Erstmals kein Deutscher Chefvolkswirt der EZB

Euro - Schwehn
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Präsident Draghi entschied sich für einen belgischen Banker. Aber für Jörg Asmussen gibt es anspruchsvolle neue Aufgaben

Mario Draghi, der italienische Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat am 3. Januar 2012 einen Coup gelandet. Er hat eine personelle Rochade gestartet, die auf den ersten Blick als ein Schlag gegen deutsche Interessen hätte gewertet werden können, in Wirklichkeit aber das Gegenteil ist. Draghi hat nämlich entgegen allen Erwartungen zum ersten Mal in der Geschichte der EZB keinen Deutschen zum Chefvolkswirt des in Frankfurt ansässigen Instituts bestellt – in der Nachfolge des aus Protest gegen die Krisenpolitik der EZB zurückgetretenen Jürgen Stark – sondern den Belgier Peter Praet. Der als hoher Favorit gehandelte ehemalige Staatssekretär im Hause Schäuble, Jörg Asmussen, wird stattdessen das Ressort Internationales erhalten. Damit wird er der Vertreter Draghis in der Euro-Group und bei den Verhandlungen der G20. Positionen also von hohem Gewicht.

Machtkampf zwischen Paris und Berlin entschärft

Das Tauziehen um den Posten des Chefvolkswirts in der Nachfolge von Stark, der bereits im September 2011 seinen Rücktritt erklärt hatte, begann zwei Monate später. Obwohl, wie immer eigentlich, ein deutscher Kandidat als gesetzt galt, meldete plötzlich auch Frankreich Ansprüche an. Mit Nachdruck und mit dem Ergebnis, dass Insider gar von einem Machtkampf zwischen Paris und Berlin sprachen. Die Bundesregierung schickte Asmussen ins Rennen, und die Franzosen zauberten nach einiger Zeit Benoit Coeuré aus dem Hut. Den Streit hat Draghi nun sozusagen in Luft aufgelöst. Beide gehörten bereits seit Januar 2011 dem sechsköpfigen Direktorium der Notenbank an. Während Coeuré nunmehr die Abteilung „Märkte“ übernehmen soll, ist Asmussen künftig für weite Teile der Aussenbeziehungen zuständig, in enger Kooperation mit dem EZB-Präsidenten, und wird zusätzlich die Rechtsabteilung übernehmen.

Vizepräsident der EZB entmachtet

Mit dieser unerwarteten Entscheidung, heißt es in Bankenkreisen, hat der italienische Präsident bewiesen, dass er nicht auf jeden Wink aus Berlin oder Paris reagiert. Und mit Praet hat er einen Experten, der im Laufe seiner Karriere schon Chefvolkswirt einer großen privaten Bank gewesen ist. Er gilt als Fachmann für Bankenregulierung. Mit dem Revirement hat Draghi noch eines erreicht: Er hat mit der Neuverteilung der Aufgaben seinen Vizepräsidenten, den Portugiesen Vitor Constanico, der bei der Europäischen Zentralbank seit längerem als Problemfall gilt, weitgehend entmacht. Denn die Außenbeziehungen der EZB, die nun Asmussen pflegen wird, gehörten bislang zu dem Aufgabenbereich des Vizepräsidenten. Somit hat sich die Bundesregierung in ersten Stellungnahmen zufrieden gezeigt; die deutsche Seite müsse sich nicht übergangen fühlen. Praet sei eine gute Wahl, und Asmussen erhalte wichtige Aufgaben. Paris hingegen blieb in ersten Stellungnahmen zurückhaltend. Denn Coeuré hat künftig wenig dankbare Aufgaben. Er hat die umstrittenen Staatsanleihenverkäufe der EZB zu koordinieren.

Weiterführende Informationen:

Spiegel online

FAZ online

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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