Erster Weltkrieg: Ausstellung in Bielefeld

Bauernhausmuseum präsentiert spannende Weltkriegsausstellung

Motivkarte Erster Weltkrieg - Sammlung Giesbrecht
Motivkarte Erster Weltkrieg - Sammlung Giesbrecht
Vom 14. Februar bis zum 11. April präsentiert das Bauernhausmuseum Bielefeld (Dornberger Straße) täglich bis 18.00 die Wanderausstellung „Der Krieg auf der Bildpostkarte"

Die Ausstellung präsentiert spannende Motive aus dem Ersten Weltkrieg. Sie entstand aus einem Kooperationsprojekt zwischen der Universität Osnabrück (Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht), dem Stadtarchiv Versmold und dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. In Bielefeld wird sie um regionale Exponaten ergänzt; Schüler des Max-Plack-Gymnasiums waren an den Vorbereitungen beteiligt.

Motivpostkarten zum Ersten Weltkrieg

Die Ausstellung lenkt den Blick auf eine lange unbeachtete Bildquelle zur Geschichte des „Großen Krieges“. Millionen und Abermillionen von Motivpostkarten wurden von 1914 bis 1918 zwischen Front und Heimat hin und her gesandt. Für viele Menschen prägten die Bildmotive auf den Karten ihr Bild vom Kriege selbst. Mal euphorisch, bisweilen humorig, gelegentlich kritisch und manchmal auch emotional erzählen die Bildpostkarten vom Kriegserlebnis an Front und Heimatfront. Mit knappen historischen Kommentaren versehen, veranschaulichen sie die Geschichte des „Großen Krieges“, an dessen Ende das alte Europa gestorben und der Keim der Moderne gelegt war.

Erster Weltkrieg als Epochenzäsur

Bis heute gilt der Erste Weltkrieg als entscheidende Epochenzäsur. Er markiert den Untergang der mitteleuropäischen Monarchien ebenso, wie den Aufstieg großer kommunistischer und faschistischer Massenbewegungen in Europa. Der Sieg des Bolschewismus in Russland, der Aufstieg eines faschistischen Regimes in Italien, die Machtübernahme der NSDAP in Deutschland und die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, all dies führt ursächlich auf den Ersten Weltkrieg zurück. An seinem Ende war das historische Europa erledigt, und an seinen Rändern entstanden mit der Sowjetunion und den USA neue Mächte, deren Konfliktlagen bis Ende der 80er Jahre die Weltpolitik bestimmen sollten. Aber auch an manch entlegenem Flecken Europas, insbesondere auf dem Balkan, schürte der Erste Weltkrieg Krisen, die noch bis ins 21. Jahrhundert Wirkung zeigten. Auch in seiner Brutalität war der Erste Weltkrieg eine Epochenzäsur. Er gilt als erster industriell geführter Massenvernichtungskrieg, in dem alle volkswirtschaftliche Kraft für die kriegswirtschaftliche Produktion aufgewendet wurde. Materialschlachten ungeahnten Ausmaßes waren die Folge, wahre „Blutmühlen“, etwa vor Verdun und an der Somme. Insofern war der Erste Weltkrieg auch das historische Vorbild für den von Goebbels 1943 ausgerufenen „Totalen Krieg“. Millionenheere lagen sich über Jahre im Stellungskrieg gegenüber, die auszurüsten es eine umfassende Kriegswirtschaft bedurfte, die wiederum nur auf Kosten der zivilen Wirtschaft und der Überlebensbedürfnisse der Bevölkerung zu realisieren war.

Sechs Themenkreise

Aus dem annähernd 2000 Objekte starken Fundus der Sammlung Historische Bildpostkarten, Prof. Dr. Sabine Giesbrecht, wird ein Durchgang mit insgesamt sechs Themenkreisen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges präsentiert. Im Zentrum der Ausstellung steht dabei das Bildmotiv als Quelle zur Wahrnehmungsgeschichte des Ersten Weltkrieges. Zum Zweck der Präsentation werden die Motive im Rahmen der Ausstellung in etwas vergrößertem Format vorgestellt. Auf die Präsentation der Originalkarten wird verzichtet, sie können unter der entsprechenden url der Universität Osnabrück gesondert eingesehen werden.

Die Themenkreise sind: Kriegsausbruchspropaganda, Feindpropaganda, Alltag an der Front, Kriegsinvalidität und Massensterben, Leben und Überleben an der Heimatfront mit dem Sonderthema des allgegenwärtigen Spenden- und Sammelwesens. Die Themenkreise werden mit einzelnen Tafeln erläuternd vorgestellt. Die Bildpostkarten selbst sind mit speziellen Motiverläuternden Texten so versehen, dass sich die Ausstellung selbst erklärt.

Ausstellung im Überblick

Bei Kriegsausbruch wurde eine Fülle von Motiven in propagandistischer Absicht produziert und als Feldpostkarten in Umlauf gebracht. Es galt, sich zur Verteidigung von Kaiser, Volk und Vaterland zu sammeln und gen Westen und Osten zu ziehen. Bald widmete man sich auch dem Thema der Feindpropaganda; „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos“ war eine Formel, die sich in modifizierter Form auch für andere Kriegsgegner wie Italien und England fand. Bei der thematischen Durchsicht zeigt sich, dass sich neben der absichtsvoll gestalteten, propagandistischen Bildpostkarte langsam aber sicher auch Kartenmotive mit höherem Realitätsgehalt durchsetzten. Ihre Bedeutung ist insofern hoch einzuschätzen als dass Bildpostkarten dem zeitgenössischen Betrachter schlichtweg die Möglichkeit boten, sich ein (erstes) Bild vom Krieg zu machen. Eine Fülle von Karten rund um die Kämpfe an den verschiedenen Fronten gewähren neben propagandistisch gestellten Motiven auch ansatzweise realistisch anmutende Einblicke in den Alltag des Krieges, vor allem durch die Themensetzung. Thematisiert werden etwa Kriegstod und Kriegsverwundung, daneben Szenen aus den Schützengräben selbst. Vielfach operierten die Motive abseits von Glanz und Gloria und trugen in der Heimat dazu bei, sich das gewandelte Kriegserlebnis im industrialisierten Massenvernichtungskrieg in Grenzen vergegenwärtigen zu können. Umfangreiches Quellenmaterial zeigt sich schließlich in der Inszenierung der Mangelwirtschaft. Die Bildmotive der „Heimatfront“, in denen die fundamentale Überlebenskrise der deutschen Zivilgesellschaft auf vielfache Weise und häufig mit den Mitteln der Ironie beschrieben wurden, müssen auch deshalb hoch eingeschätzt werden, weil sie der kämpfenden Front ein Bild vom Elend in der Heimat, für deren Wohlergehen angeblich gekämpft werden musste, vermittelten. Sie realisierten in besonderer Weise das Versagen eines Staatswesens, dem letztlich auch keine Loyalität mehr zu schulden war, und das im November 1918 mit einem Federstrich beseitigt werden konnte.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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