Erfolgreiches Wünschen versus buddhistische Lebenshaltung

Ling Yin Temple, Hangzhou - Sonja Eliane Stenek
Ling Yin Temple, Hangzhou - Sonja Eliane Stenek
Bringt der Weg des erfolgreichen Visionierens mehr Glück als gelebte Achtsamkeit? Eine kritische Reflexion des "Erfolgreichen Wünschens"

Das Gesetz der Anziehung ist das sagenumwobene Geheimnis, das zu Glück, Geld, glücklicher Partnerschaft und dem Erreichen der persönlichen Lebensträume führen soll. Einzig und allein der Wunsch muss bestehen und ein positives Gefühl muss Ihrem Wunsch zugrunde liegen, um eine glückliche Zukunft zu manifestieren. Die Theorie des „Geheimnisses" besagt, dass Glück in dem Moment nicht erreicht oder gelebt werden kann, wenn dies unterbewusst blockiert wird. Das kann auf Glaubenssätze, Muster und Lebenshaltungen zurückgeführt werden.

Letzten Endes ist es nur menschlich, Wünsche zu haben, vom großen Geld zu träumen oder den Traumpartner zu finden. Warum können das aber so wenige Menschen materialisieren, wenn es so einfach sein soll? Das Hauptkriterium liegt laut Esther und Jerry Hicks darin, dass sich die meisten Menschen falsch fokussieren und die Aufmerksamkeit auf ein Defizit richten, das sie eigentlich minimieren wollen. Da wir Menschen „Schwingungswesen" sind und auf unsere Schwingung immer nur eine entsprechende Reaktion aus dem Außen kommt (durch Personen aber vor allem auch durch das gesamte Universum), wird bei einem fokussierten Blick auf ein Defizit der nächste Mangel angezogen.

Im Prinzip lässt sich das Ganze so subsummieren, dass der Wunsch nach etwas Positivem vorhanden ist, das im Moment jedoch (noch) nicht existiert. Da es nicht existiert, wird das Vakuum aufgebaut und das Defizit wird größer. Dementsprechend müssten zunächst die unterbewussten Anteile durchdrungen werden, was jedoch kein besonders leichtes Unterfangen darstellt und einen durchschnittlich reflektierten Menschen vor eine große Aufgabe stellt.

Die negativen Emotionen in der Skalierung von Esther und Jerry Hicks

Das Ehepaar Esther und Jerry Hicks sind in der esoterischen Szene nicht mehr wegzudenken. Sie haben bereits etliche Bücher zum Thema „Wunscherfüllung" herausgegeben. In dem Buch „Wunscherfüllung. Die 22 Methoden" geht es darum, zu erlernen, in negativen Situationen den Fokus auf etwas Positives zu legen. Wichtig ist es, dafür zwischen verschiedenen Emotionen zu differenzieren. Es wird von Esther und Jerry Hicks eine Skala von Emotionen angeführt, die mehr oder weniger willkürlich erscheint und nach „Schweregraden" auflistet . Je nachdem, auf welchem Level gerade „gefühlt" wird, sollte versucht werden, die Emotionsleiter nach oben zu klettern. Wie dies getan werden soll, wird eher oberflächlich erläutert. An der obersten Stelle der Skala ist neben Liebe die Macht angeführt, die somit als „erstrebenswerteste Emotion" gelten müsste. Gefühle wie Trauer, Depression, Ohnmacht oder Angst stehen ganz unten auf der Skala und sollten tunlichst vermieden werden, wenn ein glückverheißender Wunsch manifestiert werden soll.

Der Wunsch versus die banale Realität

In einer Situation, die negativ auf uns wirkt, ist es sehr schwierig, sich auf einen positiven Anteil zu konzentrieren, außer die negativ erlebte Wahrnehmung wird unterdrückt. Dieses Phänomen führt unmittelbar zur Frage, ob es sinnvoll ist, die Realität zu negieren und einen Wunsch als Ablenkungsmanöver zu formulieren. In unserer sehr schnelllebigen westlichen Welt ist die Verführung sehr groß, nicht im Jetzt zu leben, sondern sich von Gedanken und Visionen ablenken zu lassen. In sämtlichen buddhistischen Werken wird jedoch darauf hingewiesen, dass das Leben im Jetzt stattfindet und dass durch einen achtsamen Umgang erlernt werden kann, sein Leben sinnvoll zu gestalten.

Es ist eine Form der Verblendung nicht im Jetzt zu leben, sondern sich über Wünsche und Träume aus der Realität zu entfernen, um das Leidhafte des Moments nicht erleben zu müssen oder aber die Vergänglichkeit eines positiven Moments nicht erkennen zu müssen. Leid entsteht jedoch bereits dadurch, dass eine Emotion nicht gewollt wird, die aber just in diesem Moment vorhanden ist. Dadurch dass ein Teil der derzeitigen Emotionalität nicht gelebt werden darf und soll, ist es jedoch nicht mehr möglich sich selber Wertschätzung entgegenzubringen. Auf der Basis des „ich wertschätze mich gerade nicht, weil ich eine unerwünschte Emotion lebe" wird es äußerst schwierig eine positive Emotion zu entwickeln.

Die vier Ebenen der Beobachtung im Buddhismus

Bereits Buddha hat darauf hingewiesen, dass Meditation eine heilsame Tätigkeit und auch Lebenshaltung sein kann, um sich mit der eigenen Emotionalität auseinanderzusetzen. Nyanaponika erläutert die vier Ebenen der Beobachtung, die in der buddhistischen Lehre in Körper-Betrachtung, Gefühls-Betrachtung, Geist-Betrachtung und Geistobjekt-Betrachtung unterteilt werden. Er erläutert, dass in der Beobachtung der Gefühle erkennbar wird, wie diese kommen und gehen und somit die eigene Erfahrung zu den Gefühlen entstehen kann. Im Laufe längerfristiger Übung der Meditation wird es leichter, nicht mehr unmittelbar zu (re)agieren, wenn ein Gefühl aufkommt, sondern dieses als solches nur wahrzunehmen und zu betrachten. „So kann diese unscheinbare Gefühlsbetrachtung zur Geburtsstätte der inneren Freiheit werden. … Durch nüchterne innere Bestandsaufnahme kann das Gefühlsleben leichter beeinflusst werden als durch emotionellen Gegendruck des Zuredens oder Abredens" (Nyanaponika, Seite 67).

Die Gefahr, „sich etwas Positives zu wünschen", ist somit eindeutig darin zu sehen, dass die momentan vorhandenen Emotionen verdrängt werden sollen und stattdessen ein positiveres Gefühl in die Aufmerksamkeit geholt werden soll. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Emotionalität sieht es laut buddhistischer Lehre vor, dass auch Emotionen stetigem Wandel unterworfen sind und durch ein reines Beobachten dessen, was gerade vorhanden ist, dieses auch wieder gehen kann. Ein friedliches Kommen- und Gehenlassen ist somit dasjenige, das die buddhistische Philosophie vorsieht, um letztlich zu Glück zu finden. Um diese buddhistische Gelassenheit entwickeln zu können, bedarf es wohl längerer Übung (in Meditation), aber dennoch ist es eine sehr realitätsnahe Form zu leben und sich dem zu stellen, was das Leben bereit hält.

Quellen:

Mag. Sonja Eliane Stenek, Mag. Sonja Eliane Stenek

Sonja Eliane Stenek - Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Psychosomatik, depressive Erkrankungen, Angststörungen, Begleitung in Krisen insbesondere bei ...

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