Erzählung von Georg Büchner – Lenz

Das Fragment einer Studie des kommenden Wahnsinns

Büchner: Lenz - Suhrkamp
Büchner: Lenz - Suhrkamp
Büchners 1835 erschienene Erzählung über den Sturm-und-Drang-Autoren Jakob Michael Reinhold Lenz ist auch eine Kritik an Idealismus und Klassik.

Georg Büchner (1813 bis 1837) wagte sich mit seiner Novelle an eine Art Psychogramm des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz, der mit seiner Geisteskrankheit kämpfte.

Kurzvita von Jakob Michael Reinhold Lenz

Lenz (1751 bis 1792) wurde als Sohn eines Pfarrers geboren. Der Vater war sehr streng. Lenz studiert Theologie, bricht sein Studium aber ab und wird Hofmeister der Brüder von Kleist. Erfahrung verarbeitet er in der Komödie "Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung". Er lernt die Schriftsteller Goethe und Herder kennen. Mit Goethe überwirft er sich und wird wird wegen übler Nachrede des Landes verwiesen. Als er 27 Jahre ist, kommt seine Geisteskrankheit zu vollem Ausbruch. Nach einem Aufenthalt bei dem Pfarrer Oberlin kommt er zurück ins strenge Vaterhaus. Der Vater schickt den Sohn nach Moskau. Dort stirbt Lenz nach zehn Jahren im Elend.

Büchner nutzte Aufzeichnungen des Pfarrers Oberlin

Lenz gelangt 1778 nach Waldbach und kommt dort beim Pfarrer Oberlin unter. Hier will er sich erholen. Doch es häufen sich die Krankheitsschübe, der Pfarrer ist überfordert. Er führt ein Tagebuch über den Aufenthalt des jungen Dichters. Diese Aufzeichnungen macht sich Georg Büchner, der studierte Mediziner, für sein Lenz-Porträt zunutze. Er nimmt den Leser mit in die verstörende Gedankenwelt des Stürmer-und-Drängers, seiner hypnotischen Sprache kann man sich nicht entziehen. Büchner berichtet aus Lenz' Sichtweise. Er beschreibt die Phasen der Ruhe und Erschöpfung ebenso wie Phasen der schizophrenen Hysterie:

"Jetzt ist es mir so eng, so eng, sehn Sie, es ist, als stieß' ich mit den Händen an den Himmel; o ich ersticke!"

Büchner: neuer Heldentypus, neue Erzählweise

Lenz zweifelt an sich selbst. So eine Figur als Protagonist zu verwenden ist für die damalige Zeit etwas Neues. Auch die Themen, an die sich Büchner hier heranwagt, sind fast schon revolutionär: Verlust von religiöser Sicherheit, Außenseitertum und Repressalien durch die Gesellschaft. Als Erzähler tritt Büchner ganz in den Hintergrund, ist eigentlich kaum noch erkennbar. Büchner vermischt das Normale mit dem Extremen. So erlebt Lenz "schreiende Stille" auf seinen Spaziergängen in der Natur. Entgegen der klassischen Dichtung, wo der Mensch die Natur beherrschte, spiegelt in "Lenz" die Natur die innere Befindlichkeit des unglücklichen Helden. Die rasche Veränderung spiegelt die Zerrissenheit des Geistes wider.

Büchners Kritik am Idealismus

Der humanistisch gebildete Georg Büchner gründet 1834 während seines Medizinstudiums in Gießen die "Gesellschaft für Menschenrechte" und veröffentlicht die sozialrevolutionäre Flugschrift "Der hessische Landbote". Dass das Schicksal von J.M.R. Lenz ihn reizte, ist daher verständlich. Nicht das reinste menschliche Ideal war für ihn interessant und darstellenswert, sondern jeder Mensch, in seine Hässlichkeit und auch Krankheit. Die Wirklichkeit galt es zu vermitteln. Büchner lässt seinen Antihelden an seiner Statt Kritik an Idealismus und Klassik üben:

"Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur."

Georg Büchner: Lenz. Hrsg. und kommentiert von Burghard Dedner. Suhrkamp 1998. Taschenbuch, 155 Seiten. Euro 5,50.

Simone Sass, Simone Sass

Simone Sass - Echtes Ruhrgebietskind. Studierte Germanistin und Historikerin. Auslandsaufenthalt in Irland. Praktika in Museen, Stadtverwaltung und TV. ...

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