
- Schönheit aus Ton - Sigrid Stephenson
Über Geschmack soll man nicht streiten. Was der eine zutiefst bewundert, findet der andere kitschig. Das gilt sicher auch für die plastische Darstellung menschlichen Lebens. Hier der berühmte "Kuss" von Rodin, da eine Schäferszene aus Delfter Porzellan. Hier eine moderne Skulptur, die mit sparsamer Linienführung ein liebendes Paar in erotischer Position darstellt, dort eine Gießtonfigur aus Taiwan.
Die Unterscheidung zwischen Kitsch und Kunst ist für die meisten Hobbykünstler weniger bedeutsam. Für sie steht die Freude am eigenen Gestalten im Vordergrund. Wer selbstsicher genug ist oder genügend Lob und Ermutigung von außen bekommt, wird schließlich sogar einige seiner Werkstücke verschenken wollen. Gerade bei der Darstellung menschlicher Figuren sagen allerdings viel zu viele Menschen: "So was kann ich nicht." Die gute Nachricht: ob menschliche oder Tierfiguren - man kann es lernen. Einüben, verbessern, perfektionieren. Das kann zu einem lebenslangen Hobby und einer echten Aufgabe werden.
Ein wenig Anatomie
Wer menschlichen Figuren darstellen will, kommt um einige Anatomiekenntnisse nicht herum. Es ist eine gute Idee, sich entsprechende Bücher aus der Bibliothek auszuleihen und Skelett- und Muskelaufbau zu studieren. Mit Hilfe von hölzernen Modellen und anhand des eigenen Körpers lassen sich die Bewegungsmöglichkeiten der Gelenke ausprobieren. Auch in Museen kann man Studien betreiben, Fotokarten kaufen (weil das Fotografieren dort meistens verboten ist) oder Kunstkataloge.
Die richtige Stellung
Damit eine Skulptur lebendig und ausdrucksstark wird, ist die Haltung von entscheidender Bedeutung. Eine Figur kann liegen, hocken, kauern, stehen, sich recken, die Arme einladend ausbreiten oder das Gesicht in den Händen bergen. Die unterschiedlichsten Emotionen können dargestellt werden: Freude, Angst, Zweifel. Auch in der Zusammenstellung mehrerer Figuren zu einer Gruppe lässt sich die ganze Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen darstellen.
Aushöhlen oder hohl aufbauen?
Die Wandung bei Tonfiguren sollte in etwa einheitlich dick sein, damit beim Trocknen und Brennen keine Risse entstehen. Wer stark schamottierten Ton verwendet, braucht darauf nicht so sehr Rücksicht zu nehmen, da die Schwindung hier geringer ist. Kleine Figuren, die aus Aufbaumasse mit 40 % Schamotteanteil aufgebaut sind, können massiv bleiben. Etwa ab einer Größe von 15 cm sollten Figuren unbedingt hohl aufgebaut oder ausgehöhlt werden.
Der Hohlaufbau in der Würstchentechnik erfordert eine sehr gute Planung. Einem massiven Aufbau ist der Vorzug zu geben. Hier kann man nach Herzenslust modellieren, Ton wegnehmen oder hinzufügen, die Figur drücken und stauchen, neigen und strecken. Ist sie fertig, bleibt sie ein bis zwei Tage zum Trocknen stehen - abhängig von der Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit. Danach wird sie mit einer Tonschlinge ausgehöhlt, so dass eine Wandung von ein bis zwei Zentimetern bestehen bleibt. Bei sitzenden Figuren geht das gut von unten. Bei stehenden kann man von Bauch oder Rücken aus ein Loch schneiden, von dort aus in alle Richtungen aushöhlen und die "Wunde" mit frischem Ton verschließen. Auf keinen Fall darf vergessen werden, ein Loch zum entstandenen Hohlraum zu schneiden, aus dem die Luft entweichen kann.
Die fertige Figur sollte langsam und ausreichend lange (mehrere Wochen) trocknen dürfen, bevor man sie in den Ofen gibt.
Verschiedene Tonfarben
Kein Zweifel - es gibt wunderbare Tonglasuren. Allerdings kann man mit der falschen Glasur auch das schönste Werkstück ruinieren. Gerade bei der Darstellung menschlicher Figuren ist die Wirkung oft größer, wenn man auf Glasur ganz oder weitgehend verzichtet. Apropos Weiß: Ein in seiner Schlichtheit ganz besonderer Effekt ergibt sich, wenn weißer Ton rein matt oder glänzend weiß glasiert wird. Hier ist es wichtig, dass die Glasur absolut gleichmäßig aufgetragen oder im Tauchverfahren aufgebracht wird.
Ton wird in verschiedenen Farben angeboten, die sich in ihrer optischen Wirkung unterscheiden. Interessant ist schwarz brennender Ton (er erhält seine Farbe erst, wenn er bei 1020 bis 1050 Grad Celcius gebrannt wird). Aber auch weißer, roter und lederfarbener Ton sind geeignet.
Eine interessante Variante: Gebrannte Figuren können mit Engoben (eingefärbtem Ton) teilweise verziert und noch einmal gebrannt werden oder abschließend mit Acrylfarben bemalt werden. Witzig wirkt das, wenn man einen Torso formt oder die Figur hauptsächlich aus einem Kleid bestehen lässt, unter dem weibliche Formen erkennbar bleiben.
Die Präsentation
Ist das Kunstwerk fertig, sollte es möglichst gut zur Geltung gebracht werden. Wer regelmäßig in Museen zu Gast ist, kennt die Wirkung einzelner Werke in großen schmucklosen Räumen. So viel Raum hat daheim natürlich kaum jemand. Aber vielleicht findet sich eine Ecke, die nicht bereits von Dekorationsgegenständen überladen ist. So kann es als Kunstwerk im Garten oder zwischen Grünpflanzen auf der Fensterbank seinen Platz finden. Schön ist auch eine selbst gebaute Kiste aus Sperrholz, matt weiß oder schwarz gestrichen, als Podest vor eine schmale Wand gestellt oder in eine Ecke des Wintergartens. Wer einen langen Flur hat, kann mit solch einer Installation am Ende des Flurs für einen wirkungsvollen Blickfang sorgen.
Einfache Tonfiguren - ganz ohne Schnick und Schnack - können das Medium sein für familientherapeutische Arbeit - Familienstellen - nach Bert Hellinger.
