
- Ernst Hartwig Kantorowicz, um 1930 - http://www.ffmhist.de/ffm33-45/portal01/portal01.p
Trotz seiner jüdischen Herkunft wurde Ernst Hartwig Kantorowicz in die Generation eines übersteigerten Nationalismus hineinsozialisiert. Er nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil und wurde Offizier. Nach Kriegsende kämpfte er zeitweilig in einem Freikorps. Von 1918 bis 1921 studierte er Philosophie, Geschichte und Nationalökonomie in Berlin, München und Heidelberg. In Heidelberg gehörte Kantorowicz zum elitären Zirkel um den Dichter Stefan George (1868- 1933) und freundete sich dort mit dem späteren Hitler- Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907- 1944) an. Kantorowicz arbeitete als Privatdozent in Heidelberg, bis er 1930 eine Professur in Frankfurt a.M. erhielt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ließ sich Kantorowicz beurlauben. 1939 emigrierte er in die USA und bekleidete in Berkeley eine Professur für mittelalterliche Geschichte. Weil er sich in der McCarthy- Ära weigerte, den antikommunistischen Loyalitätseid abzulegen, musste er 1949 nach Princeton wechseln.
Biographie Friedrichs II.
Große Popularität erlangte Kantorowicz durch seine Biographie Friedrichs II. von 1927. An Hand spätmittelalterlicher Mythen, Legenden und Prophezeiungen verfolgte Kantorowicz die Transformation des Stauferkaisers Friedrich II. (1194- 1250) in eine überhistorische Mythengestalt. In der Fachwelt wurde das Buch heftig kritisiert, da es quellenkritische Grundlagen missachte und keine Trennung von Mythos und Realität vornehme. Kantorowicz verteidigte sich mit dem Argument, er habe keine Realitätsüberprüfung von Mythen vornehmen wollen, sondern ihre Bedeutung im Wahrnehmungshorizont der Zeitgenossen untersucht.
Einfluss Nietzsches und Georges
Als viel problematischer erwies sich Kantorowicz’ unkritische Übernahme des antimodernen Elitismus Friedrich Nietzsches und Stefan Georges in sein Werk. Die Stilisierung Friedrichs II. zur ungebundenen Herrscherpersönlichkeit als Kontrast zur modernen demokratischen Massengesellschaft war vor dem Hintergrund der späten Weimarer Republik und des „Dritten Reiches“ eine verheerende politische Botschaft. Sie bestärkte die antirationale Charismatisierung der politischen Kultur. Kantorowicz hat vergeblich versucht, dieser Rezeption entgegen zu wirken, indem er Neuauflagen mit einem wissenschaftlichen Apparat versah und die deutschtümelnde Sprache entschärfte. Das Friedrich- Buch wurde bis 1939 verlegt und von vielen Nazi- Größen begeistert gelesen. Ob sie wussten, dass Kantorowicz Jude war, ist nicht bekannt.
Die zwei Körper des Königs
Zwar distanzierte sich Kantorowicz von seinem Frühwerk, setzte aber auch in den USA die Erforschung historischer Mythen fort. In „The King’s two bodies“ (1957) untersuchte er die geistesgeschichtliche Entstehung des modernen Staates. Die politische Theologie des Mittelalters habe den Herrschern eine Doppelgestalt zugestanden. Der König verfüge über einen menschlichen, also sterblichen Körper und einen unsterblichen politischen Körper. Dies sei die Grundlage für die Trennung von Person und Amt gewesen, die es erst möglich gemacht habe, den Staat als überpersönlichen Kollektivkörper zu denken. Ähnlich wie Ernst Cassirer (1874- 1945) erkannte Kantorowicz die mythischen Ursprünge moderner Staatlichkeit, deutete sie allerdings nicht als gefährlichen und zu überwindenden irrationalen Ballast. Vielmehr folgte er Jacob Burckhardt (1818- 1897) in der Überzeugung von der Notwendigkeit eines „Mythenhaushalts“ zur Selbstverständigung der Kulturnation.
Wirkung
Die von Ernst Kantorowicz betonte Geschichtsmächtigkeit von Mythen, Symbolen und Repräsentationsformen ist heute allgemein anerkannt. Spätestens seit dem Boom der „neuen Kulturgeschichte“ in den 1980/90er Jahren kann man von einer Kantorowicz- Renaissance sprechen, die weit über die Mediävistik hinaus reicht. Seine Werke boten u.a. Anknüpfungspunkte für die unter den Vorzeichen des „linguistic turn“ geführte Theoriedebatte, inwiefern Historiographie selbst Mythenproduktion ist. Die Forderung Nietzsches, dass eine Geschichtsschreibung, die sich mit Mythen befasse, nicht Wissenschaft sein dürfe, sondern künstlerisch- literarische Sinnstiftung sein müsse, hat zwar ihren Widerhall in postmodernen Geschichtstheorien gefunden (Derrida, Foucault, Barthes, White), nicht jedoch in der historiographischen Praxis. Sie hat sich – ganz im Gegenteil – darum bemüht, die kulturwissenschaftliche Substanz in Kantorowicz’ Werk von der völkischen Mythenproduktion des mittlerweile fast vergessenen Friedrich- Buches zu trennen. Die Befassung mit dem Irrationalen in der Geschichte hat über die Erschließung eines neuen Forschungsgegenstandes eher die Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung vertieft, als ihre postmoderne Remythisierung bewirkt.
Literatur
Boureau, Alain, Kantorowicz. Geschichte eines Historikers, Stuttgart 1992.
Ernst, Wolfgang/ Wissmann, Cornelia (Hg.), Geschichtskörper. Zur Aktualität von Ernst H. Kantorowicz, München 1997.
Grünwald, Eckhart, Ernst Kantorowicz und Stefan George, Wiesbaden 1982.
Kuhlgatz, Dietrich, Verehrung und Isolation. Zur Rezeptionsgeschichte der Biographie Friedrichs II. von Ernst Kantorowicz, in: ZfG 43 (1995), S. 736-746.
Mali, Joseph, Ernst H. Kantorowicz. History as Mythenschau, in: History of Political Thought 18 (1997), S. 579-603.
Rader, Olaf B., Ernst Hartwig Kantorowicz (1895- 1963), in: Lutz Raphael (Hg.), Klassiker der Geschichtswissenschaft, Bd.2, München 2006, S. 7-26.
Salin, Edgar, Ernst Kantorowicz 1895- 1963, in: HZ 199 (1964), S. 551-557.
