
- Die Begleitung der Fischer - von Aubrey Bodine - Jennifer Bodine
Für das vielschichtige Erbe A. Aubrey Bodine's im Auktionshaus in Towson in Maryland kamen Bieter, die sein Werk kannten und tiefer erforschen wollen. Sie feilschten mit unverlegenen Winken, die 50 oder 100 Dollar mehr im Angebot bedeuteten. Sie betrachteten es mit begehrendem und förderndem Auge. Kein Wunder. Das Erbe ist in einer unermesslichen Breite in einen Kontext aus kommerzieller Pressearbeit und neugieriger, fast weiser Eindringlichkeit geschnürt: Über 7.132 Bilder des Fotografen A. Aubrey Bodine wurden der Auktion bereit gestellt.
1940 knipste er beispielsweise nachts das träumerisch - boheme Abbild einer Tänzerin, wie das plötzliche Auftauchen und ungemeine Aufflammen eines Einhorns - verborgen, märchenhaft und unnahbar - in einem mondbeschienen Garten ab. Zumeist zog er jedoch den "wunderbaren Realismus" vor: Bodine stöberte ein halbes Jahrhundert lang für den Baltimore Sun Prachtvillen auf, Radattraktionen, Berghütten, proletarische Stätten, Vogelschwärme, Gossen und geigenspielende Wanderer mit zerlumpten Kleidern und unbeholfenen, irrenden und festen Gemütern. Das Auktionshaus "Alex Cooper Auctioneers" in der 908 York Road, Maryland 21204, schätzte, so Washington Post Angaben, den potentiellen Verkaufswert in der Vorwoche auf etwa 300.000 Dollar.
Aus dem Auktionshaus in Towson in die privaten Haushalte
Nach der Versteigerung werden seine Fotografien fortan ebenso als "Kunstobjekte" in Museen und privaten Ausstellungszimmern, mancherorts neben einem Cezanne, wie ein substantieller, matt-leuchtender Nachlass gehandelt werden, als Produkt eines Tagesjournalisten, der unruhig, findig und antizipierend unterwegs war. Natürlich auch als Konglomerat eines gespürvollen Künstlers und Expressionisten des Realismus. Die Fotografien sollten gemäß der Washington Post mit Preisebenen von 100 bis 600 Dollar auf der Auktion feilgeboten werden. Kein Wunder. In Bodine's Collagen fließt schicker, tagestauglicher Gemeinschaftsauftrag, der aber über die Tagestauglichkeit hinaus zur Generationentauglichkeit taugt. Für die Bilder der "ersten Friedensjahre" bis in die frühen 50er Jahre hinein: Man sieht auch heute Fremde, die von den Kriegsschauplätzen zurückgekehrt waren und sich reintegrieren mussten. Menschen, die Bodine in ihren abgelegenen Nischen und Hütten kontaktierte. Fotografierte. Kriegszeugen. Die im Blatt neben den Comic-Zeichnungen, Lacrosse-Spielergebnissen oder Kolumnen zu potentiellen Investitionsabsichten überregionaler Unternehmen erschienen und für die jeweilige Ausgabe der Baltimore Sun aus dem häßlichen, ökonomischen - öden Winkel schlüpfen konnten.
Auch nach den Erlebnissen der leidlichen "großen Wirtschaftsdepression". Zeitgesellen, die sich dann vor allem zwischen scharfen Kommunisdebatten und den Anfängen des Kalten Krieges für Teilzeitverträge oder Wanderarbeiten entscheiden mussten - das psychologische Erbe des Krieges fraß sich auch hinter dem Atlantik in ihre Gemüter. So leuchtet auch heute in seinen Bildern der glanzlose Barren dieser Wiedereinstiegsdekaden auf. Die Hüfte der Arbeiterstrukturen und Schwierigkeit eines nahtlosen Übergangs vom Frieden zum Krieg, die Strecke vom Krieg zum kaltem Krieg und den wirtschaftlichen Schluchten. Der Außenstehende betrachtet die Schnödigkeit und Unnachsichtigkeit der Nachkriegsjahre: in jedem Fall die eindringliche Bewegung der Menschen seiner Zeit.
Bodine wurde 1906 geboren und verstarb 1970. In seiner Zeitungsarbeit, in seinen Fotocollagen und Einzelbildern, die oftmals auf der Rückseite mit "Baltimore Sun" bestempelt sind, ließ A. Aubrey Bodine Baltimore wie einen extravaganten Platz erscheinen. Bodine's schwarz-weiß Fotographien, die von den 1920ern bis in die 1960er entstanden, zeigen einen Erdfleck der edlen Herren, aber daneben paaren sich auch unerloschene Angedeutetheit und direkte, harsche Gesellschaftsbefunde: Transparente der armseligen, trottenden und unbeugsamen Billiglöhner, der Tagelöhner im Hafen, auf dem Lande. Ehepaare und Kleinfamilien in abgelegenen Distrikten, beeinträchtigte und vom Ruß der Industrialisierung beflutete Himmel. Welten der zerrissenen, sozialen Gefüge, des existentiellen Aufbrechens, des Nebeneinander und der Schatten auf den Ellenbogen der Proletarier und schwefelartigen Industrieviertel. Darunter das Foto der morgenlichtbeschienen Fischerboote, die mit ihrer Fracht heimkehrten, und über deren Holzbooten Hunderte Seevögel kreischend für die dippenden und springenden Fische ins Meer stürzten, betitelt mit "Aerial Escort" - der "verbindenden" Rückfahrt ans Land. Auf einigen Fotographien gibt es auch eine Bildunterschrift, die aufgeleimt ist.
Eine Auswahl: Drei Herren auf riesigen Rädern, "Wheels of Industry" und "Mountain Man"
In der Rubrik Lifestyle der Washington Post, linst man vergnügt auf das Foto "Big Wheels", einem Zeugnis der frühesten Sechziger Jahre: Dort radeln drei Herren hintereinander her, auf einem riesigen, altmodischen - klobigen potentiellen Einrad sitzend. Es wird von einem zwergenhaften zweiten Rad im Achsenbereich gestützt: Alle schick: Der erste Herr mit Baskenmütze, der Zweite mit hellem Panamahut und schwarzem Krempenband, der Dritte mit Krawatte und lässigem Bowler. Links von ihnen döst die nackte Erde. Rechts ihrer Pedalen spiegeln sich ihre Physiogonomien und Radkonstruktionen in einer Wasserlache, die an einem schmalen Ried überstreift.
Auf einem Foto aus dem Jahr 1955, "Stevedores" genannt, werden Hafenarbeiter in die Prozesse ihrer Pack-und Ladetätigkeiten begleitet, die im fast diffusen Tageslicht, Pakete und Lebensmittelsäcke aufstapeln. Und unter ihrem Vorgesetzten zur Laderampe fahren.
Auf dem Bild "Cocktailhour", aus dem Jahr 1956, kann der erfolgreichste Bieter künftig in die saloppe, dann psychologisch-feiner aufwickelbare Innenwelt eines jungen Ehepaares samt Tochter Einblick erhalten. Ebenso Einblick in die räumlichen Strukturen: Die Kleinfamilie wird in einem an der Front fassadenlosen, zusammengebretterten, windschiefen Haus gezeigt und aus der Blenderei oder gesellschaftlichen Eitelkeit und Prahlerei gerissen. Wieder ist es die ehrliche, ungeschönte Bewegung der Zeit. Das Mädchen hockt zusammenkauernd wie eine junge, ängstliche Carolinataube am linken Etagenrand, während die Frau im Stuhl sitzt und zu dem Ehemann aufsieht, der an einer der letzten Wände des brüchigen Gebäudes anlehnt und mit der Ehefrau korrespondiert. Vielleicht über Mietrechnungen, vielleicht über Umzugspläne und Reparaturkosten eines Wagengetriebes.
"Die "Cookes Trees" zeigen gebogene, unförmige Baumstammwüchse, die verschneit im Backbone Mountain in Garrett County darben. Dann gibt es Abzüge über Industrieschlote, deren Qualm den Himmel belagern wie aufquillende, gemeine Diadochen: wie selbständige, knöcherne, raubzügerische Himmel. Es ist mit "Wheels of Industry" betitelt und wurde 1950 fotografiert. 1964 gelangte Bodine zur "1778-era Alleghany County farm" des "Mountain Man". Dieser hagere, gebeutelte Mann mit dem Gesicht eines unglückseligen Goldsuchers oder Wanderarbeiters, in geflickten, verlotterten Kleidern, spielt ein Geigeninstrument. Neben ihm Landarbeitsgeräte, ein genageltes Fässchen und ein Korb mit Äpfeln.
