Im 17. Jahrhundert lernten die Europäer den „indischen Hanf“, Cannabis indica, mit deutlich höherem THC-Gehalt kennen. Dieser fand zunächst keine medizinische Verwendung, wurde 1823 aber im Hufeland-Journal im Zusammenhang mit der erfolgreichen Behandlung von Keuchhusten lobend erwähnt.
Cannabis ruderalis
Cannabis ruderalis, bei Herodot im Zusammenhang mit Ritualen genannt, fand - prähistorisch belegt - vornehmlich im Altai Verwendung. Er wurde vornehmlich zu schamanischen Zwecken genutzt, bei Depressionen eingesetzt und weist einen deutlich niedrigeren THC-Gehalt auf als Cannabis sativa oder indica. Ein Projekt der Mongolischen Akademie der Wissenschaften zur Erforschung des lamaistischen und volksmedizinischen Wissens konnte vor wenigen Jahren ins Leben gerufen werden.
Die ersten Forschungen zur medizinischen Wirkung von Hanf
Pionier der modernen medikamentösen Verwendung der Hanfpflanze - insbesondere seiner psychotropen Inhaltsstoffe - in Westeuropa war der schottische Arzt, Wissenschaftler und Ingenieur Sir William Brooke O’Shaughnessy, der zahlreiche Schriften über die volkstümliche und medizinische Verwendung veröffentlichte sowie Studien an Mensch und Tier durchführte.
Er kam zu dem Ergebnis, dass aufgrund der „perfekten Sicherheit bei der Gabe von Hanfharz“ eine ausführliche Studie in Fällen, bei denen „seine offensichtlichen Qualitäten den größten Grad an Nutzen versprechen“, durchgeführt werden sollte. Ebenso stellte er - ähnlich wie Hildegard von Bingen - fest, dass die Wirkung bei verschiedenen Patienten unterschiedlich sei, chronische Konsumenten zumeist nicht auf eine Behandlung ansprächen, Cannabis bei Rheuma, Tollwut, kindlichen Krämpfen, Cholera, Konvulsionen, Spasmen und Brechreiz erfolgreich angewendet werden könne.
Hanf als anerkannte Medizin
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Cannabisprodukte in Europa und Amerika anerkannte medizinische Mittel. Das pharmazeutische Unternehmen Merck war der führende Hersteller in Europa, die Präparate fanden vornehmlich als Schlaf- und Schmerzmittel, Aphrodisiakum, gegen Neuralgien, Rheumatismus, Hysterie, Depressionen, Delirium tremens und Psychosen Verwendung.
Das Abwärts einer Heilpflanze
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging mit der Diskreditierung von Cannabis als Rausch- und Genussmittel auch die des Einsatzes zu medizinischen Zwecken einher. Die forcierte Entwicklung synthetischer Medikamente trug zur Verdrängung von Naturprodukten bei, in Amerika übertrafen sich die Gazetten mit Horrormeldungen über Cannabis. 1925 wurde Hanf in das 1. Internationale Opium-Abkommen von Den Haag (1912) aufgenommen, was ursprünglich Opium, Heroin, Kokain und Morphium umfasste und folglich mit diesen Substanzen gleichgesetzt.
Neuere Forschungen zu Cannabis
Ab 1938 entstanden Kommissionen, die zwischen Fehlverhalten einzelner Konsumenten und medizinischen Zwecken zu unterscheiden wussten, Forschungen betrieben und neuerliches Interesse weckten. In den 1940er Jahren wurde THC erstmals in der Therapie eingesetzt, die ersten synthetischen Cannabinoide hergestellt und getestet, auch ein weiterer künstlicher THC-Abkömmling namens DMHP (Dimethylheptyltetrahydrocannabinol) wurde untersucht. Probanden reagierten derart positiv, dass weitere Forschungen gefordert wurden, die bis heute nicht umgesetzt worden sind. Als Monographie Tinctura Cannabis indicae war Haschisch vor sechzig Jahren im Ergänzungsbuch zum Deutschen Arzneibuch zu finden.
Literaturhinweise
- Ärzte Zeitung, 13.10.2008 und 21.10.2008, Ärzteblatt 11/ 09
- Dr. med. Franjo Grotenhermen, Hanf als Medizin, AT Verlag, Baden und München 2004
- M. Maurer, Therapeutische Aspekte von Cannabis in der westlichen Medizin, 3. Symposium über psychoaktive Substanzen und veränderte Bewusstseinszustände in Forschung und Therapie. ECBS, Göttingen 1989
- Möller, H., Flenker, I., Cannabis als Arzneimittel. Dtsch. Apoth. Ztg. 141, 2001
- Anand Petal., Pain 2008
- Dr. C. Rätsch, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. 8. Auflage, 2007, AT Verlag, Aarau 1998
- Schmidt, Sebastian, Die THS-Pille auf Rezept, Hanfblatt 1996
- Dr. Wolf-Dieter Storl: Kräuterkunde. Aurum im Kamphausen Verlag, Bielefeld 2006
