Erich Ollenhauer - der Vermittler

Unter seiner Führung erarbeitete die SPD das Godesberger Programm

Die Traditionsfahne - SPD-Bundesvorstand
Die Traditionsfahne - SPD-Bundesvorstand
Er war kein Volkstribun und galt als "Wahlverlierer": Der zweite Bundesvorsitzende in der SPD-Nachkriegsgeschichte aber sorgte für die Neuorientierung der Partei

Ein Volksheld war er nie, von Ausstrahlungskraft, die Massen hätte beeinflussen können, war bei ihm nichts zu spüren. Seine Reden waren gehalten in der Diktion des alten Funktionärs und rissen die Menschen nicht von den Stühlen. Doch eine, die vom 15. November 1959 in der Bad Godesberger Stadthalle auf einem außerordentlichen SPD-Parteitag, hatte nachhaltige Wirkung: Zur Verabschiedung des neuen Grundsatzprogrammes der Sozialdemokraten sagte Erich Ollenhauer den entscheidenden Satz: „Das Bekenntnis (der SPD) zur Freiheit und zur Würde des Menschen erfordert das Bekenntnis zur Demokratie“. Damit hatte der Politiker in der Endphase seiner Zeit als SPD-Vorsitzender seine Partei in Staat und Gesellschaft, wie sie sich seit der Gründung der Bundesrepublik zehn Jahre zuvor entwickelt hatten, endgültig integriert.

Früh in der Sozialistischen Arbeiterjugend

Willy Brandt bezeichnete Ollenhauer als Vertreter „jener Generation selbstgenügsamer Sozialdemokraten“, „die noch den Geist der Gründerjahre atmeten, und denen es angeboren schien, die Person hinter der Sache zurückreten zu lassen“. Eben diese Eigenschaft, die auch mit Schlagworten wie „erster Diener seiner Partei“ oder „Parteisoldat“ umrissen wurde und wird, hat das ganze politische Leben des am 27. März 1901 in Magdeburg als Sohn eines Mauers geborenen Sozialdemokraten geprägt. Früh schon war er engagiert: In der Sozialistischen Arbeiterjugend und der Sozialistischen Jugendinternationale; dann nach 1933 im Exilvorstand der SPD mit den Stationen Prag, Paris und London. Und in dieser schweren Zeit zeigte sich bald eine besondere Eigenschaft: Der Mann, der Massen so wenig begeistern konnte, er hatte das Talent zur Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Sozialdemokraten und deren Richtungsstreit. Schon 1941 gelang es ihm, die verschiedenen sozialdemokratischen Exilgruppen in einer „Union“ zusammenzuführen.

Klage über mangelnde Ausstrahlungskraft

Diese erfolgreiche Vermittler-Rolle war mit ein Grundstein dafür, dass sich nach Kriegsende im geschlagenen Deutschland bald eine „Einheitspartei“ aller demokratischen Sozialisten bilden konnte: Mit Kurt Schumacher an der Spitze und Erich Ollenhauer als stellvertretendem Parteivorsitzenden. 1952 übernahm Ollenhauer die Führung der Partei und marschierte mit ihr im Bund von einer schmerzhaften Wahlniederlage zu anderen. Mit der Folge, dass eine innerparteiliche Diskussion angefacht wurde, in deren Mittelpunkt der Parteivorsitzende und dessen mangelnde Ausstrahlungskraft als Kanzlerkandidat standen. Aber nicht nur dies: Viele in der Partei nahmen ein Wort von Carlo Schmid auf, der von der SPD forderte, „ideologischen Ballast abzuwerfen“. Ollenhauer, dem auf dem Stuttgarter Parteitag 1958 mit Waldemar von Knoeringen und Herbert Wehner zwei Stellvertreter beigegeben worden waren, zog die Konsequenzen: Er drängte mit Nachdruck auf die Verabschiedung eines neuen Grundsatzprogrammes als wichtigste Konsequenz aus den bitteren Wahlniederlagen.

Er beförderte Brandts erste Kanzlerkandidatur

In Godesberg konnte Erich Ollenhauer dann noch einmal seine Vermittlerrolle unter Beweis stellen. Trotz heftigen Widerstandes sozialistischer, marxistischer Parteigänger wie beispielsweise des Marburger Politikprofessors Wolfgang Abendroth wurde das Godesberger Programm fast einstimmig, bei nur 16 Gegenstimmen angenommen. Ollenhauer, bis zu seinem frühen Tod vor 45 Jahren, am 14. Dezember 1963, Parteivorsitzender, tat ein Übriges: Er unterstützte lebhaft auch den neuen Politikstil der Partei. Was sich beispielsweise darin ausdrückte, dass er Willy Brandts erste Kanzlerkandidatur bei den Bundestageswahlen 1961 kräftig beförderte.

Die Partei ehrte ihn und nannte die neue Parteizentrale in Bonn Erich-Ollenhauer-Haus; die Adresse war Ollenhauerstr. 1. Die Zentrale ist heute verödet; die Parteiführung residiert im Berliner Willy-Brandt-Haus“. Aber auch die Erinnerung an den sozialdemokratischen Pionier in der Zeit nach 1945 ist verblasst.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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