz vor, beschleunigte dann gemessen und lief im langsamen Trab davon. Es sah stolz aus. Er hatte sein Gegenüber gecheckt, und souverän entschieden. Der Rest interessierte ihn nicht.
Es wurde dunkler, die Sicht nahm deutlich ab. Es wird um die zehn Minuten später gewesen sein. Sie kamen vom oberen Teil des Hangs am Rand einer Schonung heruntergezogen. Einzeln, in kleinen Gruppen, es waren insgesamt mehr als ein Dutzend Tiere. Der Großteil Hirsche. Einer fiel besonders auf, er hatte ein hellbraunes Fell, eigentlich schon zu hell für ein Sommerfell. Eine große dunkelbraune Hirschkuh verharrte noch eine Zeit lang im mittleren Teil an zwei Bäumen und äugte in Richtung des Waldweges, wo sie Beunruhigendes witterte: Menschen. Erst dann schloss sie sich dem Zug an. Die Tiere waren ruhig, ästen zwischendurch, behielten aber ihre Linie bei und verschwanden schließlich nach links im unteren Bereich der Lichtung wieder im Wald.
Nun schnell zurück, bevor es so dunkel ist, dass man befürchten musste, mangels Taschenlampe den Weg nicht mehr stolperfrei finden zu können. Knappe 500 Meter vor dem Ziel, rechter Hand ein Hang, auf dem offensichtlich Rotwild stand. Mehrstimmiges Röhren. Der Weg wurde jetzt wieder schmaler. Zur linken Seite stieg der Wald über dem Unterholz steil an, zur Rechten sperrte ein Elektrozaun den Zugang unterhalb der Fischteiche zum Bachlauf und den dahinter aufsteigenden Wiesen ab.
Er zog vorbei, ein Schnauben, dann Stille
Es kam von links. Es wirkte verärgert. Es war laut und tief aus einem großen Rachen. Und es war nah, sehr nah. Keine 20 Meter entfernt. Hirsche in der Brunft gelten als unberechenbar, vor allem dann, wenn sie in die Enge getrieben sind. Mehrmals hintereinander stieß der Hirsch das kurze Anröhren aus, das wie das Bellen eines alten riesigen Hundes klingt. Er stand offenbar im Engpass und war natürlich nicht mehr zu erkennen. Jetzt sollte man sich besser ebenfalls nicht bewegen. Dann traf er die Entscheidung. Er zog unvermittelt im Unterholz vorbei, nur wenige Meter entfernt. Plötzlich ein lautes Schnauben, ein leises Ankling-Geräusch seines Geweihs am Geäst. Dann kurze Stille und aus ähnlicher Entfernung wie zuvor von links das Anröhren von rechts. Es klang wie eine Warnung. Jetzt sich ganz langsam entfernen. Doch er schien zunächst zu folgen, denn die Anröhr-Geräusche wurden nicht leiser. Dann aber doch. Er hatte vermutlich den Waldweg überquert und abgedreht.
Zurück am Fahrzeug. Mittlerweile wurde es Nacht. Man hörte verschiedene Hirsche oberhalb auf den Wiesen röhren. Vielleicht 100 Meter entfernt. Eine Stimme war unverkennbar dabei. Die kleine Kreisstraße zurück, aus der Senke von Kopp hoch Richtung Gerolstein. Die bewaldeten Höhenzüge blieben zurück, sie waren noch gerade zu erahnen. Im Radio lief Bob Dylan. Er knarzte: "Behind there lies nothing. Nothing bad, and nothing good".
