Die Krise des deutschen Fußballs begann mit der Weltmeisterschaft 1998, dem Aus im Viertelfinale gegen Kroatien. Fans und Presse forderten den Rücktritt von Trainer Berti Vogts. Der schaltete auf stur, wollte durchhalten und schaffte das auch – zwei Monate lang. Im September 1998 gab Vogts nach zwei Freundschaftsspielen auf und stellte den Deutschen Fußball-Bund vor ein ernstes Problem.
In der Sommerpause wäre es leicht gewesen, einen erstklassigen Bundestrainer zu finden. Doch während der laufenden Saison wollten Bayern München, der 1. FC Kaiserslautern und Bayer Leverkusen die Wunschkandidaten Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel und Christoph Daum nicht frei geben. Die Suche geriet zur Posse: DFB-Präsident Egidius Braun verpflichtete Paul Breitner. Der Bayern-Veteran hatte aber schon ein Zeitungsinterview gegeben, in dem er den Verband und seinen Chef scharf kritisierte. Das erschien am nächsten Morgen - und am Nachmittag widerrief Braun die Berufung Breitners.
Trainer Uli Stielike
Dann verhandelte Braun mit Uli Stielike. Der Vize-Weltmeister von 1982 erfuhr aus den Nachrichten, wer das Amt bekam: Am 9. September 1998 unterschrieb der damals 61 Jahre alte Erich Ribbeck als Nationaltrainer. Um Stielike nicht zu vergraulen, wurde Ribbeck „Teamchef“ getauft und Stielike Trainer hinter dem Teamchef. Die Aufgabenverteilung beschrieb Stielike so: „Ich bin net nur da, um Bäll uffzupumpe un Hütche uffzustelle.“
Ribbeck aber erhielt das Sagen und ein undankbares Amt. Vogts hatte der Nationalelf einen schlechten Ruf und ein Personalproblem hinterlassen. Während der WM 98 hatte der übervorsichtige Gladbacher fast komplett auf die alt gewordene Elf vom Titelgewinn 1990 gesetzt. Der verpasste Umbruch war jetzt Aufgabe Ribbecks. Es gab selten Jahrgänge, in denen der deutsche Fußball über so wenige Talente verfügte. Mitte der 1980er Jahre gab es den von Boris Becker ausgelösten Tennisboom, und der DFB musste einen Knick in der Nachwuchsarbeit hinnehmen.
Kapitän Oliver Bierhoff
Spieler wie Stefan Effenberg und Thomas Helmer wollten nicht mehr für die Nationalelf spielen; Lothar Matthäus, Matthias Sammer, Olaf Marschall oder Mario Basler standen wegen mehr oder weniger schweren Verletzungen erstmal nicht zur Verfügung. Ribbeck setzte auf den Stürmer Oliver Bierhoff als Kapitän, überredete Mehmet Scholl zu einem Comeback und konnte auf die Rückkehr des 38 Jahre alten Matthäus hoffen. Dazu kamen zwölf Debütanten, darunter: Michael Ballack, Stefan Beinlich, Oliver Neuville und Carsten Jancker.
Die Qualifikation für die Europameisterschaft 2000 verlief schleppend. Deutschland verlor den Auftakt gegen die Türkei mit 0:1. Bei dem Treffer sah der neue Stammtorhüter Oliver Kahn schlecht aus. Moldawien wurde dann mit 3:1 geschlagen. Aber der Sieg gegen das drittklassige Team besserte die öffentliche Meinung nicht. Kaiser und Lichtgestalt Franz Beckenbauer prägte das Wort vom „Rumpelfußball“ für diese Art Auftritte.
Nationalelf mit 3-4-3-System
1999 stellte Ribbeck auf das 3-4-3 um, das die zu der Zeit auch international erfolgreichen Bayern spielten. Damit erlebte er so etwas wie eine Blüte, holte die für die Qualifikation notwendigen Punkte gegen Nordirland, Finnland, Moldawien und die Türkei. Doch die Ruhe war nur von kurzer Dauer.
Ein absolutes Debakel erlebte Ribbeck mit dem Confederations Cup Ende Juli 1999. Er wollte nicht zum Turnier, die Vereine wollten in der Saison-Vorbereitung ihre Spieler nicht abstellen. Trotzdem fuhr die DFB-Elf nach Mexiko. Beckenbauer arbeitete zu der Zeit daran, die Weltmeisterschaft 2006 „ins eigene Land“ zu holen. Aus sportpolitischen Gründen konnte sich der DFB eine Absage nicht leisten.
Intrigen des Stellvertreters
„Sir“ Erich Ribbeck machte gute Miene zum bösen Spiel, trat mit der dritten und vierten Garde wie Heiko Gerber an. Die Elf ging unter gegen Brasilien, verlor gegen die USA und siegte nur knapp gegen Neuseeland. Die öffentliche Meinung sollte der Sir nicht mehr für sich gewinnen, den Respekt im Team auch nicht.
Viele Spieler bevorzugten Stielike als sportliche Leitung. Der intrigierte offen gegen den Mann, den er als Chef nicht anerkennen wollte. Kurz vor der EM 2000 rasierte Ribbeck so lautlos wie möglich Stielike und holte dafür Horst Hrubesch. Das nützte nichts. Das Turnier ging in die Hose und Ribbecks kurze Karriere als Trainer der Nationalelf zu Ende. Zwei Jahre später erlebte der deutsche Fußball dann ein überraschendes Hoch.
