
- Cover - Splitter
"Es war einmal ein König, der mithilfe eines Metronoms die Zeit beliebig kontrollieren und so seine Herrschaft ewig weiterführen konnte." Was auf den ersten Blick wie ein Märchen für Kinder klingt, ist auf den zweiten Blick eine clevere Parabel auf einen demokratischen Verbotsstaat. In Éric Corbeyran und Gruns Science Fiction-Serie Metronom (Splitter) kontrolliert ein allmächtiges System seine Bürger und zementiert damit seine Macht. Mit "Die Station im Orbit" liegt der zweite Band der gut durchdachten und spannenden SF-Serie vor.
Ein subversives Märchen
In der Post des Präsidenten wird ein Märchenbuch für Kinder hinterlegt, dass als subversiver Angriff auf das System eingestuft wird. Niemand kennt den wahren Urheber des Buches. Alle Hinweise sprechen jedoch dafür, dass der Autor aus den Reihen einer subversiven Truppe stammt, die es trotz des hohen Risikos einer schwerwiegenden Strafe noch wagt, das Regime zu kritisieren.
Zu jenen Schlag an Menschen zählen auch Floreal Linman, ein mutiger Journalist bei der Vox Populi, und Lynn, eine junge Frau, die versucht, das rätselhafte Verschwinden ihres Mannes zu erforschen, der einige Wochen zuvor zu einer Weltraummission aufbrach. Linman wird verhaftet, weil er der Autorenschaft des Buches verdächtigt wird und Lynn wird von ihrem Schwager erpresst. Die Spuren ihres Mannes führen derweil auf eine Station im Orbit.
Düstere Zukunftswelt
Metronom ist eine jener SF-Serien, die zugunsten eines spannenden und tragenden Szenarios auf Action verzichtet. In dieser Anti-Utopie steht zweifellos das Rätsel im Vordergrund, das um ein sozialkritisches Zukunftsszenario aufgebaut ist. Nachdem der Autor bereits im Auftaktband "Null Toleranz" durch seine unaufgeregte und durchdachte Story glänzen konnte, kann Corbeyran auch in "Die Station im Orbit" das hohe Niveau halten.
Frei von den üblichen Charakter-Stereotypen und Genre-Klischees hat er eine überzeugende düstere Zukunftswelt kreiert, innherhalb deren zwei Unbeugsame gegen ein totalitäres System ankämpfen. Typische Sci-Fi-Elemnte sind auf das äußerste beschränkt und wirken glaubwürdig, die Story wird zudem von einer gelungenen Charakterisierung der Protagonisten getragen.
Political Fiction
Letztlich merkt man der Story auch an, dass Corbeyran sich intensiv mit der Politischen Philosophie auseinandergesetzt hat, was man allein schon an den Zitaten von namhaften Vertreter dieses Wissenschaftszweigs wie Noam Chomsky oder John Rawls ablesen kann, die eingangs aufgeführt sind.
Das heißt jedoch nicht, dass der Autor eine verkopferte oder trockene Story geschrieben hat - ganz im Gegenteil: Corbeyran schafft es auf unterhaltsame Weise, die sozialkritischen Inhalte mit Spannung zu vereinen.
Kühle Eleganz vs. chaotische Lebendigkeit
Die Zeichnungen von Grun sind von einem persöhnlichen Strich gekennzeichnet. Die detaillierten Illustrationen wirken nicht zuletzt auch wegen der leicht nuancierten Kolorierung authentisch und stimmungsvoll: dreckige, vermüllte Straßen und steril wirkende Innenräume stellen dabei keinen Widerspruch, sondern überzeugende Zukunftsbilder dar.
Die erdfarbenen Straßenszenen wirken im bewussten Gegensatz zu den unterkühlt dargestellten Innenräume und zur detailverliebten stringenten Technikdarstellung lebendig und chatoisch. "Die Station im Orbit" ist eine grandiose Fortsetzung. Story und Artwork von Metronom zählen zweifelsohne zum anspruchsvollsten und spannendsten, was das Genre derzeit zu bieten hat.
Wertung: 4,5 von 5
Éric Corbeyran & Grun: Metronom Bd. 2: Die Station im Orbit. Splitter, 2011. Hardcover, 56 Seiten. 13,80 Euro.
