Erwachsene Menschen mit ADHS

Die Aufmerksamkeitsstörung besteht nicht nur in jungen Jahren

Teure Medikamente bei ADHS für Erwachsene - Andreas Morlok
Teure Medikamente bei ADHS für Erwachsene - Andreas Morlok
Medikamente zur Behandlung des ADHS sind in Deutschland für Patienten bis 18 Jahren zugelassen. Betroffenen Erwachsenen bleibt medikamentöse Therapie oft verwehrt.

Das Urteil des Bundessozialgerichtes vom 30. Juni 2009 zur Ablehnung der Kostenübernahme für ein Medikament zur Behandlung des Aufmerksamkeits- Defizit- Hyperaktivitäts- Syndroms (ADHS) im Falle eines Erwachsenen sei zum Anlass genommen, die Hintergründe dieser Rechtsstreitigkeit zu beleuchten. Im vorliegenden Fall wurde die Störung erst im Erwachsenenalter diagnostiziert und die beeinträchtigte Lebensqualität durch medikamentöse Therapie deutlich gebessert. Der Kläger gibt jedoch nach eigenen Angaben jeden Monat 80 bis 126 Euro für das Medikament aus, denn in Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten bei erwachsenen Patienten im Allgemeinen nicht. Ein Vertreter der beklagten Techniker Krankenkasse gesteht lediglich zu, „die Kassen würden Versicherten, die bereits als Jugendliche erfolgreich mit Methylphenidat [Wirkstoff, der auch im Ritalin enthalten ist] behandelt wurden, das Mittel in der Regel ein oder zwei Jahre weiter bezahlen, insbesondere dann, wenn die jungen Erwachsenen sich noch in der Ausbildung oder in Prüfungen befänden.“ Ein Entgegenkommen. Ein Rechtsanspruch auf Kostenübernahme besteht auch für junge Erwachsene in Ausbildung nicht.

Was ist das Aufmerksamkeits- Defizit- Hyperaktivitäts- Syndrom (ADHS) und mit welcher Häufigkeit tritt es auf?

Das Aufmerksamkeits- Defizit- Hyperaktivitäts- Syndrom wird vielfach als Störung der Aufmerksamkeits- und Impulskontrolle im Kinder- und Jugendalter gesehen. Zunehmend setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass die Symptomatik häufig über die Adoleszenz hinweg anhält und ADHS auch bei Erwachsenen behandlungsbedürftig sein kann. Edward M. Hallowell indes beschreibt das ADHS schlicht als eine andere Art zu leben.

Laut Bundesverband ADHS e.V. Deutschland sind ca. 3 bis 5 Prozent der Kinder betroffen und bei ca. 6 von 10 Kindern bestehen die Probleme im Erwachsenenalter weiter.

Welche Therapien gibt es?

Nicht immer ist Behandlung nötig. Manche Erwachsenen mit ADHS finden eine soziale Nische, in der die Symptomatik sich nicht als Schwäche, sondern im günstigsten Fall sogar als Vorteil erweist. Das können zum Beispiel der kreative Arbeitsbereich oder ein Arbeitsplatz in einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb sein. In der modernen, hektischen und hoch spezialisierten Lern- und Arbeitswelt werden Nischen für Menschen, die zu Sprunghaftigkeit neigen und stets an mehreren Baustellen gleichzeitig arbeiten, jedoch zunehmend seltener. Immer mehr Erwachsene mit ADHS benötigen daher therapeutische Unterstützung.

Neben dem persönlichen Austausch in Selbsthilfegruppen und psychologischer bzw. psychotherapeutischer Behandlung kann medikamentöse Unterstützung hilfreich sein, vor allem parallel zu Psychotherapien, denen kontinuierlich Aufmerksamkeit entgegengebracht werden muss, was häufig nur mit medikamentöser Unterstützung möglich ist. Die Wirksamkeit von Methylphenidat auch bei Erwachsenen ist unter Fachleuten weitestgehend unstrittig. „Amerikanische Kollegen verordnen auch bei Erwachsenen Stimulanzien als Mittel der ersten Wahl; sie empfinden die Zurückhaltung in Europa eher befremdlich und reagieren erstaunt, weil den Betroffenen somit eine effektive Therapie versagt wird.“ (Klaus Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Tress. 2. Auflage. Schattauer 2007, S.138)

Der Streit um medikamentöse Therapien für Erwachsene mit ADHS

Zwar wird auch in Deutschland Erwachsenen mit ADHS bei Bedarf Methylphenidat verordnet, nur müssen sie es aus eigener Tasche bezahlen, wenn sie gesetzlich krankenversichert sind. Allerdings ist es nicht allen Erwachsenen mit ADHS, die einer medikamentösen Therapie bedürfen, finanziell möglich, das Medikament zusätzlich zum Krankenkassenbeitrag aus eigener Tasche zu bezahlen. Daher klagten und klagen betroffene Patienten wiederholt gegen ihre Krankenkassen, wenngleich diesen die alleinige Schuld nicht ohne weiteres gegeben werden kann. Die Krankenkassen müssen die Kosten für Methylphenidat für erwachsene Patienten nicht übernehmen, solange es nur für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren zugelassen ist. Hier sind gesundheitspolitische Entscheidungsträger in die Pflicht genommen, den Prozess der Zulassungserweiterung dieses Medikamentes zur Behandlung Erwachsener mit ADHS zu beschleunigen.

Private Krankenkassen bezahlen betroffenen Erwachsenen Methylphenidat, wenn es ärztlich verordnet ist, die Barmer Ersatzkasse seit neuestem auf begründete Antragstellung hin auch. In anderen gesetzlichen Krankenkassen versicherte erwachsene Patienten mit ADHS müssen benötigte Medikamente bislang selbst bezahlen.

Folgen ausbleibender medikamentöser Therapie

Der AdS e.V. untermauert die Forderung nach Zulassung der Medikamente zur Behandlung des ADHS auch für Erwachsene mit folgenden Argumenten:

- ADHS ist keine Modekrankheit.

- Experten stellen die Diagnosen.

- Medizinische und persönliche Folgen von unbehandeltem ADHS können Schulversagen, erhöhtes Unfallrisiko und gestörtes Sozialverhalten sein.

- Soziale und ökonomische Folgen von unbehandeltem ADHS sind beispielsweise 3 - 5 fach erhöhte Scheidungsraten, Depressionen, Kriminalitätsrisiko und Arbeitslosigkeit. (M. Schlander, ADHS, Bad Boll 2003)

- Unbehandeltes ADHS kostet die Gesellschaft viel Geld. (Statistisches Bundesamt: Schulbildung, Maßnahmen der Jugendhilfe)

- Laut Artikel 12 des UN- Sozialpaktes, UN Generalsversammlung 1966, von der Bundesrepublik Deutschland 1973 ratifiziert, haben alle Menschen das Recht auf den besten erreichbaren Gesundheitszustand.

Miriam Hartz, Photograph: Jörg Gerhard Bundschuh

Miriam Hartz - Im Anschluss an 18jähriges Dasein in Minderjährig- und Unmündigkeit als Buchbindergehilfin gearbeitet, eine Lehre zur ...

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