Erklärungstheorie zur Entstehung der Eifel-Maare im Mittelalter

Sind die Maare der Eifel erst im Mittelalter entstanden? Hierzu existieren historische Schriften und pyrotechnische Untersuchungen. Eine Frage bleibt offen.

Die These über die Entstehung der Maare durch Wasserdampfexplosionen beim Zusammentreffen von Magma und Wasser ist als phreatomagmatische Theorie wissenschaftlich allgemein anerkannt. Aus Untersuchungen der Tuffwälle und Gesteinsablagerungen in den Maaren kann auf ihr Alter geschlossen werden. Dabei wird geschätzt, dass die jüngsten Maare mindestens 10.000 Jahre alt sind.

Doch es existiert eine weitere Entstehungstheorie, nach der alle Maare gleichzeitig am Ende des Mittelalters entstanden sind bzw. das Ende dieser Epoche bewirkt haben.

Keine schriftliche Erwähnung der Maare vor dem 15. Jahrhundert

Diese These stützt sich auf alte Schriften und Niederschriften. Es gibt für die Zeit vor dem 15. Jahrhundert erwiesenermaßen keine schriftlichen Belege für die Existenz von Maaren. In der Res Naturae Eifellensis, die auf etwa 1463 datiert wird, finden die bewaldeten Hügel der Eifel Beachtung, aber von den so auffälligen Maaren ist nicht die Rede. Die Schriften der späteren Romantik schwärmen dagegen von der Schönheit der Maarseen. Welche Erklärung mag es dafür geben?

Mittelalterliche Berichte weisen auf Karbid hin

In einer mittelalterlichen Beschreibung der Belagerung der Festung Innsbruck ist vom Eifeler Karbid die Rede, das zusammen mit Pech und Schwefel auf die heranstürmenden Feinde gekippt worden ist. Als extrem hartes Mineral fand es aber auch Verwendung als mauerbrechende Katapultsteine und panzerbrechende Geschosse für Handschleudern.

Karbid: Vielseitig einsetzbar

In Verbindung mit Wasser ist Karbid völlig anders nutzbar. Es wurde in die Burggräben geworfen. Beim Kontakt mit Wasser zersetzt sich das Gemisch, und es entsteht Ethin, ein Gas mit leicht narkotisierender Wirkung. Trifft dieses wiederum mit Sauerstoff zusammen, verbrennt es sofort bei etwa 1.900 °C. Unter Druck detoniert es.

Diese Eigenschaft des Karbids verursachte 1451 das fast vollständige Niederbrennen der Burg Trausnitz. Dort war durch ein undichtes Dach Wasser in das Karbidlager eingedrungen, wodurch Feuer ausbrach.

Karbid ist selten, die genaue Entstehung unbekannt. Es ist aber bekannt, dass es durch vulkanische Vorgänge gebildet wird. Diese Vorgänge sollen es offensichtlich nur in der Eifel gegeben haben. Trotz der ständigen Nennung des Karbids in mittelalterlichen Wehrschriften ist niemals vom Abbau die Rede. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Der Abbau war geheim, so dass sich nur in Berichten von Opfern Aussagen über die Verwendung von Karbid finden.

Ausgehendes Mittelalter: Erzählungen werden nebulös und verschwommen

Im ausgehenden Mittelalter werden die Schriften undeutlich und lückenhaft. Es ist nur noch von Chaos, Tod und der Pest als Strafen des Herrgotts die Rede. Dies wurde auf ein mögliches großes Unglück in den weitläufigen Karbidminen zurückgeführt. In den Deutschen Volkssagen wird berichtet, dass die „ganz alten Leute in der Eifel“ die Maare Teufelslöcher nennen, geschaffen durch den Herrgott als Strafe, weil sich die Menschen gegenseitig bekämpften und töteten.

Analysen zur Unterstützung der Schriften

Die Erzählungen erhalten gewisse wissenschaftliche Bestätigung. So wurde in Frankreich durch Untersuchungen festgestellt, dass dort Karbidasche aus der Eifel vorkommt, zeitlich einzuordnen mit 90-prozentiger Sicherheit zwischen 1475 und 1495. Untersuchungen eines chinesischen Pyrotechnikers haben gezeigt, dass die Energiemenge, die notwendig ist, um Karbidasche aus der Eifel nach Frankreich zu transportieren, der Energie entspricht, die Karbid im Umfang des heutigen Volumens der Eifeler Maare erzeugt. Man geht also davon aus, dass die Karbidminen explodierten, weil Wasser in sie eindrang, sich Ethin bildete und dieses Gas mit Sauerstoff in der Luft reagierte. Da das Ethin in den Stollen unter Druck stand, detonierte es.

Es wird angenommen, dass diese Explosionen so viel Staub aufwirbelten, dass der Himmel Europas für mehrere Jahre verdunkelt gewesen ist. Daraus soll sich der Begriff „Finsteres Mittelalter“ ableiten, in dem viele Gebäude in Europa zerstört worden sind. Nur die Burgruinen blieben bis heute erhalten. Diese Explosionen bedeuteten das Ende des Mittelalters.

Augenzeugenbericht eines Mönchs

Es existiert zu dieser wissenschaftlichen Seite der Theorie eine Erzählung eines Mönchs, der im Weinkeller des Klosters Mehren das Unglück überlebt hat. Er schilderte die Vorkommnisse folgendermaßen:

In diesem Sommer 1490 war mehr Regen gefallen als üblich, die Wege waren matschig und aufgeweicht. Die Karbidproduktion war in jener Zeit immer weiter vorangetrieben worden. Doch der Regen machte den weiteren Abtransport unmöglich. Deswegen wurde damit begonnen, das gebrochene Karbid in bereits abgebauten Minen zu lagern, was allerdings aufgrund der bekannten Wirkung von Karbid mit Wasser vom damaligen Papst verboten worden war. Schließlich drang Wasser in die Stollen ein, und es kam zur Explosion. An den Stellen, wo sich die Bergwerke befunden hatten, seien kreisrunde Löcher zum Vorschein gekommen, die „bis zur Hölle“ hinunter reichten. Daraus seien die „Teufel der Unterwelt“ hervor geklettert. Schließlich habe der Herrgott ein Einsehen gehabt und die Teufel „mit den Wassern dieser Erde“ zurückgespült.

Wie glaubwürdig ist die Mittelaltertheorie über die Entstehung der Maare?

Die dargestellte Theorie beruht auf historischen Beweisen in Form von Erzählungen und behauptet, dass diese Schriften – die als absolut glaubwürdig eingestuft werden – neben der Funktion als Beleg für diese Theorie gleichzeitig die phreatomagmatische These widerlegen. Zusätzlich liegen Analysen und Untersuchungen vor, die die Niederschriften offensichtlich stützen.

Gegen die Annahme, die Maare seien allesamt am Ende des Mittelalters entstanden, spricht die Tatsache, dass in den Maarablagerungen Nebengestein nachgewiesen wurde, das nachgebrochen und von den Tuffwällen nachgerutscht ist. Das bedeutet, dass das Volumen der Tuffwälle um die Maare herum, also das Volumen der bei der Explosion herausgeschleuderten Tuffe, größer sein muss als das heutige Volumen der Maare. Dies ist Fakt und mindert die Wahrscheinlichkeit der Mittelaltertheorie.

Ein weiteres Gegenargument findet sich in der Tatsache, dass die Maare seit ihrer Entstehung in ihrer Form nicht unverändert geblieben sind. Dies ist durch die analytische Bestätigung, dass es zu Nachrutschungen gekommen ist, nachgewiesen. Dadurch hat eine Volumenverkleinerung stattgefunden. Also geht die Gleichung, dass das Gesamtvolumen aller Maarkessel der Menge an Karbid, die die notwendige Energie erzeugen könnte, um Ascheteilchen bis nach Frankreich zu transportieren, entspricht, nicht auf. Denn das heutige Gesamtvolumen weicht von dem der Entstehung ab – ein Punkt, der der Mittelaltertheorie klar widerspricht.

Es bleibt aber die Frage bestehen, wie die Ascheteilchen nach Frankreich gelangen konnten. Solange sie nicht beantwortet ist, wird man die These über die Entstehung der Maare im Mittelalter nicht völlig widerlegen können.

Informationen entnommen:

Res Naturae Eifellensis, Waltruth von der Storchenweide

Poenas Deo, Frater Proteus

Deutsche Volkssagen, Brüder Grimm

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