Berühmtheit erlangte Erich Mendelsohn durch seinen expressionistischen Bau zu Forschungszwecken um Einsteins Relativitätstheorie, den Einsteinturm. Schon bald konzentrierte sich sein frühes Schaffen auf mehrstöckige Unternehmensbauten, aber auch von edlen Villen. Der Entwurf von Kaufhäusern gehörte schon bald zu einem seiner Steckenpferde. Sogar ein Pelzhaus baute er um und ergänzte es durch einen Neubau. Vielseitigkeit zeigt sich in weiteren Bauten wie dem Berliner Universum Kino und einem jüdischen Friedhof im damaligen Königsberg. Die Kaufhauskette Schocken war ein Unternehmen, das seine Wurzeln in Sachsen hatte. Im Jahr 1924 entschlossen sich die Gebrüder Salman und Simon Schocken zu expandieren. Sie beauftragten Erich Mendelsohn, dessen moderne Architektur ihnen ins Auge gefallen war und zu ihrem innovativen Unternehmen passte.
Umbau eines ehemaligen Fabrikgebäudes in Nürnberg
1925 entschloss man sich für eine neue Niederlassung in Nürnberg. Im Arbeiterviertel Steinbühl kaufte die Firma Schocken ein Grundstück mit einem alten Fabrikgebäude. Dieses sollte erhalten und um einen weiteren Bau erweitert werden. Die Käuferschicht wollten die Kaufleute breit ansprechen. Sie hielten ein niedriges Preisniveau, Luxusartikel führten sie nicht. Demnach gestaltete sich das Innere des Kaufhauses. Die Waren sollten wie in einer Lagerhalle, schnell und übersichtlich zu finden sein. Verführungstaktiken in Richtung Kaufverhalten waren nicht angesagt. Das Fabrikgebäude diente demnach als Mittel zum Zweck, rein funktional. Edle Baumaterialien waren tabu. Mit der Fassade allerdings wollte man eine gewisse werbende Wirkung erreichen, um Käufer anzulocken. Lediglich einen Monat plante Mendelsohn an diesem Projekt. Und bereits im Oktober 1926, also elf Monate nach dem Grundstückskauf, wurde das Warenhaus eröffnet. Die Baubehörde hatte dem Architekten allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Erweiterung um ein Gebäude war noch nicht genehmigt. Schließlich rückte man davon ab. Stattdessen baute Mendelsohn einen Vorbau aus Holz vor das Gebäude. Auf den ersten Blick war dieser in der getrennten Bauweise nicht erkennbar.
Gestaltung Außen und Innen
Sowohl nach Außen als auch nach Innen wirkte der Bau nüchtern und zweckmäßig. Er sah aus wie ein Warenlager, ganz wie es von den Bauherren gewollt war. Wichtig war die Konzentration auf das Wesentliche und Unwesentliches zu reduzieren. Im Erdgeschoss trafen Kunden auf eine große Schaufensterfront. Konstruiert war das Gebäude auf Grundlagen des vorhandenen Baus, eines Stahlskelettbauwerks, verkleidet mit Backsteinen. Die Fassade hatte einen stark horizontalen Akzent. Bedingt durch die Fensterbänder in den drei oberen Stockwerken, die durchlaufend waren und der flachen Abgrenzung zur Mauer, wurde dieser Effekt hervorgehoben. Unterhalb der Fenster baute man feste Warenregale ein. Betrachtet man einen Verkaufsraum von innen, war dies ein langer, nüchterner Flur mit nach links und rechts angegliederten Regalreihen. Treppen waren jeweils an den Enden des Gebäudes angebracht und von außen ersichtlich.
Die Gebrüder Schocken waren offensichtlich sehr zufrieden mit ihrem neuen Kaufhaus in Nürnberg, so dass sie bald darauf ein weiteres in Stuttgart bei Mendelsohn in Auftrag gaben. Daß ein Großteil des kreativen Schaffens des Architekten in Kaufhäusern, Betriebssätten und sogar einem Pelzhaus zum Ausdruck kam, vermutete wohl niemand als er ursprünglich Bekanntheit durch den Einsteinturm erlangte.
