Erziehung als biologisches und soziales Phänomen

Pädagogik (Erziehungswissenschaft) braucht nicht nur Psychologie, Soziologie und Anthropologie als Hilfswissenschaften, sondern auch Biologie und Ethologie.

Erziehung ist eine historische und gesellschaftliche Tatsache. Das Phänomen ist von der Pädagogik in einem wissenschaftlichen und praktischen Zusammenhang zu bearbeiten. Es gibt jedoch keinen einheitlichen, durch alle Richtungen der Pädagogik hindurch gehenden Begriff von Erziehung. Es lassen sich leicht deutlich mehr als ein Dutzend verschiedene Erziehungsbegriffe aus der pädagogischen Literatur ermitteln.

Drei grundlegende Richtung sind dabei zu erkennen:

  • Erziehung im Sinne geisteswissenschaftlicher Pädagogik (z.B. Hermann Nohl)
  • Erziehung im Sinne einer emanzipatorischen Pädagogik (z.B. Klaus Mollenhauer)
  • Erziehung im Sinne einer empirisch analytischen Pädagogik (z.B. Wolfgang Brezinka)

Erziehung setzt Soziabilität und Sozialität voraus

Trotz der vermeintlichen unüberbrückbaren Unterschiede dieser drei Konzepte gibt es eine Gemeinsamkeit. Durch alle drei hindurch geht der Aspekt der Edukabilität. Erziehungsfähigkeit und Bildsamkeit ist ein wesentliches Merkmal des Menschen. Der Homo educabilis ist fähig, erzogen werden zu können. Dieses Phänomen setzt Soziabilität voraus, da Erziehung stets in sozialen Zusammenhängen stattfindet. Soziabilität ist die Fähigkeit, sein Verhalten verändern und beeinflussen zu können. Soziabilität ruht auf Sozialität. Sozialität meint, dass ein soziales Verhalten im Sinne von geselligem Verhalten vorhanden ist. Soziabilität und Sozialität verhalten sich als Begriffspaar wie Formung und Form. Jeder Erziehungsbegriff bezeichnet also auf jeden Fall eine Form sozialer Interaktion. Erziehung als soziales Phänomen ist das Element der Pädagogik.

Aus Sicht der Pädagogik Hilfswissenschaften: Psychologie, Soziologie, Anthropologie

Die Analyse menschlicher Sozialität und Soziabilität ist nicht allein Aufgabe der Erziehungswissenschaft. Auch andere Wissenschaftsdisziplinen haben sich dieser Phänomene angenommen. Die praktischen Interpretationen beispielsweise psychologischer, soziologischer oder anthropologischer Erkenntnisse für die Pädagogik sind weitgehend akzeptiert. Wissenschaftszweige wie Pädagogische Anthropologie, Pädagogische Psychologie oder Erziehungssoziologie belegen dies auffällig.

Ethologie, Humanethologie, Verhaltensbiologie als Hilfswissenschaften der Pädagogik

Andere Wissenschaften, wie beispielsweise die vergleichende Verhaltensforschung (Ethologie), der Humanethologie oder der Verhaltensbiologie haben eher wenig Eingang in pädagogisches Denken und damit in die erzieherische Praxis gefunden. Wer von biologischen, naturwissenschaftlichen Grundlagen des Verhaltens des Menschen spricht, wird gerne in die Ecke derjenigen gestellt, die Angeborenes, Instinktives als schicksalhaft ablehnen und gesellschaftspolitisch diffamieren.

Ein stammesgeschichtliches Erbe kann nicht automatisch als Entschuldigung für soziales Fehlverhalten herangezogen werden. Menschliches Handeln unterscheidet sich von tierischem Verhalten durch die Fähigkeit, entscheiden und reflektieren zu können. Dadurch ist Verantwortung erst möglich. Aber die biologische und prähistorische Grundlage des Verhaltens von Menschen darf auch nicht wegdiskutiert werden. Sonst überfordert Erziehung den Erzieher und den Schützling.

Quellen:

  • Brezinka, Wolfgang (1971): Über Erziehungsbegriffe. Eine kritische Analyse und ein Explikationsvorschlag. Zeitschrift für Pädagogik 17 (5) 567-615.
  • Mollenhauer, Klaus (1968): Was ist Erziehung? In: Pädagogisches Lesebuch. Herausgeber K. Schilde. Frankfurt am Main, S. 94-99.
  • Nohl, Hermann (1933): Der pädagogische Bezug. In: Handbuch der Pädagogik Band 1 Berlin und München, S. 20-26.
  • Ott, Gerhard (1978): Ethologie und Pädagogik. Zu Problemen menschlicher Sozialität und Soziabilität. Dipl.-Arbeit Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, S. 1-209
Gerhard Ott, Annegret Ott

Gerhard Ott - Ott, Gerhard Manchmal genutztes Pseudonym: Perdurus Eus *11. Febr. 1954 in Walsum am Niederrhein, Studium Erziehungswissenschaften ...

rss