Erinnerungen an Ernst Jünger, den "Chef", das abenteuerliche Herz

Ernst Jünger (1895-1998) ist eine Jahrhundertgestalt. Auch 13 Jahre nach seinem Tod werden immer noch Texte von ihm veröffentlicht. Jüngst ein Lesebuch.

Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen noch immer Bücher von Ernst Jünger, der 1998 im gesegneten Alter von 103 Jahren starb. Im vergangenen Jahr überraschte die Veröffentlichung der Kriegstagebücher der Jahre 1914 bis 1918. Und in Kürze wird auch Jüngers Schrift „Zur Geiselfrage“ von 1942 als Buch erscheinen. Jetzt hat Heinz Ludwig Arnold das 22-bändige Gesamtwerk des Dichters gesichtet und eine Auswahl in einem Lesebuch zusammengestellt. Er verbindet mit der Edition den Wunsch, auch jüngere Leser für Ernst Jünger zu gewinnen.

Auf dem etwas übergestalteten Titel sieht man den alten Jünger ganz entspannt rauchen. Ja, so hat man den 1895 geborenen Autor – dem es fast gelungen wäre, in drei Jahrhunderten zu leben – in Erinnerung: Auch im biblischen Lebensalter war ihm eine Frische eigen, die ihn literarisch produktiv sein und noch vieles genießen ließ. Dazu zählte die tägliche Zigarette.

Ein guter Überblick über Jüngers Werk

Es ist keine leichte Aufgabe, aus dem in 80 Schreibjahren gewachsenen Werk Ernst Jüngers eine Auswahl zu treffen. Heinz Ludwig Arnold, der verdienstvolle Literaturvermittler aus Göttingen, hat sich ihr gestellt und ein Lesebuch kompiliert, das einen guten Überblick bietet. Die Texte hat er nicht chronologisch geordnet, sondern thematisch, „nach Begriffen, die für Ernst Jüngers Werk signifikant sind“. So enthält „Krieg und Frieden“ etwa Auszüge der Tagebücher aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sowie die Schrift „Der Friede“. Und „Streifzüge“ vereinigt Essays aus nahen und fernen Weltgegenden sowie einen Ausschnitt aus dem berühmten, aber nicht (mehr) berüchtigten Buch „Annäherungen – Drogen und Rausch“.

Eines der Lieblingsstücke Arnolds ist der Essay „Sizilischer Brief an den Mann im Mond“ von 1930. Wohl auch deshalb, weil Jünger hier ein unprätentiöser Erzähler ist, der eine fast märchenhafte Geschichte erzählt, die ein echtes Gegengewicht zu seiner Kriegsprosa darstellt. Der Text findet sich mit Auszügen aus der Erzählung „Afrikanische Spiele“ und aus beiden Fassungen des Bandes „Das abenteuerliche Herz“ in dem gleichnamigen Kapitel, das auch dem Buch den Titel lieh. Ein Auszug aus dem großen Pamphlet „Der Arbeiter“ fehlt. Arnold habe, so gesteht er, das Buch erst nicht verstanden und als er es dann verstand, nicht gemocht, weil es nur eine „Sammlung ideologischer Versatzstücke der 1920er und 1930er Jahre“ sei.

Der Sekretär und sein „Chef“

Spannend wird der Band auch für den Jünger-Kenner durch die persönlichen Erinnerungen Heinz Ludwig Arnolds. Der hatte 1958 „keck einen Brief“ an den Dichter geschrieben und war kaum drei Jahre später Ernst Jüngers Sekretär in Wilflingen auf der schwäbischen Alb. Arnold machte alle Phasen durch, die für einen in Begeisterung entbrannten jungen Menschen typisch sind. Er verehrte Jünger, der für ihn ein geistiger Vater war, den er sich im Gegensatz zu seinem autoritären biologischen Vater selbst gesucht hatte. Dies lesend, fühlt man sich an das ähnlich gelagerte Verhältnis zwischen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner erinnert. Auch Heinz Ludwig Arnold verließ seinen „Chef“, wie er von allen genannt wurde, im Streit. Das Verhältnis beider blieb in späteren Jahren gespannt, obwohl der einstige Adlatus Ernst Jünger 1965 eine Festschrift und 1990 einen Band seiner Zeitschrift „Text + Kritik“ widmete. Die Essenz von Jüngers Werk vorzustellen, ist für Arnold heute eine Frage des Respekts. Denn: „Es ist das Werk eines abenteuerlichen Herzens, das Jünger immer besessen hat“.

Ein abenteuerliches Herz. Ein Ernst-Jünger-Lesebuch. Hrsg. und mit Erinnerungen von Heinz Ludwig Arnold. Klett-Cotta, Stuttgart 2011, 428 S., br., 19,95 Euro.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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