
- Metaphysik – Lehre von Sein und Nichtsein - Bild: Grace Winter / PIXELIO
Was Metaphysik ist, kann man zunächst in einem Wörterbuch nachschlagen. Nehmen wir das bekannteste, den DUDEN (Band 1, 25. Auflage, 2009). Dort heißt es unter dem Stichwort:
Metaphysik ... (philosophische Lehre von den letzten, nicht erfahr- und erkennbaren Gründen und Zusammenhängen des Seins) ...
Metaphysik ist Seinslehre (Ontologie)
Demnach kann man, zumindest grob gesprochen, statt "Metaphysik" auch "Seinslehre" sagen. Metaphysik ist also keine Lehre vom Leben (Biologie), keine Lehre von der Natur (Physik), keine Lehre vom Staat (Politik), keine Lehre von Gott (Theologie), keine Lehre von der Seele (Psychologie), keine Lehre vom Denken (Logik) – und was man sonst noch alles aufzählen könnte –, sondern einzig und allein eine Lehre vom Sein.
Das Wort "Metaphysik" kommt aus dem Altgriechischen. Das altgriechische Wort für "Seinslehre" heißt aber eigentlich "Ontologie" und nicht "Metaphysik". Und was heißt dann eigentlich "Metaphysik"? Wie leicht zu erkennen, enthält das Wort den Bestandteil "Physik", und Physik ist Naturlehre. Ist Metaphysik dann Naturlehre und Seinslehre zugleich?
Es fehlt noch die Übersetzung des Wortbestandteils "Meta". Auch das kann man übrigens im DUDEN nachschlagen:
Meta... (Zwischen..., Mit..., Um..., Nach...)
Das Verlegenheitswort "Metaphysik"
So ergibt sich für Metaphysik die wörtliche Bedeutung "Nach (der) Physik". Gemeint war eigentlich: die Lehre im Anschluss an alle übrigen Wissenschaften, nachdem alle anderen Gebiete abgehandelt sind. Man war in diesem Fall in der Verlegenheit, diesem an- und abschließenden Wissensgebiet einen bestimmten Namen zu geben. In gewisser Weise gibt es über die zuvor behandelten Gegenstände hinaus keinen mehr, über den man noch sprechen könnte.
Ein solches Verlegenheitswort ist auch das "Sein". Deshalb ist es eigentlich egal, ob man "Metaphysik" oder "Ontologie" sagt: man weiß sowieso nicht recht, worum es da gehen soll. Denn das Sein ist offenbar kein bestimmter Gegenstand. Vielmehr geht es gar nicht unbestimmter. Sobald wir einen bestimmteren Gegenstand meinen, zum Beispiel eine Pflanze, ein Haus oder einen Stern, gehört dieser nicht mehr zu einer Seinslehre, sondern zu anderen Wissenschaften: die Pflanze zur Botanik, das Haus zur Bautechnik, der Stern zur Astronomie.
Die Metaphysik und das Selbstverständliche
Für die Seinslehre bleibt demnach kein Gegenstand mehr übrig. Es sei denn, es wäre von Belang, nach dem zu fragen und das zu erforschen, was allen Gegenständen gemeinsam ist. In der Tat ist das Sein allen (seienden) Gegenständen gemeinsam. Na und? Was weiter? Geht es noch nichtssagender? Man kann herumlaufen und allen verkünden: Die Pflanze da hinten ist; das Haus da drüben ist; der Stern da oben ist. Wird dadurch irgend ein Mensch schlauer? Weiß danach irgend ein Mensch mehr? Lachhaft.
Da wäre es schon origineller, herumzulaufen und zu sagen: Die Pflanze hier ist gar nicht; das Haus da drüben ist eine Täuschung; der Stern da oben ist nicht, wonach er aussieht. Es sind solche Gedanken, solche Zumutungen für den gesunden Menschenverstand, mit denen die Metaphysik anfängt. Auf einmal steht das Allernormalste, das Selbstverständliche in Frage.
Die Metaphysik als die spannendste Wissenschaft
Statt "Seinslehre" müsste es besser heißen "Sein-oder-Nichtseinslehre". Dann wäre deutlicher gekennzeichnet, worum es in der Metaphysik geht. Dann wäre auch mit einemmal die Metaphysik von dem Verdacht befreit, überflüssig zu sein. Trotzdem und dann erst recht würden sich an ihr die Geister scheiden. Und zwar in solche, die sich derart grundsätzliche Hinterfragungen, derartige Angriffe auf die festesten Denkgewohnheiten verbitten, und in solche, denen die entsprechenden Bedenken gerade das Anregendste sind, was einem im geistigen Leben hat passieren können.
Quellen & Weiterführende Informationen
DUDEN Band 1. Die deutsche Rechtschreibung, 25. Aufl. 2009
Platon: Der Staat, Siebtes Buch (Metaphysik in Form des Höhlengleichnisses)
Bildquelle: Grace Winter / pixelio.de
