Clarence Duncan Chamberlin (1893-1976) war neben Charles Lindbergh der letzte Bewerber für den Orteig- Preis. Alle anderen Bewerber waren bereits aus dem Rennen. Er war zwar rechtzeitig fertig mit seinen Vorbereitungen, hatte aber noch Meinungsverschiedenheiten mit dem Eigner des Flugzeuges, einem gewissen Charles Albert Levine. Dieser hatte das Flugzeug, ein einmotoriger Bellanca-Schulterdecker mit der Bezeichnung WB-2, und die Produktionsrechte von der Wright Corporation erworben.

Die Abkürzung WB steht für Wright- Bellanca und ist auf das Schaffen von Giuseppe Mario Bellanca, dem Konstrukteur dieses Flugzeuges, zurückzuführen, der zu dieser Zeit bei der Wright- Aeronautical tätig war. Der Namenszusatz kam durch den Erwerb der WB-2 durch Levine zustande, der zu diesem Zeitpunkt für die Columbia Aircraft Corporation (vormals Columbia Air Liners Inc.) tätig war. Levine machte seinen Mitflug zur Bedingung, hatte aber keine Ahnung vom Fliegen und von Navigation. Chamberlin konnte sich nur schwer an diesen Gedanken gewöhnen, entschloss sich aber, den Flug mit Levine durchzuführen.

Das Flugzeug Bellanca WB2 Columbia NX 237

Die Bellanca Columbia war ein abgestrebter Schulterdecker mit einer Flügelfläche von 25,3 Quadratmeter und wurde von einem Wright Whirlwind-Motor J-5 mit 220 PS (160 kW) angetrieben. Der Motor verlieh dem Flugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 203 km/h. Die WB 2 Columbia wurde erstmalig 1926 bei den National Air Races geflogen. Das 8,15 Meter lange Flugzeug war als Transport- wie auch als 5-sitziges Passagierflugzeug ausgelegt. Eigens für den Ozeanflug wurde das Flugzeug umgebaut und war im Endeffekt ein fliegender Tank, um die große Entfernung über den Atlantik ohne Zwischenlandung durchfliegen zu können. Der Zusatztank sah aus wie ein lang gezogenes Klavier ohne Beine.

Die Ausrüstung des Flugzeugs wurde recht einfach gehalten. Für den Fall einer Notlandung auf dem Wasser war das Fahrwerk so konzipiert, dass es vor dem Notwassern abgeworfen werden konnte. Neben den Steuerknüppel hatte Chamberlin sich eine Stichsäge gelegt, um im Notfall die Streben vom Motorblock und somit den Motorblock vom Rumpf des Flugzeuges trennen zu können, damit das Flugzeug durch sein Gewicht nicht in die Tiefe gezogen würde. Gleichzeitig sollte der dann hoffentlich leer geflogene Tank als Schwimmer dienen. Das Flugzeug könnte so an der Wasseroberfläche gehalten werden. Chamberlin war für den Flug mit sehr guten Karten ausgestattet. Nur der europäische Kontinent, speziell Mitteleuropa mit Deutschland, machte ihm noch einige Sorgen.

Flug der Columbia bis Deutschland ohne Zwischenfälle

Am frühen Morgen des 4. Juni1927 startete Chamberlin mit Levine gegen 6 Uhr und 4 Minuten auf dem Roosevelt- Flugplatz. Vorweg gesagt: Der Flug der Columbia verlief ohne Zwischenfälle. In den frühen Nachmitternachtsstunden folgten die ersten Sichtmeldungen. Gegen 14.00 Uhr amerikanischer Zeit wurde Chamberlin mit seinem Flugzeug bei Halifax mit Kurs auf Glasgow gesehen. Gegen 23.00 Uhr erfolgte die Meldung mit der Position bei Kap Race an der Südspitze von Neufundland. Rückenwind beschleunigte Chamberlins Flug. Am Morgen des gleichen Tages begegnete man dem Passagierschiff „ Mauretania“.

Um 19.00 Uhr europäischer Zeit war Chamberlin ca. 185 Kilometer westlich von Irland und um 21.10 Uhr über Plymouth, Südengland. Das französische Festland erreichte Chamberlin über die Kanalinseln vor der Küste der Normandie zwischen 23 und 23.30 Uhr und bald darauf Boulogne-sur-Mer. Gegen 1.30 Uhr meldete Amsterdam den Überflug und auf dem Weg zur deutschen Grenze in Richtung Köln. Jetzt ging es Schlag auf Schlag: 3.20 Uhr über Krefeld gesichtet, 3.45 Uhr bei Gelsenkirchen und 4.00 Überflug von Dortmund. Von da an war vom Flieger nichts mehr zu hören.

Berlin um 100 Kilometer verpasst

Fast 6300 Kilometer waren geflogen und der Motor fing plötzlich an zu stottern. Ok, dachte Chamberlin, jetzt ist es soweit. Nase nach unten und in den Wind, eine geeignete Stelle beim Sinkflug suchen und Landen. Das Wetter hat sich verschlechtert und es goss in Strömen. Der Boden war sehr weich und die Maschine blieb regelrecht im Schlamm stecken. Im Nachhinein erfuhr Chamberlin, dass er um 6.15 Uhr in der Nähe von Eisleben, im heutigen Stadtteil Helfta, ca. 160 Kilometer südwestlich von Berlin gelandet war. Er war also schon fast am Ziel. Der Gemeindevertreter besorgte 100 Liter Benzin und schon ging es weiter. Berlin wusste zu diesem Zeitpunkt schon Bescheid und schickte ein Empfangskomitee und wollte Chamberlin „einfangen“. Die Lufthansa-Maschine landete erst gegen 10.00 Uhr, da war Chamberlin aber schon wieder unterwegs. Dicker Nebel machte sich breit und Chamberlin verfranste sich noch mehr und drifte weiter nach Südosten ab.

Gegen 12.30 Uhr kam ein Anruf aus Cottbus, dass Chamberlin in der Nähe des Rittergutes Klinge, ca. 15 Kilometer von Cottbus entfernt, gelandet sei. Seine Maschine machte bei der Landung einen Kopfstand, wobei der Propeller zersplitterte. Damit war der Weiterflug unmöglich geworden. Mehrere Flugzeuge flogen nach Cottbus, das Flugzeug wurde repariert und zahlreiche deutsche Sportflugzeuge geleiteten Chamberlin nach Berlin. Hier bereitete man ihm am 7. Juni 1927 auf dem Flughafen Tempelhof einen begeisterten Empfang.

Kurz vor dem Flug von Chamberlin holte sich Lindbergh am 22. Mai 1927 den mit $25.000 dotierten Orteig-Preis, der bereits seit 1919 von Raymond Orteig, dem wohlhabenden Hotelbesitzer, ausgeschrieben war. Nur wenige Tage später, am 4. Juni 1927 startete Chamberlin. Er verriet keinem das Ziel seines Fluges und so hatte er auch nur auf der Rumpfseite den Schriftzug „ New York - ……“ anbringen lassen. Später wurde dieser durch die Namen Berlin und Cottbus ergänzt. Chamberlins Flug ging über 6284, 5 Kilometer und wurde in 42 Stunden und 45 Minuten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 155 Kilometer pro Stunde absolviert.

Während Lindbergh seinen Flug allein durchführte, nahm Chamberlin einen Passagier mit und führte somit den ersten Nonstop-Passagierflug mit dem Flugzeug über den Atlantik von West nach Ost durch. Er übertraf sogar den Flug von Lindbergh um einige hundert Kilometer. Chamberlin verpasste zwar Berlin um etwa 100 Kilometer, seine Leistung, Dauer und Länge des Fluges, war aber überaus bemerkenswert.

Quellen:

  • Flight, Ausgabe Juni 1927, Seite 375
  • Tod und Sieg über den Weltmeeren, J. u. H. Matthias, Mittler und Sohn, Berlin 1937
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