Mit dem 19. Jahrhundert setzen vermehrt Denkprozesse über das Wesen der Sprache ein. Nicht nur die Literatur wird, von Sprachskepsis geplagt, auf sich selbst zurückgeworfen. Das Reflektieren über Sprache und Denkprozesse wird auch zur philosophischen, zur erkenntnistheoretischen Frage. Was existiert jenseits der Sprache? In der Philosophie des letzten Jahrhunderts wird das Erkenntnisproblem lange Zeit zu einem Problem der Sprache. Der Positivismus, den der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838-1916) betreibt, basiert auf der Vorstellung, dass die Welt nur aus der „Mannigfaltigkeit von Sinneseindrücken“ (Empfindungen) besteht. Um sie (in der Sprache) zu fixieren, bildet der Mensch eine Abstraktion: einen Begriff.
Konkrete Vorstellungen und abstrakte Begriffe
Im Alltagsgebrauch, beim Hören und Lesen von Wörtern, entsteht beim Rezipienten immer eine konkrete Vorstellung. Liest er den Satz: „Ein Pferd steht auf der Weide“, wird unwillkürlich ein konkretes Pferd vor seinem inneren Auge erscheinen. In der sogenannten Augenblicksvorstellung muss das vorgestellte Pferd zwingend eine Farbe, eine Rasse haben. Im Unterschied dazu steht nach Mach der abstrakte Begriff „Pferd“. Bei der Begriffsbildung werden die einzelnen Merkmale herausgelöst. Eine genügend große Summe gleicher Merkmale veranlasst den Menschen, einen Begriff zu bilden. Im Beispiel „Pferd“ sind dies etwa: vier Beine, längliche Kopfform, Fell, Hufe, Schweifhaar, spitze Ohren usw. Selbst wenn das ein oder andere Merkmal fehlt, sorgt die Überschneidung mit genügend anderen Merkmalen für das Erkennen und Zuordnen des Objekts zum richtigen Begriff: Auch ein dreibeiniges Pferd können wir mühelos als ein solches erkennen.
Bildung von Begriffen
Das Zusammenfassen von Merkmalen (Farben, Tönen, usw.) zu einer sinnlichen Vorstellung eines Dinges hat nach Mach eine andere Qualität als das sorgfältige Trennen, welches zu einer abstrakten Vorstellung führt. Beide sind temporär berechtigt und dient unterschiedlichen Zwecken. Die Abstraktion, die zur Bildung von Begriffen führt, hängt davon ab, wie genau und mit welchem Blick wird die Dinge betrachten. „Der Körper ist einer und unveränderlich, sobald wir nicht nötig haben, auf die Einzelheiten zu achten. So ist auch die Erde oder ein Billardballen eine Kugel, sobald wir von allen Abweichungen von der Kugelgestalt absehen wollen, und größere Genauigkeit unnötig ist“ (Ernst Mach: Analyse der Empfindungen).
Begriffe werden in der Sprache fixiert
Der Mensch fixiert seine Begriffe im Vergleich zum Tier (welches nach Mach durchaus auch Begriffe von Dingen „bilden“ kann und diese an seinen spezifischen Merkmalen erkennt) in der Sprache. Im Wort besitzt der „eine sinnlich allgemein fassbare Etikette des Begriffs, auch in Fällen, in welchen die typische Vorstellung unzureichend wird oder überhaupt nicht mehr existiert (Ernst Mach: Erkenntnis und Irrtum).
Welche Begriffe bildet der Mensch?
Begriffe bilden sich nach Mach, wo sie notwendig sind. Vor allem biologisch wichtige Reaktionen werden in Begriffen stabil fixiert, etwa da, wo die Abgrenzung von Gruppen von Nahrungsmitteln unser Besonderes Interesse hat. Darüber hinaus werden in jeder sozialen Schicht oder Berufsgruppe begriffliche Klassifikationen vorgenommen. Auch für wissenschaftliches Arbeiten sind detaillierte Begriffsdefinitionen wichtig. Nicht selten erfahren bestimmte Begriffe innerhalb verschiedener Fachgebiete abweichende Definitionen. So ist zum Beispiel der Begriff „Masse“ oder „Dichte“ in der Physik genau definiert, wird im Alltag aber abweichend verwendet. Und „Rezept“ hat für den Apotheker eine andere Bedeutung als für einen Koch. Begriffe bilden und wandeln sich in Jahren und Jahrhunderten unwillkürlich. Sie werden geformt durch kulturelle und gesellschaftliche Hintergründe.
Auch der Mensch besteht nur aus Empfindungen
Machs Überzeugung, die Welt bestehe nur aus Sinneseindrücken, die sich in Begriffen zu Klassen von Dingen zusammenfassen lassen, erstreckt sich auch auf den Menschen. Einerseits trifft der Physiker damit den Nerv der sprachkritischen Literaten der Wiener Moderne: Hermann Bahr formuliert in „Das unrettbare Ich“ zustimmend: „Hier [in Machs Analyse der Empfindungen] habe ich ausgesprochen gefunden, was mich die ganzen drei Jahre her quält: ‚Das Ich ist unrettbar.’ Es ist nur ein Name. Es ist nur eine Illusion […] Es gibt nichts als Verbindungen von Farben, Tönen, Wärme, Drücken, Räumen, Zeiten, und an diese Verknüpfungen sind Stimmen, Gefühle und Willen gebunden. Alles ist in ewiger Veränderung […] Nur, um uns vorläufig zu orientieren, sprechen wir von ‚Körpern’ und sprechen wir vom ‚Ich’ […]“. Otto Weininger dagegen kritisiert Mach für seine Theorie, nach der das Ich „keine reale, nur eine praktische Einheit“ sei: „Es ist verwunderlich“, gibt er zu bedenken, „wie ein Forscher […] gar nicht auf die Tatsache Rücksicht nimmt, daß alle organischen Lebewesen zunächst unteilbar, also doch irgendwie Atome, Monaden sind (Otto Weiniger: Machs Wartesaal für Empfindungen). Dieser Einwurf ergreift eindeutig Partei für den Menschen, der mehr ist als die Summe seiner Empfindungen.
