Ernst Thälmann als Vorbild der Jugend

"DDR-Biografie" Ernst Thälmanns von Willi Bredel - Manuela Möbius-Andre
Das „Vermächtnis" des Vorsitzenden der KPD Ernst Thälmann war ein wichtiger Bestandteil in der Jugenderziehung der DDR.

Der 1886 geborene Ernst Thälmann war von 1925 bis 1933 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und wurde nach elfjähriger Haft 1944 von den Nationalsozialisten in Buchenwald ermordet. Thälmann war schon zu Lebzeiten umstritten, oft wurde ihm Größenwahn nachgesagt. Vor allem sein Verhältnis bzw. seine Hörigkeit zu Moskau standen in der Kritik. In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) kam Ernst Thälmann eine tragende Rolle zu, er eignete sich vor allem wegen seiner langjährigen Haft und der Ermordung als Märtyrer in der Ideologie einer neuen deutschen Gesellschaft.

Am Anfang war der Mythos

Mit dem Vermächtnis von stilisierten Helden der Staatspolitik sollte in der DDR eine testamentarische Verpflichtung für die heranwachsende Generation erzeugt werden. In der DDR wurde die Individualität zugunsten der Gemeinschaft aufgehoben. Um dieses Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und wirksam herauszubilden, griff das System auf die Konstruktion des politischen Mythos zurück. Dieser sollte gleichzeitig der Legitimierung der bestehenden politischen Ordnung dienen.

Die Vermittlung von Mythen erfolgte vor allem über Gedenkrituale. Nicht nur auf den Gedenkveranstaltungen an den Feier- und Gedenktagen, auch im Alltag wurde Gedenken zu einem wichtigen Bestandteil des Lebens. Die Nationalen Mahn- und Gedenkstätten stellten sich als „authentische Orte“ wirkungsvoll zur Verfügung. Als Hauptkulisse für die Massenveranstaltungen in der DDR bildeten sie einen wichtigen Bestandteil.

In der Forschung herrscht der Konsens, dass der Antifaschismus als Gründungsmythos anzusehen ist. Einerseits konnte so aus dem Widerstandskampf die politische Legitimität gezogen werden, anderseits blieb durch den Bezug auf die Dimitroffsche Faschismusformel der Kampf aktuell, da die Wurzel des Faschismus, nämlich der Kapitalismus, noch nicht ausgerottet war und der Kommunismus für sich das einzig „wahre“ Gegenkonzept in Anspruch nahm.

Ernst Thälmann als Vorbild

Die antifaschistische Erziehung gehörte zu den Hauptbestandteilen der Bildungspolitik in der DDR. Nicht nur im Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht, sondern auch im Deutschunterricht sollte der Antifaschismus vermittelt werden. Dabei sollte die narrative Form in erster Linie eine emotionale Stimmung schaffen, die eine klare Positionierung abforderte. Thälmann stieg zur Symbolfigur des Antifaschismus auf. Besonders der Jugend sollte Thälmann als Vorbild gelten, was vor allem in der Namensgebung der „Thälmannpioniere“ deutlich wird. Seine Ermordung machte ihn zum Märtyrer, sein „Vermächtnis“ wurde zur Verpflichtung für die heranwachsende Generation. Während im Andenken an die Widerstandskämpfer eine Anonymisierung stattfand, wurde Thälmann stellvertretend als Person herausgehoben. Ernst Thälmann war überall präsent. Über die Thälmannpioniere, Namenskollektive, Auszeichnungen, Gedenkstätten, unzähligen Geschichten bis hin zu sämtlichen Kunstgattungen gehörte er zum festen Bestandteil der Propaganda in der DDR.

Thälmann ist überall

Die Thälmanngedenkstätten gestalteten sich vielseitig, sie waren in der ganzen Republik verbreitet. Es gab unzählige Erinnerungstafeln, Erinnerungssteine, Portraitplastiken, Traditionskabinette, Gedenkstätten oder Ehrenhaine. Ein Überblick gibt die Broschüre von Hans Maur „Ernst-Thälmann-Gedenkstätten. Historische Stätten der Erinnerung und des Gedenkens an Ernst Thälmann in der Deutschen Demokratischen Republik“. Diese Stätten dienten vor allem für Gedenkappelle, die immer auch oder in erster Linie Kampfkundgebungen waren. Für die Jugend spielte der Ehrenhain im Pionierpark „Ernst Thälmann“ in der Berliner Wuhlheide eine große Rolle. Hunderttausende Junger Pioniere und FDJler kamen alljährlich in den Pionierpark, einem Komplex aus Gebäude-, Spiel-, Sport- und Gartenanlagen. Zentraler Punkt dieses Ehrenhains ist die Gedenkbüste für Ernst Thälmann. Besonders an den „Hauptgedenktagen“, den 16. April, Thälmanns Geburtstag, und den 18. August, Tag seiner Ermordung, versammelten sich hier Jung- und Thälmannpioniere, um ihrem „Vorbild“ zu gedenken.

Ernst Thälmann wurde schnell zum Nationalsymbol und diente der Vorbildfunktion für die Erziehung. Die „offizielle“ Biographie Ernst Thälmanns ist auf die Vermittlung eines Idealbilds ausgerichtet. Die wahre Lebensgeschichte, seine Auseinandersetzung mit der Ideologie und die Konflikte Thälmanns innerhalb der KPD bzw. in den Beziehungen zu den Moskauer Exilkommunisten werden nicht erwähnt.

Quellen:

Monteath, Peter; ErnstThälmann. Mensch und Mythos, Amsterdam/Atlanta 2000

Hans Maur; „Ernst-Thälmann-Gedenkstätten. Historische Stätten der Erinnerung und des Gedenkens an Ernst Thälmann in der Deutschen Demokratischen Republik“, Berlin (Ost), 1986