Im Gegensatz zu Aristoteles, der die Kriterien der Wissenschaftlichkeit ontologisch bestimmt und somit vom Gegenstand des Wissens her, legen Descartes und Kant die Anforderungen an die Erkenntnis der Wissenschaftlichkeit zugrunde. Es geht also nicht mehr um den Gegenstand der Wissenschaft, sondern darum, was als Wissenschaft bezeichnet werden kann. Descartes und Kant bestimmten die Wissenschaftlichkeit also erkenntnistheoretisch.
Immanuel Kant: Wissenschaft muss systematisch, apodiktisch gewiss und methodisch sein
Kant bezeichnet eine sogenannte Lehre als Wissenschaft, wenn sie systematisch und apodiktisch gewiss ist. Apodiktisch gewiss ist dabei ein Wissen, das notwendig so ist, wie es ist. Aber das gilt eben nur für das Wissen. An die Wissenschaft selber müssen noch weitere Forderungen gestellt werden. Neben dem Systematischen fordert Kant auch den “sicheren Gang” im Gegensatz zum “bloßen Herumtappen“; eine Methode, deren Funktion die Einigung über das Verfahren sein soll und deshalb der sichere Fortschritt.
Kant vs. Aristoteles = Erkenntnistheoretische vs. Ontologische Wissenschaftstheorie
Im Grunde lässt sich allgemeingültiges Wissen nur erreichen, wenn man von einem apodiktisch gewissem Wissen ausgeht und methodisch voranschreitet. So wird langsam ein System erstellt von aus diesem Wissen folgenden Erkenntnissen. Und diese wiederum sind dann eben aufgrund der Herleitung begründbar und sie gelten notwendig. Das heißt, das System, die Methode und die apodiktische Gewissheit sind mit der Allgemeingültigkeit, Notwendigkeit und Begründbarkeit verbunden.
Die vier Regeln des René Descartes
Im Grunde hat Descartes seine vier Regeln nur für sich aufgestellt; nicht schlechthin geltend für die Wissenschaft. Aber sie zeigen, dass Kant eigentlich Descartes folgt in seiner Bestimmung von Wissenschaftlichkeit. Seine erste Regel betrifft die apodiktische Gewissheit. Seine zweite und dritte Regel betreffen die Methode; nämlich die Analyse. Und die vierte Regel betrifft das Systematische, das bei Descartes die Forderung nach Vollständigkeit meint.
Die Philosophie allerdings dürfte nach dieser Charakterisierung von Wissenschaftlichkeit streng genommen gar nicht als Wissenschaft gelten, da ihr vor allem das Methodische fehlt.
David Hume: Das empiristische Erkenntniskriterium
David Hume behauptet, dass nur die Mathematik apodiktische Gewissheit aufweisen könnte; alle anderen Erkenntnisse würden auf Erfahrungen zurückgehen. Deshalb macht Hume die Erfahrung zum Kriterium für Wissenschaftlichkeit. Das heißt, was nicht auf Erfahrung zurückgeführt werden kann, kann auch keine Erkenntnis und damit keine Wissenschaft sein. Die Forderungen nach Methode und System treten bei Hume in den Hintergrund.
Seit Hume gelten Allgemeingültigkeit, System, Begründbarkeit und Notwendigkeit eigentlich nur mehr als Ideale. Es gilt bereits als Wissenschaft, was auf Erfahrung beruht und methodisch gewonnen wird.
Das empiristische Sinnkriterium des Wiener Kreises
Die Logischen Empiristen des Wiener Kreises um Carnap, Neurath und Schlick, verschärften dieses Kriterium noch und stellten als Basisanforderung an die Wissenschaft, dass die Erkenntnisse sinnvoll sein müssen. Kriterium hierfür wiederum war die Verifizierbarkeit. Das heißt, nur die Sätze sind sinnvoll und damit wissenschaftlich, die empirisch verifizierbar sind. Und das bedeutet, dass sie aufgrund der Erfahrung als wahr aufgefasst werden können.
Karl Popper: Die Abgrenzung ist immer subjektiv
Karl Popper behauptet in seiner Logik der Forschung, dass man das, was Wissenschaft und Nichtwissenschaft sei, niemals objektiv entscheiden könnte, weil die Kriterien der Abgrenzung immer auf der Erfahrung des Menschen beruhen und was diese eben für sinnvoll halten. Da Popper eine endgültige Verifizierbarkeit von Theorien infrage stellt, ist für ihn deshalb das Abgrenzungskriterium die Falsifizierbarkeit von Theorien.
Quellen:
Immanuel Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft in Kants Werke, Gruyter Verlag, Berlin 1978, 565 Seiten, 16,95 €
Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Reclam Verlag, Stuttgart 1985, 1011 Seiten, 14,60 €
René Descartes: Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung, Meiner Verlag, Hamburg 1997, 165 Seiten, 9,95 €
David Hume: Untersuchung über den menschlichen Verstand, Reclam Verlag, Stuttgart 1986, 216 Seiten, 5,60 €
Rudolf Carnap: Scheinprobleme in der Philosophie und andere metaphysikkritische Schriften, Meiner Verlag, Hamburg 2005, 149 Seiten, 18,95 €
Karl Popper: Logik der Forschung, Akademie Verlag, Berlin 2007, 270 Seiten, 19,80 €
